Abschied von Teneriffa

Teneriffa liegt unter uns, in Gold gebadet; am Horizont leuchtet der dunkelrote Abendhimmel. Ich finde es nett vom Piloten, noch eine letzte Runde über diesen herrlichen Inseln zu drehen. Gespannt schaue ich nach unten; alles, was ich in diesen Wochen so liebgewonnen habe, gleitet noch einmal an mir vorüber. Mein Herz füllt sich mit Wehmut, und mir wird ganz traurig. Ja, diesmal fällt es mir besonders schwer, Abschied zu nehmen - Abschied von Teneriffa. So vieles ist hier geschehen, so viele schöne Stunden bleiben zurück - und ich wußte nicht, daß es so schwer sein würde. Meine Augen füllen sich mit Tränen, langsam sehe ich noch einmal alle Erinnerungen an mir vorbeiziehen, Erinnerungen an Teneriffa, Erinnerungen an Gonzales.

Vor drei Wochen ging eine neue Welt für mich auf, eine Welt der Zärtlichkeit, der Überraschung und der Liebe. Die Villa von Gonzales war ein Traum, unendlich weiß und weit, mit einem Swimmingpool, wie ich ihn mir nicht schöner hätte vorstellen können. Und dann die Aussicht: märchenhaft war sie, Santa Cruz unter uns, Gran Canaria neblig am Horizont, ein fast unwirklicher Anblick mit ihren Bergen.

Und dann waren die vielen schönen Abende, draußen im Garten oder im Hause, an denen wir nur für uns da waren, die Nächte, die ich nie vergessen werde, die Stunden, in denen mir Gonzales seine Liebe zeigte, auf seine Art und unsagbar schön. Ich fühlte mich dort der Welt entrückt und konnte mir nicht vorstellen, daß dies alles einmal zu Ende gehen könnte.

Morgens, gleich nach dem Aufstehen, war Gonzales dann schon wieder rührig und zog mich mit in den leuchtend blauen Swimmingpool. Und dort wurde ich dann erst richtig wach. Im wohlig-warmen Wasser konnte man zwar so richtig weiterträumen, aber Gonzales ließ es meist nicht dazu kommen und Rücksicht auf Nachbarn brauchten wir nicht zu nehmen - wir waren eben auf Teneriffa...

Etwas peinlich war es mir eigentlich nur, daß er es liebte, auf den vielen Parties, an die ich mich so gut erinnere, als wären sie erst gestern gewesen, manchmal recht deutlich zu werden. Zuerst schockierte es mich, aber dann wurde es mir bewußt, daß man sich gar nichts dabei dachte und es höchstens als pikante Neuigkeit zur Kenntnis nahm. Die Maßstäbe waren in diesen Kreisen eben ganz anders als im naßkalten Europa - Zürich und Düsseldorf waren dort weit weg...

Ich erfuhr, wieviel Spaß das alles machte und daß wir - vielleicht gerade deshalb? - immer öfter eingeladen wurden. Gonzales freute sich sehr über das Aufsehen, das wir erregten; man sah ihm an, wie wohl ihm dabei war, und ich freute mich mit ihm. Für ihn hätte ich alles getan...

Ja, diese Parties! Abends, wenn es so herrlich warm war, wenn von unten die Klänge von Santa Cruz heraufdrangen und die Sonne blutrot im Meer versank, dann erwachte die Bungalow-Siedlung hoch auf den Hängen von Teneriffa. Überall gingen die Lichter an, tolle Wagen fuhren auf und ab, von überall her erklang Musik - es war einfach wunderbar.

Wir benutzten für unsere Partyfahrten immer Gonzales silbergraue Lancia., fast schon museumsreif, aber er hing nun mal an dem Wagen. Ich mußte in solchen Augenblicken sogar einen Teil seines Stolzes mit ihm teilen, aber das machte mir nichts aus. Dafür war mein Kleid um so tiefer ausgeschnitten und meine Beine um so länger und die Absätze meiner Schuhe um so höher. Wir versuchten, einander auszustechen, und Gonzales lächelte dazu. Ich gönnte ihm die Freude, zwei Frauen zu haben... warum auch nicht?

Überhaupt war Gonzales unendlich zärtlich und voller Behutsamkeit zu mir. Noch nie zuvor fühlte ich mich so geliebt, noch nie erfuhr ich so viel Zärtlichkeit wie in diesen Tagen. Er konnte sich nicht satt sehen an mir, an meinem Gesicht, meinem Körper, und mein Bikini weitete sich immer mehr vom häufigen An-und Ausziehen. Unermüdlich konnte sich Gonzales damit beschäftigen, und ich ließ ihn gewähren.

"Ich liebe dich," sagte er immer wieder, "ich liebe dein Gesicht, deine Haare, deinen Körper, alles an dir. Du bist für mich eine wundervolle Frau, so wie ich sie mir immer erträumt habe. Ich liebe es, wie du dich bewegst, wie du dich windest unter meinen Händen, liebe deine Weichheit, deine Wärme, wenn ich dich in den Armen halte. Ich möchte dich nie mehr hergeben, möchte dich immer bei mir behalten. Du solltest so glücklich bleiben, wie du jetzt bist...bitte, bleib doch bei mir!"

Es ist, als ob ich diese Worte ganz nahe hörte, jetzt da Teneriffa schon weit weg ist und nur noch schwach sichtbar im glühendroten Abendhimmel versinkt. Wie glücklich hat die weiche Stimme von Gonzales mich oft gemacht, diese sanfte Mischung von Kraft und Zärtlichkeit, und wie viele schöne Erinnerungen sind mit ihr verbunden.

Ich werde diese Stimme, diese Worte nie vergessen - sie haben mich glücklich gemacht, immer wieder. "Ja, Gonzales, ich liebe dich auch. Ich war so glücklich bei dir, so unsagbar glücklich...bitte, geh nicht fort von mir, bleib ganz nahe bei mir. Ich möchte dich an mich pressen und deine Wärme spüren, jeden Tag, jede Stunde. Die Zärtlichkeit deiner Lippen, die Behutsamkeit deiner Hände, die Kraft deines Körpers. Ich möchte weinen, stundenlang, nur für mich allein, um dich, um das Glück, das plötzlich so weit weg von mir ist. Ach, Gonzales, warum nur mußte ich fort von dir?"

Eine weiche Stimme weckt mich aus meinen Träumen. "Ist Ihnen nicht wohl, Monsieur? Kann ich etwas für Sie tun?" Die Stewardeß schaut mich besorgt an. Ich bin froh, daß sie so nett zu mir ist, gerade jetzt. "Nein, danke, Mademoiselle," sage ich zu ihr - was sollte ich sonst auch sagen?

Mit der Melancholie muß ich allein fertig werden. Tief in meinem Herzen aber werde ich diese Tage von Teneriffa hüten - vielleicht werden sie nochmals wiederkommen, vielleicht aber auch nicht... Aber jetzt weiß ich, daß es auch für mich ein echtes Glück in dieser Welt gibt, und daß ich dieses Glück in mir trage. Ich habe lange danach gesucht - Teneriffa hat es mir gegeben, und Gonzales hat es bestätigt. Und plötzlich muß ich wirklich weinen, aber jetzt weiß ich auch, warum: weinen kann man auch vor Glück! Und das tue ich jetzt, hemmungslos und heftig. Warum sollte ich mich dieser Tränen schämen...?


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G.K.