Transsexuelle Menschen in Deutschland - Im falschen Körper

Fotografien und Texte von Daniel und Geo Fuchs

Neue Gesellschaft für Bildende Kunst e.V. (NGBK)
mit Unterstützung vom Haus am Kleistpark

Rahmenveranstaltung zur Ausstellung
am Mittwoch, den 01.10.1997, 19 Uhr
im Haus am Kleistpark,
Grunewaldstraße 6-7,
10823 Berlin.

TRANSSEXUALITÄT IM KULTURELLEN VERGLEICH

Vortrag und Diskussion
mit Johanna Kamermans, Berlin


Kontakt:
Johanna Kamermans
Postfach 19 11 22
14001 Berlin-Charlottenburg

TRANSSEXUALITÄT IM KULTURELLEN VERGLEICH

Guten Abend, mein Name ist Johanna Kamermans, ich bin Jahrgang 1938, komme aus Berlin und erlebe mich - und das seit bald 25 Jahren - als transsexuell.
Ich werde im Rahmen dieses Vortrags versuchen, Geschlechtswandel-Phänomene in anderen Kulturen, Zeiten und Sozialstrukturen zu beleuchten - allerdings nur ansatzweise, da diese Thematik derart vielfältig ist, daß man darin regelrecht versinken kann. Meine beiden Sachbücher "Mythos Geschlechtswandel" (1992) und "Künstliche Geschlechter" (1995) bilden dabei die Grundlage für die kommenden Ausführungen, allerdings auch nur wieder in grober Übersicht: das auf die Geschlechtswandel-Thematik abzielende Quellenmaterial ist hierbei schier unerschöpflich, vor allem um die Jahrhundertwende gab es unendlich viele Publikationen. Im aktuellen Sinne sei verwiesen auf die von der Berliner Buchhandlung Prinz Eisenherz regelmäßig veröffentlichte Auswahlliste der lieferbaren Bücher zum Thema Transsexualität/Transvestitismus - die Liste vom 07.02.1996 weist 126 Titel aus. Und täglich werden es mehr.

Es sei weiter noch vermerkt, daß aus Zeitgründen der heutige Vortrag auch wieder nur ein Extrakt darstellt und zwar aus dem 11/2 Stunden-Vortrag mit dem Titel "Transsexualität: ein kultureller Vergleich", welchen ich Anfang dieses Jahres in Köln in der Paul-Gerhard-Kirche - gleichfalls aus Anlaß der Foto-Ausstellung "Im falschen Körper - Transsexuelle Menschen in Deutschland" von Geo und Daniel Fuchs - gehalten habe. Dieser Vortrag ist, mit Illustrationen versehen, übrigens ab sofort abrufbar im Internet unter der Adresse http://macman.org/transmythos.

Vorweg eine kurze Zusammenfassung der zu behandelnde Thematik. Es wird dabei versucht, ein Panorama unterschiedlichster Geschlechtswandelphänomene aufzuzeichnen, angefangen bei solchen im Rahmen der vorderasiatischen Fruchtbarkeitskulten der Bronzezeit, der "androgynischen Idee des Lebens" in der Antike sowie des Eindeutigkeitsdenkens späterer monotheistischer Religionen. Weitere Schwerpunkte bilden sodann das überaus verfeinerte Berdachen-System der nordamerikanischen Ur-Indianer sowie ein Aufriß Hirschfeldscher Ansätze vor 100 Jahren bis zum gesetzlich kanalisierten Transsexualismus unserer Tage.
Hierbei soll nicht unterlassen werden, während des Vortrags immer wieder einen Bezug zur aktuellen Transsexualitäts-Problematik zu finden, denn: "Wer das Alte nicht kennt, kann das Neue nicht verstehen."

Ebenso gehört noch der Hinweis dazu, daß im Vortrag die Wortschöpfung Transvestition des öfteren vorkommt und zwar als überkuppelnder Begriff für das darin enthaltene Spektrum der diversen Begleiterscheinungen wie Homosexualität, Rollentausch, Transvestitismus, Kastration und Prostitution - die gegenwärtige Transsexualitäts-Definition gab es in dieser Form natürlich früher nicht: Dieselbe ist erst in den letzten Jahrzehnten - allerdings meistens unter schiefen Voraussetzungen - versucht worden. Das Jahrtausende alte Phänomen des sozialen Geschlechtswandels in nahezu sämtlichen Kulturen und Zeiten dieser Welt sollte dabei immer im Vordergrund stehen. Die heutzutage gängige Überbetonung eines "technischen Machbarkeitsdenkens" hat sich für das Ganze als leider sehr kontraproduktiv herausgestellt.

Der Titel des Grundvortrags, "Transsexualität im kulturellen Vergleich", wirft natürlich gleich die Frage auf: gibt es nur eine einzige, medizinisch und juristisch genau definierbare Transsexualität, gar im Sinne eines genau normierten Krankheitsbildes, von wo aus die übrigen Geschlechtsidentitäts-Manifestationen zu beurteilen sind, oder gibt es gar viele möglichen Transsexualitäten bzw. trifft es zu, wie die Frankfurter Seelendoktorin Dr. Inoszka Prehm es formuliert: "Transsexualität hat so viele Gesichter, wie es Transsexuelle gibt"?

Ja, letzteres trifft den Nagel auf den Kopf und ich kann ihr nur voll beipflichten (auch als Tenor dieses Vortrags), wenn sie in einem Stern-Leserbrief (Stern 24/95) dazu weiter ausführt:

"Die einen führen ein glückliches Leben ohne die geschlechtsangleichende Operation und die anderen können ohne die (heftigst herbeigesehnte) chirurgische Geschlechtsänderung nicht leben"

sowie

"Es wäre erstrebenswert, wenn die Betroffenen und die, die sie umgeben, lernen könnten, diese beiden Lösungsmöglichkeiten zu akzeptieren."
Eine Aufforderung, wie sie nur allzugern an die diversen Transsexuellen - Selbsthilfe-Gruppen und deren Gurus weitergegeben werden darf - denn nur allzuoft hat sich im Laufe der Zeit herausgestellt, daß dieselben nicht die Lösung des Problems sind, sondern das Problem selbst. Hierbei hat mir ein Vortrag des Soziologen Martin Dannecker am Freitag den 06.06.1997, im Rahmen des "Goodbye to Berlin? - 100 Jahre Schwulenbewegung" - Festivals in der Akademie der Künste, nochmals klar vor Augen geführt, daß es große Parallelen gibt zwischen den Entwicklungen der homosexuellen und transsexuellen Bewegung, inklusive der damit einhergehenden Konditionierungs- und Anpassungszwängen. Für die transsexuelle Problematik muß deswegen auch jegliche (gewollte oder ungewollte) Vereinheitlichung, Pauschalisierung, Standardisierung oder Normierung vehement zurückgewiesen werden.

Nicht "wie es sein sollte", sondern "wie es ist" sollte dabei immer den Maßstab bilden.

Was ist nun das Kennzeichnende einer heutigen Transsexualität? Ich glaube, daß man dies - nach dem heutigen Stand der Erkenntnisse - wohl so formulieren darf, wie es Dr. Wilhelm Preuss vom UKE Eppendorf in einem Hamburger Abendblatt - Interview vom 26./27.06.1993 - getan hat:

"Transsexuelle Menschen können ihr Gefühl für sich selbst nicht mit ihrem körperlichen Geschlecht vereinbaren. Ihr Selbstwertgefühl und ihr Selbstvertrauen beruhen darauf, gegengeschlechtlich fühlen und denken, sich gegengeschlechtlich verhalten und äußern zu können. Die Geschlechtlichkeit erhält für die Transsexuellen bzw. deren Selbstbehauptung eine zentrale und existentielle Bedeutung. Oder wie die bekannte Entertainerin Romy Haag es ausdrückte: "Ich bin mit mir nur im Kontakt, wenn ich mich voll und ganz als Frau fühle."

Ob man allerdings so weit gehen sollte - wie dies ja in der betreffenden Fotoausstellung geschieht - von einem "Im falschen Körper" - Leben zu sprechen, sei dahingestellt. Es gibt keine falschen Körper, genauso wie es keine richtigen Körper gibt: es gibt nur falsche Denkmodelle. Richtiger ist es zu sagen, "ich bin fremd im eigenen Körper" aber das Bild vom "falschen Körper", das haben ja nicht nur Transsexuelle. Das ist ja ein gesellschaftliches Mißverständnis, nicht zuletzt auch besonders in der schwul-lesbischen Szene anzutreffen.

Und wie leicht dieses "Im falschem Körper"- Motto mißbraucht werden kann, zeigt die kleine "Kultur-Notiz" in Spiegel 09/1995, in welcher gleich - auf die Foto-Ausstellung bezogen - von "beklemmenden Bildern" die Rede ist. Also als Motto (meinetwegen): ja! Als Credo (Glaubensbekenntnis): nein und nochmals nein!!!

Inzwischen sind wir angekommen bei einem ganz wesentlichen Aspekt der gesamten "Geschlechtswandel - Thematik": Ist das "Anderssein" eines Menschen eine Störung, eine Abweichung, gar eine Krankheit oder - wie dies eben in anderen Kulturen und Zeiten vorwiegend der Fall war bzw. ist - (erinnern wir uns an Inoszka Prehms Aussagen) eher eine zu integrierende Identitäts-Variante? Das ist hier die Frage. Diesbezüglich scheint sich in der (deutschen) Transsexualitäts-Diskussion nun endlich etwas - allerdings ganz langsam - zu bewegen, die erstarrten "Experten"-Fronten lockern sich. So heißt es beispielsweise in einem R&P ("Recht und Psychiatrie")-Artikel (1996, 14 Jg.) mit dem Titel "Richterumfrage zum Transsexuellengesetz" von den TS-Publizistinnen Cordula Weitze und Susanne Osburg:

"Bei allem medizinischen Fortschritt ist die Ätiologie (Ursachlichkeit) der Transsexualität immer noch ungeklart" (hört, hört!)

bzw.

"In der Sexualwissenschaft hat sich der Trend (!) durchgesetzt, Transsexualität nicht mehr als Krankheitseinheit (übrigens ein wunderbares Wort!), sondern als ein Phänomen innerhalb eines Spektrums vom Geschlechtsidentitäts-Störungen zu verstehen."

Obwohl hier also noch von einem offensichtlich tief und fest eingeschliffenen Geschlechtsidentitäts-"Störungs"-Begriff ausgegangen wird, scheint sich doch - nicht zuletzt seit des Umschwenkens des Frankfurters TS-Experten Volkmar Sigusch ("Geschlechtswechsel" (1992), das "Grüne Buch") - eine gewisse Neuorientierung in der transsexuellen Problematik anzubahnen, d.h. weg vom bisherigen, überaus beliebten "Tunnelblick", hin zum erforderlichen, allerdings gewöhnungsbedürftigen, offenen "Panoramablick", oder anders gesagt:

"weg vom neuzeitlich-patriarchalischen Kastrations- und Machbarkeits - (Wahn-) Denken, weg vom medizinisch-juristischen Griff zum "Pfründe-phänomen "Transsexualität" als überaus lukrative und von der Realität ablenkende "Krankheit" und hin zur lockeren Akzeptanz einer völlig individuell geprägten Geschlechtsidentität-Variante, inklusive seiner manchmal höchst persönlichen, gesellschaftlichen Interpretation im Sinne der jahrtausenden alten Geschlechtswandel-Traditionen (oder wie es in Holland so schön heißt: "Leben und leben lassen)."

Identitäts-Störung oder Identitäts-Variante - das ist hier also die Frage! Und so kommen wir dann - nach dieser langen Einleitung - nun zum eigentlichen Vortrag im Sinne des ersten Satzes in meinem 1995 erschienenen Sachbuch "Künstliche Geschlechter":

"Die Transsexualität als solche ist ein uraltes Phänomen - das Wandeln zwischen den Geschlechtern ist so alt wie die Menschheit":

Und wenn wir bei den vorgangs erwähnten Fruchtbarkeitskulten der Bronzezeit anfangen, soll zuallererst darauf hingewiesen werden, dass in jenen Urzeiten der Menschheitsgeschichte das weibliche Prinzip im Vordergrund stand und entsprechend verehrt wurde. Über die Gleichwertigkeit des weiblichen und männlichen Prinzips im Sinne der "androgynischen Idee des Lebens" in der Antike erfolgte dann im Eindeutigkeitsdenken der darauffolgenden monotheistischen Religionen, wie Judentum, Christentum und Islam, die bis heute anhaltende Dominanz des männlichen Prinzips bis zur absoluten Minderwertigkeit des weiblichen Prinzips ("Eva aus Adam" - Rippen-Mythos). Und beim heutigen Transsexualismus erleben wir sogar den unbedingten Glauben an die Auswechselbarkeit beider Prinzipien im Sinne einer sogenannten "vollständigen Transposition der Geschlechtsidentität": Eine völlig abstrakte und realitätsfremde Sicht der Dinge, wie diese in einem seltsamen "pas-de-deux" der beiden TS-Protagonisten Wolf Eicher und Maria Sabine Augstein vorgeführt wird - ein überaus unheilvolles Denkmodell sogar...!

Die Feststellung "Das Wandeln zwischen den Geschlechtern ist so alt wie die Menschheit" geht somit zurück auf die Vorgänge in jenen vorgeschichtlichen Zeiten, als Natur und Weiblichkeit noch als eins galten.
Die Fruchtbarkeit der Frau, deren biologische Grundlagen damals noch nicht durchschaut wurden, rief Furcht und zugleich heilige Scheu hervor. Die Menschen der Frühzeit spürten intuitiv das Geheimnis des Lebens, das jede Frau ganz selbstverständlich in sich trägt: die Existenz der "Gebärmutter" eben. Und so versuchten sie sich von diesem Geheimnis ein Bild zu machen und gestalteten die Grundidee von einem einzigen weiblichen "Höchsten Wesen", der sogenannten "Großen Göttin". Sie schuf das Universum mit seinen Gesetzen, und sie gebot über Natur, Schicksal, Zeit, Wahrheit, Weisheit, Gerechtigkeit, Liebe, Geburt, Tod usw., d.h. ein weibliche Urgestalt, mächtiger als das männliche Pendant. Sie war nicht nur dessen Mutter, sondern auch die Gottheit die die ganze Schöpfung mit dem kraftvollen "Blut des Lebens" (sprich Menstruationsblut) durchdrang. Und die männlichen Gottheiten konnten nur mächtig werden, weil sie an der Weisheit und der Kraft der Großen Göttin teilhatten bzw. -nahmen, bis sie schließlich die äußerste Hybris, den symbolischen Muttermord, begingen, indem sie eine ausschließlich männliche Theologie begründeten. Worauf die Heiligtümer der Großen Göttin vor längerer Zeit von den Menschen darauf niedergerissen wurden, so wie es Ihnen die christlichen Evangelien befahlen (Apostel 19,27):

"Aber es will nicht allein unserm Handel dahin geraten, dass er nichts gelte, sondern auch der Tempel der großen Göttin Diana wird für nichts geachtet werden, und wird dazu ihre Majestät untergehen, welcher durch ganz Asien und der Weltkreis Gottesdienst erzeigt."

Die Grundidee lebte aber - im Untergrund sozusagen - weiter, und in heutiger Zeit haben Genetik und Molekularbiologie inzwischen klar aufgezeigt, daß - was die Menschen damals nur ahnten - nur die weibliche Urstruktur Ausgang allen (ge-schlechtlichen) Werdens ist: "Am Anfang war das Weib", d.h. die Ausformung der ungeheuer komplizierten Prozesse im bisherigen Evolutionsverlauf von Natur und Mensch geht ausschließlich vom weiblichen Ur-Element aus: das männliche Element ist im Grunde nur zusätzlich vorhanden und vom weiblichen abgeleitet. Harte Wahrheiten...!

Erste Darstellungen der "Ur-Mutter", der "Großen Göttin", der Dea Syria, der Magna Mater wurden vor ca. 30´000 Jahren gefertigt: die berühmteste ist die "Venus von Willendorf" (Niederösterreich), eine ca. 20´000 Jahre alte Steinfigur mit stark ausgeprägten weiblichen Geschlechtsmerkmalen (Brust und Becken). Und wie bereits ausgeführt, wurde die "Große Göttin" in erster Linie als Erhalterin des Lebens, aber nicht zuletzt als Todesgöttin dargestellt. Fruchtbar und furchtbar zugleich waren Begriffe, welche die sumerisch-babylonische Tiamat, die semitische Astarte, die syrische Anat, die griechische Artemis, die römische Diana, die keltische Andrata oder die gemanische Freya durchwegs gekennzeichnet haben. Die uralten Fruchtbarkeitsgöttinnen forderten dabei besonders Opfer, nicht zuletzt auch Menschenopfer, durchweg männlichen Geschlechts. Der Historiker Erich Neumann sagt hierzu: "Tötung, Opfer, Zerstückelung und Blutdarbringung sind magische Instrumente der Fruchtbarkeit" (Und des TS-Kults?). Zur neuerdings wieder aufgeflammten Natur-Kultur-Diskussion in diesem religiös geschichtlichen Sinne sagt die amerikanische Feministin Camille Paglia :

"Das Buch der Genesis ist eine männliche Unabhängigkeitserklärung von den uralten Mutterkulturen. An Anfang war nicht das Wort, sondern die Natur (d.h. das Weib). Deren unermeßlicher und unergründlicher Charakter wurde nicht von einem "Männer-Gott" verkörpert, sondern durch die Fruchtbarkeit einer "Großen Mutter."

Die diversen Geschlechtswandelphänomene innerhalb dieser aus den Urzeiten stammenden Fruchtbarkeitskulten erlangten dann in den damaligen, speziell vorderasiatischen Stadtkulturen der Bronzezeit bzw. der Antike eine ausgeprägt rituelle Bedeutung und wurzelten im uralten männlichen Verlangen, die weibliche Magie der Magna Mater zu imitieren (man kann fast sagen: "koste es was es wolle"!). Diese sogenannte rituelle Transsexualität kennzeichnete sich in der Folge durch die Absicht der Betroffenen - manchmal auch unter Zwang bzw. Anordnung Dritter - die Übernahme der weiblichen Verhaltensrolle speziell auf religiös-sozialem Gebiet einzunehmen. Die sexuelle Komponente kam dabei üblicherweise erst in zweiter Linie und erfolgte ohne (bewusste) Täuschung. Oder kurz und prägnant formuliert: bei der rituellen Transsexualität versetze der Glaube an die mythischen Götter Berge, bei der (heutigen) medizinischen Transsexualität ist es der Glaube an die Götter in Weiß, d.h. an die ärztliche Kunst.

Sehr ausführlich überliefert ist in diesem Zusammenhang der damalige Fruchtbarkeitskult um Kybele, die "Große Göttin" im sumerischen Kleinasien, in Phrygien, rund um Hierapolis. Das mit dem griechischen Artemis-Kult vergleichbare Fruchtbarkeitsbrauchtum verbreitete sich in späteren Zeiten durch den Aufstieg Roms zur Weltmacht (aber nicht zuletzt durch das ungezügelte Zutun verschiedener bizarrer Kaiser, wie Nero, Caligula und Caracella) im gesamten römischen Weltreich jener Tage - man denke an Apostel 19,27. Der Kult geriet vor allem durch die in Frauenkleidern auftretenden Weibmann-Priester, Galli genannt, zu einem riesigen, religiösen Spektakel und nicht zuletzt beim Frühlingsfest geriet auch das Volk außer Rand und Band. Es wurden ekstatische Zermonien bis zum Exzeß durch- bzw. aufgeführt, wobei die Kastration mit wahrer Inbrunst betrieben wurde. Die Priester - und mit Ihnen viele Gefolgsleute - entmannten sich dabei selbst, warfen ihre Genitalien auf den Umzügen in die Häuser, deren Besitzer sie daraufhin mit weiblicher Kleidung ausstatten mußten. Dieser Kastrationsmythos wurde auf den entmannten Hohepriester der Göttin Kybele, Attis genannt, zurückgeführt, der wegen seiner Untreue zur Strafe "impotent" gemacht werden sollte. Andere Quellen sprechen davon, daß die Mutter-Göttin, die Dea Syria, die abgeschnittenen Genitalien der entmannten Priester gewaschen und gesalbt und sie dann der Erde übergeben habe, sozusagen als Vegetationsopfer.

In diesem betreffenden Zeitraum der Bronzezeit bzw. der Antike wurde die Nähe zur Natur mit ihrem rhythmischen Auferstehen und Erstarren der Vegetation häufig über den dauerhaften bzw. temporären Geschlechtswandel gehuldigt. Allmählich, als das männliche Prinzip sich immer mehr durchzusetzen begann, verlagerte sich das Ganze dann vorwiegend in die "himmlischen Sphären", weg von "Mutter Erde". Die mit beiden Manifestationen exzessiv zusammenhängende rituelle Transvestition war deshalb aus den damaligen Gesellschaften bzw. Stadtkulturen nicht wegzudenken und in der Folge auch völlig integriert inkl. der damit zusammengehenden Prostitutionsvorgänge.

Bei den Babyloniern galt die Göttin Ischtar als doppelgeschlechtlich und dem himmlischen Venus-Stern geweiht: abends weiblich, morgens männlich. Sie wurde dabei oft dargestellt mit einer linken, weiblichen und einer rechten, männlichen Hälfte (d.h. eine Gleichwertigkeit des weiblichen und männlichen Prinzips war hier schon gegeben) sowie mit aus ihren Schultern wachsenden Pflanzen, oft auch mit Bart - ihr Geliebter war der (jetzt männliche) Vegetationsgott Tammuz. Typisch für diesen Kult waren die weibmännlichen Kultpriester, Kurgaru oder Asinnu genannt, deren "Männlichkeit" Ischtar in "Weiblichkeit" verwandelt hatte. Außer bei den orgiastischen Festen zu Ehren Ischtars wirkten diese Kultdiener auch mit beim Neujahrsfest zu Babel (Sündenbabel!) sowie bei Kranken- und Hexen-Beschwörungs-Zermonien. Im sexuellen Sinne war ihr Verhalten zweifellos homosexuell und kein Mensch dachte sich offenbar etwas bei diesen gleichgeschlechtlichen Kontakten: es war eben so. Selbstverständlich spielte hierbei auch die damalige Fortpflanzungsungewissheit eine große Rolle und vom heutigen so beliebten "Kästchendenken" war natürlich ganz und gar nicht die Rede.

Vom Astrologen Firmicus stammt die nachfolgende Beschreibung des Kultbrauchtums bei den Assyrern, welche die Luft als Juno bzw. Venus verehrten und sich dieses Element als doppelgeschlechtlich vorstellten (Zwischen Himmel = männlich und Meer = Wasser = weiblich gelegen). In seinem Bericht heißt es:

"Die Priesterschaft dient ihr mit effeminierter Stimme, mit verweiblichten Gesichtern, mit glattgemachter Haut, das männliche Geschlecht durch weiblichen Schmuck verunzierend. Man sieht in ihren Tempeln die fürchterlichste Unzucht in der Öffentlichkeit: Männer litten, was nur Weiber leiden dürfen und sie zeigen, gleichsam mit stolzer Verherrlichung dieser Schande, ihre unreinen und schamlosen Körper. Sie zieren ihre gutgepflegten Haare, gehen in üppigen Kleidern und können mit ihren ermüdeten Hälsen kaum ihre Köpfe hochhalten."

Und der Kirchenvater Eusebius (265-339 n. Chr.), Verfasser der ersten Kirchengeschichte, berichtete über die ersten Jahrhunderte nach der christlichen Zeitrechnung, daß auf dem Gipfel des Libanon, ähnlich wie im antiken Halikarnassos, ein Tempel der Aphrodite stand, über den er wie folgt berichtete:

"Eine Schule der Liederlichkeit, für alle obzönen Männer, die ihren Körper durch Zuchtlosigkeit beschmutzen, geöffnet", bzw. "Einige Effeminierte (in Griechischen Androgyni genannt), die eher Weiber als Männer genannten werden könnten, da sie die Würde ihres Geschlechts ablegten und litten was Weibern zusteht, verehrten so die Gottheit."

Eine weitere wichtige Erkenntnis, die das häufige Vorkommen der rituellen Transvestition in alttestamentarischen bzw. antiken Zeiten uns liefert, ist somit - wie aus den vorgehenden Berichten klar hervorgeht - die nahtlose Verknüpfung mit der offenbar ungezügelten Homosexualität. Es wurde also nicht - wie heute in fast homophober Weise der Fall - zwischen Transsexualität, Transvestitismus und Homosexualität differenziert, da das nicht erforderlich war: Die Gleichgeschlechtlichkeit war für alle Beteiligten etwas Selbstverständliches. Es war nicht nötig zu täuschen, die Partner einer geschlechtlichen Beziehung machten sich nichts bzw. brauchten sich nichts vorzumachen. Allerdings geschah das Ganze offenbar sehr zügellos und quer durcheinander, so dass gegen diese offensichtlich weit verbreitete Freizügigkeit in der Sexualität bereits in den alttestamentarischen Schriften vehement Stellung bezogen wurde: So heißt es im 5. Buch Mose 22.5:

"Eine Frau soll nicht Männersachen tragen, und ein Mann soll nicht Frauenkleider anziehen. Denn wer das tut, ist dem Herrn ein Greuel":

Unzweifelhaft hing die Aufstellung dieses Verbots zusammen mit der beim Volke der Kanaaniter üblichen Tempel- und Kultprostitution im Rahmen des Fruchtbarkeitskults zu Ehren der Göttin Ashera. Die in weiblicher Kleidung durch Lustknaben, Kedeshim genannt, ausgeübte homosexuelle Tempelprostitution war den Juden höchst suspekt. Davon zeugen ja auch die übrigen mosaischen Gesetze. So heißt es im 3. Buch Mose 18.22:

"Du sollst nicht bei Knaben liegen wie beim Weibe; denn es ist ein Greuel."

Und im Vers 29 heisst es noch einmal:

"Denn welche diese Greuel tun, deren Seelen sollen ausgerottet werden von ihrem Volk".

Ebenso heißt es im 3. Buch Mose 20,13:

"Wenn jemand beim Knaben schläft wie beim Weibe, dann haben sie ein Greuel getan und sollen beide des Todes sterben: ihr Blut sei auf ihnen."

Und an anderen Stellen heißt es:

"Wenn ein Mann sich zu einem anderen Mann wie zu einer Frau legt, haben beide Schändliches begangen. Sie sollten mit dem Tode bestraft werden, es lastet Blutschuld auf ihnen" (Leviticus 20,13)

sowie:

"Du darfst mit einem Mann keinen geschlechtlichen Umgang haben wie mit einer Frau; es wäre ein Greuel" (Leviticus 18,22).

Und im Korintherbrief 6, 9/13 heißt es:

"Oder wisst ihr nicht, dass Ungerechte keinen Anteil am Reiche Gottes haben werden? Gebt euch keiner Täuschung hin. Weder Unzüchtige noch Götzendiener, noch Ehebrecher, noch Weichlinge, noch Knabenschänder ....Der Leib dagegen ist nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn und der Herr für den Leib."

Diesbezüglich sei noch erwähnt, dass es eines der am besten gehüteten Geheimnisse der frühen Christenheit war, mittels einer Aufforderung an den speziellen inneren Kreis der Eingeweihten, sich selbst zu entmannen, um durch diesen Beweis der Keuschheit größere Gnade zu erlangen. So heißt es im biblischen Kontext (Matthäus 19,22):

"Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig ........manche haben sich selbst dazu gemacht - um des Himmelreiches willen. Wer das erfassen kann, der erfasse es."

Und in der Apologie (Rechtfertigung) des christlichen Philosophen Justinus (100-165 n.Chr.), bekannt durch seine Synthese von griechischer Philosophie und frühem Christentum, ist mehrmals festgehalten, dass die römischen Ärzte damals von gläubigen christlichen Männern belagert wurden, die nach der Operation verlangten (man denke an die kürzlichen kastrierten "Heaven's Gate - Anhänger!). Und der lateinische Kirchenschriftsteller Tertullian (160-220 n. Chr.) riet dazu, Christenknaben vor der Pubertät zu entmannen, damit ihre "Tugend" dauerhaft geschützt sei: im Mittelalter in den Kathedralen und im Barock-Zeitalter in den italienischen bzw. europäischen Opern sangen dann die "castrati", d.h. Gesangskastraten, die vor der Pubertät deswegen entmannt wurden, um - neben ihrer "Tugend" - auch ihre Sopranstimmen zu erhalten. Denn Frauen waren ja von allem Kirchlichen ausgeschlossen: männlich-patriarchalisches Eindeutigkeits-Prinzip ad absurdum geführt....!

Es ist jetzt an der Zeit nochmals auf die vorerwähnte "androgynische Idee des Lebens" zurückzukommen, welche darauf hinzielt, dass die Zusammenlegung beider geschlechtlicher Potenzen eine höhere Wirkmächtigkeit darstellt als jede für sich, d.h. die Geschlechter sind für ihre Verwirklichung aufeinander angewiesen. Und dies manifestiert sich durch die gelebte Androgynität als die Sehnsucht nach der Einheit, nach der Verbindung der Gegensätze bzw. deren Überwindung, nach Harmonie. Gleichzeitig ist diese Sehnsucht aber auch die Suche nach dem Früheren, nach dem Verlorengegangenen, nach dem Paradies erweiterter Lebensmöglichkeiten, nach dem Anfang von allem. In der Folge spielte diese allgegenwärtige "androgynische Idee des Lebens" vor allem auch in den damaligen Welterklärungsmustern eine herausragende Rolle, nicht zuletzt in den vielen alttestamentarischen Quellen bzw. darauf fußenden biblischen Texten. Man(n) denke an die schwelende kirchenhistorische Kontroverse darüber, ob das hebräische Wort "zela" nun Rippe oder Seite
heißen sollte - ein überaus wichtiger Ansatz im Sinne der uralten Hälftungs-Idee weltweiter Kulturen.

In der griechisch-römischen Antike finden wir, besonders in der griechischen Mythologie, zahlreiche Gestalten androgyner Natur - die allgegenwärtigen doppelgeschlechtlichen Tendenzen im antiken Griechenland haben dabei die Kluft zwischen heterosexueller und homosexueller Liebe (Päderastie in der Meister-Schüler-Beziehung genannt) verringert. Die Griechen spielten die Männlichkeit des Mannes und die Weiblichkeit der Frau - bei anderen Völker oft gerade betont - eher herunter: Im idealisierten, in zahlreichen Abbildungen und Statuen verherrlichten Hermaphroditen wurde die Trennung völlig aufgehoben, allerdings diesmal im horizontalen Sinne - meistens oben weiblich, unten männlich, mit "männlicher" Figur.

Aus diesem Androgyn-Kult der Gleichwertigkeit des männlichen und weiblichen Prinzips ging auch die Vorliebe für rituelle transvestitische Veranstaltungen vielerlei Art hervor - bei religiösen Festen pflegten selbst Männer, die sich ausschließlich "heterosexuell" betätigten, im Rahmen der Dionysos- und Herakles-Kulten in Athen und Rom, die speziell auf die Oberschicht bezogen waren, in Frauenkleidern zu erscheinen. Zum Herakles-Kult auf der Insel Kos heißt es in einer Überlieferung:

"Ebenso kleideten sich bei den Mysterien des Herakles die Männer in Frauenkleider, damit der Samenkeim nach der Rauhheit und Unfruchtbarkeit des Winters zu erweichen anfing",

ein deutlicher Hinweis auf den Bezug zwischen Geschlechtswechsel und Jahreszeitenwechsel (wie bei den vorerwähnten Sumerern).

Im Zusammenhang mit der vorvermerkten Päderastie-Allgegenwärtigkeit sei noch vermerkt, dass die weniger respektablen Auswüchse u.a. zu einer florierenden Knabenprostitution auf Athens Strassen führten. Die Knabenprostituierten gingen in weiblicher Kleidung und Aufmachung die Strassen auf und ab und wurden als "Schande" betrachtet, hervorragend und witzig dokumentiert durch ein athenisches Sprichwort jener Tage, in dem es hieß: "Es ist leichter, fünf Elefanten in der Achselhöhle zu verstecken, als einen jener Knaben". Möglichst schrill war also schon zu jenen Zeiten angesagt und wie sich die Geschichte wiederholt, zeigen die rezenten Vorgänge im Bois de Boulogne, dem Pariser Transvestiten und Transsexuellen-Dorado mit zeitweise an die tausend Prostituierten ("das grösste Bordell der Welt" in den Medien). Mit rigorosen und manchmal brutalen Polizeiaktionen wurde die "Schande" (damaliger Bürgermeister von Paris und heutiger Staatspräsident Jacques Chirac) wieder beseitigt. Eine ähnlich brutale, mediale Vorgehensweise legte der Spiegel-Reporter Erich Wiedemann an den Tag, als er im Spiegel 38/1995 über entsprechende Verhältnisse im italienischen Rimini an der Adriaküste berichtete - geradezu menschenverachtend.

Kommen wir jetzt noch auf einige Geschlechtswandlungs-Mythen zu sprechen, wie sie aus der griechischen Antike überliefert sind. Beispielsweise die vom Halbgott Hermaphroditos (vom Gott Hermes und der Göttin Aphrodite geboren) und der damit verknüpften Legende der Salmakis-Quelle, über die die beiden Gottheiten verfügten, dass fortan jeder Mann, der in der Quelle baden würde, dem Wasser als "semi vir" (halb Mann, halb Frau) entsteigen sollte und weibliche Charakterzüge entwickeln würde. In der Folge finden wir das Motiv des Hermaphroditos von den griechischen Bildhauern und Malern in zahlreichen Statuen und Bildern dargestellt. Vorzugsweise und als völlig selbstverständlich wurden die Räume in griechischen Privathäusern, in Bädern und Gymnasien damit geschmückt, und zahlreiche, in den Museen der ganzen Welt verwahrte Plastiken sind erhalten geblieben, z.B. im Berliner Pergamon-Museum, im römischen Museo Nazionale, im Pariser Louvre sowie in verschiedenen holländischen Museen (Leiden und Amsterdam). Von direkter Geschlechtsumwandlung wird außerdem noch in der Legende des Sehers Teiresias (der aus der Oedipus-Legende!) berichtet: männlich geboren, wurde er von den Göttern in eine Frau und dann wieder in einen Mann verwandelt. Auf die Frage der Götter, wer nun am meisten von der Sexualität hätte , antwortete Teiresius:

"die Frau: wenn der geschlechtliche Genuss in zehn Teile aufgeteilt wird, hat die Frau davon 9 Teile !."

Rezentere Geschlechtswandel-Vorgänge finden wir bei den Indianervölkern Mittel-, Süd- und Nordamerikas überliefert. Aus zeitlichen Gründen wird auf die überaus interessanten Gegebenheiten im Zusammenhang mit der Entdeckung der Neuen Welt durch Kolumbus (1492) und andere spanische bzw. portugiesische Eroberer (Conquistadores) - wie beispielsweise 1519 Cortez in Mexiko (Azteken-Kultur) und 1532 Pizarro in Peru (Inka-Kultur) - nicht näher eingegangen - dies erfolgt dagegen in der Internet-Version in aller Ausführlichkeit.

Kommen wir jetzt zu sprechen auf das allgegenwärtige Berdachen-System bei den nordamerikanischen Ur-Indianern. Die Berichterstattung darüber erfolgte allerdings - wie bei der Eroberung der Neuen Welt durch die Conquistadores - wiederum aus fundamentalistisch-christlicher Sicht. Letzteres nicht zuletzt als im 18. und 19. Jahrhundert der sagenhafte Treck der Puritaner in den Wilden Westen vonstatten ging - bekannterweise endete dies mit der fast vollständigen Ausrottung des nordamerikanischen Indianertums. Erst in letzter Zeit haben die Amerikaner ihre eigenen indianischen Urkulturen und deren Bräuche wiederentdeckt, u.a. im mehrfach oscargekrönten Kevin Kostner-Film "Der mit dem Wolf tanzt." Die Botschaft der Indianer ("Die Menschen sind Teil, nicht Herr der Natur") wurde wieder in den Mittelpunkt gerückt und hat bereits zu einem gewissen Umdenken geführt. Dieses "back to the roots" - Credo liegt auch meinem Wirken zugrunde.

Das Berdachen-System der nordamerikanischen Ur-Indianer war allgegenwärtig, oft in einem Vorkommen von bis zu 1 auf 100, allerdings von Stamm zu Stamm in seiner jeweiligen Erscheinungsformen stark variierend (TS-Vorkommen in Deutschland ca 1:10´000). Kennzeichnend für alle Ausgestaltungen war jedoch die Tatsache, dass sie ausnahmslos auf die typisch indianische, überaus geschlechtsspezifische Arbeitsteilung bzw. Rollenverteilung in deren Gesellschaften beruhten. Die Zuni-Völker in der Gegend des heutigen Las Vegas nannten ihre Berdachen La'mana, die Indianer des Krähen-Stammes Bote ("weder Mann noch Frau"), die Navajos Nadle bzw. Nadleehè ("gewandelt"), die Pueblo-Indianer kannten die Institution des Mujaredo. Die heute übliche Bezeichnung Winkte (vom Oglala-Wort "winktepi") ist neueren Datums, d.h. seit das Berdachen-Phänomen in den USA intensiver untersucht wurde. Denn es ist ganz typisch für das Entstehen der transsexuellen Idee in den USA ("Brandstifter" war hier übrigens Harry Benjamin 1966 mit seinem Werk "the transsexual phenomenon"), daß das Berdachentum dabei - obwohl vor der Haustür liegend - völlig übergangen wurde (da ja "Homosexualität"!)

Eine breit untersuchte Berdachen-Tradition gab es beispielsweise bei den Mohave-Indianern (auf beiden Seiten des Colorado-Flusses in Kalifornien): sie wurden Alyhas genannt. Es gab auch das Gegenteil: Frau-zu-Mann-Geschlechtswandel, Hwames genannt, aber wesentlich weniger. Dazu gehörte ein hochentwickeltes Initiationsritual bezüglich der Berdachen, daß oft auf Traumbasis die Bestimmung der Alyha-Kandidaten festlegte. Die Mohave waren davon überzeugt, dass die Träume der Mutter während der Schwangerschaft einen Hinweis gaben über das Geschlecht des Kindes und seine späteren homosexuellen Neigungen. Immer aber wurde eine solche Neigung als von höheren Mächten (Mondgöttin!) initiiert angesehen, und auch die Gesellschaft akzeptierte mittels eines ausgeklügelten Initiationsrituals den Übergang des männlichen Kindes in die Gruppe der Frauen. Vom Moment der Initiation mussten die betreffenden "Transsexuellen" dann das Verhalten des anderen Geschlechts bis in die kleinsten Einzelheiten kopieren. Dies wurde als entscheidend dafür angesehen, daß besonders bei den Mann-zu-Frau-Transsexuellen auch "normalveranlagte" Männer sich für sie interessieren würden. Diese Geschlechtsumstellung, bereits manchmal im Alter von zehn Jahren, brachte mit sich, daß die Integration in die Gesellschaft offensichtlich wesentlich besser und einfacher vor sich ging als heute bei der Einführung der volljährigen Transsexuellen in das soziale Leben der meisten westlichen Gesellschaften (Ausnahme Holland: keine Grenze nach unten (Utrechter Kinderklinik!).

Die Alyhas waren zudem keineswegs in eine untergeordnete Rolle am Rande der Gesellschaft gedrängt, sondern nahmen eine anerkannte Stellung ein: Man glaubte, wie gesagt, daß es sich um eine Berufung durch höhere Mächte handelte und die Alyhas deshalb über übernatürliche Kräfte verfügten. Sie übernahmen auch oft die Funktionen von Medizinmännern und Häuptlingen - bei den Yurok-Indianern in Nord-Kalifornien waren die Berdachen, Wergern genannt, hochverehrt, und es wurden ihnen die höchsten Ehren übertragen, die die Stammgesellschaften zu vergeben hatten, speziell das Berühren und Bestatten von Verstorbenen. Bei Begräbnissen und Trauerfeiern betätigten sie sich oft als Vorsänger und Vortänzer und waren für den Erhalt der Stammestraditionen besonders im kulturell-gesellschaftlichen Sinne zuständig - also absolut keine Ausgrenzung wie in den westlich-christlichen Gesellschaften.

Bei den Navajos in Neu Mexiko waren sowohl Hermaphroditen ("echte Nadles ") als auch Transsexuelle ("solche, die behaupten, Nadles zu sein ") hoch angesehen. Die damals Nadles genannten Berdachen galten als überaus reich und glücksbringend, und die geselllschaftliche Hochachtung für sie rührte nicht zuletzt daher, daß sie - so die Überlieferung - im Urstreit zwischen Männern und Frauen sich auf die Seite der Männer gestellt hatten: Auf diese Weise gelang es diesen, die Frauen zu besiegen....!

Hier kommt nun ein völlig neuer Aspekt des Weibmanntums nach Berdachenart hervor: Die Kontrolle der biologischen Frauen, beispielsweise bei der Beaufsichtigung der Feldarbeit. Die Nadles waren dann auch in fast allen wichtigen gesellschaftlichen Berufen vertreten bzw. verwalteten diese, so zum Beispiel beim Weben, Töpfern, Korbmacherarbeiten, bei Hausarbeiten und bei der Schafzucht. Sie galten legal als Frauen, hatten Beziehungen zu beiden Geschlechtern und waren auch künstlerisch hervorragend ausgebildet. Dennoch hatten sie wesentlich mehr Einflussmöglichkeiten als die biologischen Frauen, konnten als Familienoberhaupt handeln und über das kollektive Eigentum verfügen: Sie stellten mehr oder weniger eine Kaste von Frauen gemäß männlichen Wunschdenkens dar, "Frauen ohne Probleme" sozusagen. Es muß an dieser Stelle allerdings nochmals ausdrücklich hervorgehoben werden, daß sich ein solch ausgeprägtes Berdachentum, wie es vorgehend erläutert wurde, nur auf der Grundlage der strengen, geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung indianischer Kulturen entwickeln konnte: Die entsprechende Spezialisierung war typisch indianisch.

In der taz vom 8.3.94 fand ich noch in einem Bericht mit dem Titel "Weibmänner und Mannweiber" die Aussage eines derzeitigen Navajo-Berdachen namens Wesley Thomas. Darin heißt es:

"Ein richtiger, traditioneller Nadleehè (Nadleehè statt Nadle also jetzt) ist in der Navajo-Gesellschaft auch heute noch ein Mensch der als Mann geboren, aber zu hundert Prozent als Frau gilt. Nicht wegen seiner sexuellen Vorlieben, sondern wegen der Arbeit, die er verrichtet. Dasselbe gilt umgekehrt für weibliche Nadleehès, die als Mann leben und arbeiten."

sowie

"Wer schwul oder lesbisch ist, verkehrt mit Personen vom selben Sex und selben Gender. Wenn ich einen Mann liebe, gehören wir zwar zusammen zum selben biologischen Geschlecht, aber nicht zum selben sozialen Geschlecht. Wir werden eben nicht als gleichgeschlechtlich betrachtet. Ich werde ja auch nicht als Mann klassifiziert: Ich bin eine Frau. Meine Lebenspartner sind deshalb auch keine homosexuellen, sondern heterosexuellen Männer (!)."

Hierzu sei noch vermerkt, daß im vorvermerkten Sinne die Navajos vier Geschlechter kennen: die Frauen als das erste, die Männer als das zweite, die Mannweiber als das dritte und die Weibmänner als das vierte. Die Nadleehès gelten als "two-spirited people", also als Wesen, die zwei Seelen in sich vereinen. Sie sind hoch angesehen, gelten als besonders inspiriert und werden zu religiösen Handlungen und als Vermittler und Berater herangezogen. Außerdem sind sie in den Augen der Stammesmitglieder als "wohlhabend" eingestuft, allerdings nicht unbedingt im materiellen Sinne, sondern in der Bedeutung von "reich an Wissen." Weiter berichtet Wesley Thomas noch, daß würde er als Weibmann eine Frau lieben, dann wäre er für seine Familie und seinen Stamm gerade ein Homosexueller. Und das würde negativ sanktioniert werden ...!

Wie bereits ausgeführt, gibt es unendlich viele Geschlechtswandel-Phänomene auf der ganzen Welt, ob nun in Sibirien (auf Schamanismus-Grundlage), in Indonesien ("manang bali" auf Borneo), in Indien (Kaste der in die hunderttausenden gehenden Hrinjas), in der Südsee (Mahus auf Tahiti), in Südamerika (bei den Stämmen der Puelche und Araukaner in Patagonien und Chile die Machi-Medizinmänner), in Afrika (Angola, Uganda, Nuba-Stämme), in den arabischen Golfstaaten (Xanithentum im Oman) usw. usw. Leider fehlt die Zeit, darauf näher einzugehen - dies erfolgt u.a. in meinem 1992 erschienenen Sachbuch "Mythos Geschlechtswandel".

Schließlich werde ich diesen Vortrag abschließen mit einigen Bemerkungen zu den Geschlechtwandel-Vorkommnissen rund um das Wirken des Berliner Sexualforschers Magnus Hirschfeld (1868-1935), dessen Gründung des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK) im Jahre 1897 wir ja jetzt feiern. Hirschfeld ist jedoch nicht zuallerletzt auch bekanntgeworden durch seine, für die damalige Zeit überaus provozierende Aussage:

"Der Mensch ist nicht Mann oder Weib, sondern Mann ùnd Weib".

Weiter gründete er 1919 das Berliner Institut für Sexualforschung - vom preußischen Staat als Stiftung anerkannt, wurde dieses Institut 1933 von den Nazis geplündert und zweckentfremdet: man munkelt nicht zuletzt auch deswegen, weil dort viele Nazis als Patienten geführt wurden. Ebenso im gleichen Sinne wegweisend waren sodann die von ihm herausgegebenen "Jahrbücher für sexuelle Zwischenstufen." Darin publizierten u.a. Dr. F. Karsch-Haack mit dem vielbeachteten Aufsatz "Uranismus oder Päderastie und Tribadie bei den Naturvölkern" (1901) sowie L.S.A.M. von Römer (aus Amsterdam!) mit dem Beitrag "Über die androgynische Idee des Lebens" (1903). Vor allem jedoch ist Hirschfeld bekannt geworden durch die detaillierte Ausarbeitung seiner sogenanten Zwischenstufen-Theorie, in welcher er erstmals die "Umkleidungstäter" von den Homosexuellen löste (auf Druck u.a. des männerbündlerischen "Bund der Eigenen" von Adolf Brand) und für sie die Bezeichnung "Transvestiten" vorschlug ("Die Transvestiten", Berlin 1910). Im Jahre 1923 benutzte er dann erstmals das Wort "Transsexualismus", allerdings in Verbindung mit Transvestitismus, ohne diesen Begriff näher zu definieren (das tat dann 1966 Harry Benjamin!). In seiner ca. 2000 Seiten umfassenden sexualwissenschaftlichen Abhandlung, der "Geschlechtskunde", sieht Hirschfeld den Wunsch nach Geschlechtswandlung als eine Form des "Extremen Transvestitismus". Er schrieb dazu:

"Die stärksten Formen des totalen Transvestitismus finden wir bei denen, die nicht nur ihr künstliches, sondern auch ihr natürliches Kleid, ihre Körperoberfläche, andersgeschlechtlich umgestalten möchten. Den höchsten Grad dieser körpertransvestitischen Zwangszustände beobachten wir bei denen, die eine mehr oder weniger vollständige Umwandlung ihrer Genitalien anstreben, vor allem also ihre Geschlechtsteile nach der Seele formen wollen. Voran steht bei transvestitischen Frauen die Beseitigung der Menstruation durch Entfernung der Eierstöcke, bei transvestitischen Männern die Kastration. Diese Fälle sind viel häufiger, als man früher auch nur im entferntesten ahnte."

Zum Anfang der zwanziger Jahre wurden die in Hirschfelds Sinne als "extreme Transvestiten" bezeichneten Personen zunächst auf eigenen Wunsch und unter Belehrung der Folgen einseitig oder zweiseitig kastriert - geübt in derartigen Eingriffen waren die Chirurgen bereits durch Genitaloperationen an Verletzten des Ersten Weltkrieges. Der damaligen Kapazität auf dem Gebiet der Genitalchirurgie Richard Mühsam berichtete 1926 über einen von Hirschfeld an ihn überwiesenen Patienten, an dem ein erster Versuch einer plastischen Operation durchgeführt wurde: dies nachdem der "Transvestit" zuerst 1920 kastriert und dann 1921 ein (weibliches) Ovarium eingeplanzt wurden war. Auch das gab es damals...!

Die wohl spektakulärste Geschlechtsumwandlung von Mann zu Frau fand in 1931 in Dresden statt. Es betraf dies die Dänin Lili Elbe (wg. Dresden), vormals Einar Wegener. Im gleichen Jahr erschien ihre Biographie "Ein Mensch wechselt sein Geschlecht: eine Lebensbeichte", welche auch in der Tagespresse sehr große Beachtung fand. Im Jahre 1952 erfolgte dann die breit vermarktete Geschlechtsumwandlung der (gleichfalls) Dänin Christine Jörgensen, ehemals der GI George Jörgensen: Ab diesem Zeitpunkt bemächtigte sich die ärztliche Kunst des Geschlechtswandels und verhalf den Betroffenen zu chirurgischen und hormonellen Möglichkeiten, die bis dahin nicht für möglich gehalten worden waren. Nicht zuletzt durch die große Publizität in den Medien wurde so der Grundstein für eine überaus florierende ärztliche Umwandlungsindustrie gelegt. Christine Jörgensen fand dann in Jan Morris ("Conundrum," 1974) eine würdige Nachfolgerin und auch Amanda Lear (1978 mit dem Popsong "Follow me") sorgte für großes mediales Aufsehen. Vor allem in den USA stieg man (Mann!) groß ein ("american dream" im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten) und Namen wie Harry Benjamin, John Money, Robert Stoller, G.W. und C. Socarides, John Hopkins Hospital in Baltimore, Mount-Sun-Rafael-Hospital in Trinidad (Colorado) mit dem Chirurgen Stanley Biber, wurden zu Synonymen für die dort einsetzende, sprunghafte Entwicklung der transsexuellen Idee und deren (nahtloser?) Transformation: "Anything goes" war die schrankenlose Devise.

Für europäische Verhältnisse hat über längere Zeit der Name "Casablanca" einen wahrlich magischen Klang gehabt, denn dort residierte der legendäre Transsexer-Chirurg Charles Burou, der Erfinder des "Handschuh"-Prinzips bei der chirurgischen Umwandlung von Mann-zu-Frau-Transsexuellen. Jan Morris´ "Conundrum" verlieh dem Endziel "Casablanca" mit ihrer verklärten "Alles wunderbar"-Aussage noch zusätzlichen Glanz: das Wort Kastration findet sich nirgendwo im Buch.

Wie bereits erwähnt, kam dann über Harry Benjamin mit seinem wissenschaftlichen Werk "The transsexual phenomenon" (New York, 1966) die Transsexualitäts-Diskussion - sozusagen über den amerikanischen "Umweg" - nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zurück nach Deutschland bzw. Europa. Alsbald folgten die ersten transsexuellen Gesetzgebungen u.a. in Schweden (1972), DDR (1974), BRD (1981, mit "kleiner Lösung" (Vornamensänderung) und "großer Lösung" (Personenstands-änderung und damit verbundener Heiratsfähigkeit), Italien (1982), Holland (1984), Luxemburg (1989). Ebenso erfolgten die Gründungen verschiedenster Transsexuellen-Selbsthilfe-Organisationen, die allerdings zu einem erheblichen Imageverlust in der Öffentlichkeit geführt haben. Ja, man kann sagen, daß dieselben absolut nicht die Lösung des Problems sind, sondern das Problem selbst. Aus den USA kommen inzwischen immer kritischere Töne zu uns herüber, weg von der Chirurgie, hin zur Tradition ("Das Wandeln zwischen den Geschlechtern ist so alt wie die Menschheit...."). Staunen kann man nur noch über solche lakonische Berichte, wie jener in der Bildzeitung vom 10.03.1993:

"Operation" ER wurde zur Frau, SIE zum Mann. Rollentausch unter dem Skalpell. Zwei Transsexuelle: Er (30) möchte zur Frau werden, sie (24) will Mann sein. Ein Medizinprofessor spielt Gott, operiert beide um, 19 Stunden in OP. Die Eierstöcke wurden ihm eingeplanzt, seine Hoden wurden ihr angenäht. Professor Xia Zhaoji: "Beide entwickeln sich ohne Sexualhormone normal (!)"

Transsexualismus: quo vadis ?

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.