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Nacht in Zürich
Der Hotelportier ist schlechter Laune. "Zimmer 172, 15. Stock," brummt er vor sich hin. Er sieht mich mißmutig
an - wer weiß, was er sich so denkt. Viel Gutes wird´s nicht sein, Hotelportiers sind so eine Sache.
Ich schreibe mich ein. Was die immer alles wissen wollen, Beruf und so. Dann fahre ich hinauf. Das Appartement ist wie gewohnt,
luxuriös, wunderbare Fernsicht, im Hintergrund die Alpen. Die Stadt liegt mir zu Füßen, der See lächelt, ich lächle
zurück. Switzerland is a nice country; I like Zürich, yes, indeed!
Ich ziehe mich aus, sehe mich im Spiegel: ein Mann, ohne Zweifel. Ich lächle noch mehr - was wird werden....?
Meine Figur kann sich sehen lassen, auch oben. Langsam werde ich unruhig, öffne meine Koffer und beginne - beginne
mit dem, das ich oft nicht fassen kann: der Verwandlung in jene Erscheinung, die sich Gigi nennt, ganz einfach Gigi.
Hauchdünne Nylons, schwarze Dessous, verrückte hohe Absätze; das Minikleid ist aus schwarzem Samt, lang und
blond sind die Haare. Aber nein, dann fällt mir ein, daß mir heute eigentlich mehr nach rot zumute ist, nach tizianroten, erregend
langen Haaren.
Ich verschwinde in einer Wolke aus Parfüm und wallendem Haar, meine Augen werden größer, meine Lippen voller,
meine Züge entspannen sich: Gigi steigt empor wie Phönix aus der Asche.
Ich atme auf. Die Spannung ist weg, ich fühle mich frei, schwebe wie auf Wolken, bin verliebt in die Welt. Könnte
es nicht immer so sein?
Ich gehe hinunter; der Portier lächelt mich an, ist überfreundlich, mustert mich ausgiebig; langsam werde ich
rot. "Gewiß doch, mein Fräulein, ein Taxi, sofort. Schönen Abend, viel Vergnügen!" Er buckelt, ich antworte mit
einem Lächeln. So sind die Männer...!
Der Taxifahrer lächelt auch, schaut mich herausfordernd an. Er sagt: "So hübsch und so allein?""Bald
bin ich es nicht mehr", sage ich. Als er den Namen der Bar hört, hat er verstanden. "Recht haben Sie", sagt er frech, "wenn
man so aussieht wie Sie...!"
Ich sitze in der Bar; wieder mustert man mich. Was ist das wohl für eine? Dann nähern sich langsam die Ersten,
die ganz Mutigen schieben sich immer dichter heran; ich bringe mich in Stellung.
Der Herr mit den angegrauten Schläfen gewinnt und spricht mich an. Ich mag Männer, die direkt sind und auch noch
graue Schläfen haben. Ich irre mich nicht: als wir genug gelächelt haben, steht Champagner vor uns.
Ich mache meine Beine noch länger, er starrt gebannt darauf. Männer... denke ich. Es fängt ja alles wieder
toll an.
"Teures Mädchen, was?" fragt er. Ich lächele noch mehr - es ist meine Taktik. Es wirkt. " Wir werden
uns verstehen", sagt er. Ein Gentleman,Gigi, sage ich mir. Sind seltene Exemplare heutzutage....festhalten!
Ich liege im Bett und halte ihn immer noch fest. Er heißt Raymond und atmet schwer. Er ist erstaunt und wundert sich,
daß es so etwas wie mich überhaupt gibt. "Wie bei einer Frau," sagt er immer wieder.
"Bin ich ja auch", korrigiere ich. "Natürlich," sagt er," bis auf den kleinen Unterschied."
Nun lächeln wir beide... Er ist verliebt, verliebt in mich, mein Gesicht, meinen Körper, umarmt mich immer wieder. Er sagt es mir, wird
ernst; er kennt sich nicht wieder, sagt er. Er wußte nicht, daß es solche Liebe gibt und solche Mädchen.
Ich lächele wieder, küsse ihn, weich und zart, hart und fest, dorthin, wo es mir Spaß macht, immer wieder.
Ich wache auf, spüre ihn nicht mehr. Die Sonne geht auf, die Welt wird wieder hell, Zürich ist erwacht. Ich stehe
auf, das Bett ist leer, auf dem Tisch liegt ein Umschlag. War doch einGentleman, dieser Raymond - auf Herren mit grauen Schläfen ist eben
Verlass....
Ich werde nach Teneriffa fliegen und dort wieder Gigi sein: es wird reichen für den Rückflug.C'est la vie - wie
gewonnen, so zerronnen. Das Leben ist schön, ich weiß wieder, warum.
Ich packe, verlasse das Appartement, fahre hinunter, gehe an die Rezeption. "Zimmer 172", sage ich," Die
Rechnung bitte."
Der Portier brummt wieder vor sich hin, und ich bin glücklich: es ist wieder so, wie es war. Ich gehe hinaus, der Boy
schleppt meine Koffer, ich starte den Motor. Gigi has gone, les jeux sont faits!
Copyright by Karman Productions 1973
G.K.
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