M A A S T R I C H T   -   S T A D T   I M   S T R E S S

Maastricht ist in erster Linie als eine im historischen Sinne "intakte" Stadt (mehr als 1600 Monumente jeglicher Art) zu bezeichnen, da sie - jedenfalls im Kernbereich - von derart einschneidenden Kriegsverwüstungen wie in Aachen oder Lüttich verschont geblieben ist. Insbesondere der historische Stadtkern um den "Vrijthof"-Platz ist ein städtebauliches Juwel mit engen Gassen und alten Gebäuden im Ueberfluss - über die unverzeihlichen Bausünden wie das "Entre deux"-Einkaufszentrum mitten in der alten Bausubstanz und die potthässlichen städtischen Bürohäuser (mit blauen Rolljalousien...) zwischen Wilhelminabrücke und Markt sei an dieser Stelle den Mantel des beredten Schweigens gelegt. Es sieht allerdings so aus, als würde über das zu Zeit ausgeführte "Markt-Maas-Projekt" (Untertunnelung des Maasboulevards und neue Anbindung der Wilhelminabrücke) eine Korrektur dieser architektonischen Missetate erfolgen, denn Ende 2002 wurde der komplette Abbruch der tristen Gebäude in Angriff genommen - besser spät als nie...! Leider werden die riesigen Bauten der Papierfabrik Sappi (direkt am Maasufer) das Stadtbild Maastrichts nördlich der Wilhelminabrücke wohl noch weiter verschandeln - weniger bekannt dürfte diesbezüglich sein, dass an dieser Stelle bis zum Ende des 18.Jahrhunderts der gleichfalls gigantische Gebäudekomplex des Deutschen Ordens gelegen war. Die Gebäude wurden während der französischen Belagerung von 1794 in Schutt und Asche gelegt und dann zu Anfang des 19. Jahrhunderts geschleift (nur etliche Gravuren sind erhalten geblieben).

Andererseits hat Maastricht - nichtzuletzt aufgrund fehlender Visionen in der Vergangenheit - einen enormen Nachholbedarf in der Verbesserung ihrere städtischen Infrastruktur hinsichtlich Verkehrslenkung, Industrieansiedlung und Wohnungswirtschaft: endlich scheint die Stadt aus ihrem "Dornröschenschlaf" erwacht und werden - "Stadt im Stress" - kühne Projekte verwirklicht. Hierbei sind die städtischen Möglichkeiten auf der westlich der Maas gelegenen "Île de Maastricht" eher begrenzt: im Süden blockiert das St.Pietersberg-Massiv (das zudem noch vom gnadenlosen ENCI-Moloch "ausgebeutet" wird) eine Ausbreitung, während im Westen, direkt an der Grenze mit Belgien, der um die ganze Stadt laufende Ring des Albertkanals, bzw. des Kanals Briegden-Neerharen, Maastricht regelrecht umklammert, sodass grenzüberschreitende Projekte nochmals zusätzlich erschwert werden.

Nur im Nordwesten liegt ein über ein Bürgerwettbewerb als "Belvédère" bezeichnetes, bis heute schmählich vernachlässigtes städtisches Entwicklungsgebiet (mit viel Wasser und eine echte, grössere Woonboot-Kolonie), das noch gute städtebauliche Perspektiven bietet. Allerdings könnte der Erfolg dieses Projekts sicherlich noch gesteigert werden, wenn eine entsprechende Zusammenarbeit mit den anliegenden belgischen (flandrischen) Gemeinden Riemst und Lanaken angestrebt werden würde - doch die "Sjengen" werkeln lieber für sich alleine... Grenzüberschreitende Projekte wie in Kerkrade-Herzogenrath (Eurode) oder Heerlen-Aachen (Avantis) sind offensichtlich in Maastrichter Augen noch immer mit den belgischen Nachbarn nicht zu verwirklichen - obwohl das auf der Hand liegend wäre!

Lobenswert und von einer hohen architektonischen Qualität hingegen ist das auf der östlichen Maasseite entstandene, neuartige "Céramique"-Stadtviertel - eingeengt zwischen Eisenbahnlinie und Maasufer ist hier ein absoluter Gegensatz zum irgendwie erstarrten, historischen Stadtkern auf der gegenüberliegenden Maasseite entwickelt worden und bereits die vielen riesigen Baukräne (irgendwie an früheren "Potsdamer Platz"-Bauarbeiten erinnernd) vermittelten den erstaunten Maastrichtern die Botschaft, dass auch für ihre Stadt die Modernität begonnen hatte. Die vielen anderen , im Laufe der letzten Jahre in der Umgebung bzw. innerhalb des "Céramique"-Viertels errichteten Grossbauten, wie Gouvernement, MECC (Messe- und Kongress-Zentrum), AZM (Universitätskrankenhaus Maastricht), Libertel/Vodafone-Gebäüde (mit der Kennedybrücke mittendurch), Bonnefantenmuseum und diverse Luxushotels haben ein modernes, neues Maastricht mit teilweise futuristischem Ambiente entstehen lassen - zumindest auf dieser Maasseite...!

Aus früheren Zeiten, als dort das riesige Gelände der Sphinx-Céramique-Keramik-Industrie das Stadtbild bestimmte, ist der sogeheissen "Bordenhal" zum neuen Derlon-Theater umgebaut worden und direkt daneben ist das als neuer "Vrijthof"-Platz gedachte "Plein 1992" angesiedelt - ein wahrhaft riesiger kahler Steinplatz ohne irgendwelches Ambiente und ursprünglich vorgesehen für das endlich fertiggewordene Maastrichter Euro-Monument der jungen italienischen Künstlerin Maura Biava. Dieses Kunstwerk, jetzt auf einer Rotonde zu Anfang der Avenue Céramique zu sehen, ist nichtzuletzt mittels eines Internet-Chat-Projekts (Bürgerbeteiligung zwecks Ergründung einer "europäischen Identität"(!)) entstanden - sehr originell ist es trotzdem nicht geworden. Das derart konzipierte Euro-Monument besteht aus einem Bündel von silbrigen, sich drehenden Europasternen auf hohen Masten (zwölf grosse Sternen für die Teilnehmerstaaten anlässlich der Unterzeichnung des 1992-er Vertrags von Maastricht und 3 kleinere Sternen für die drei inzwischen beigetretenen Länder sowie dreizehn gleichfalls kleinere Sterne für die noch vorgesehenen "Erweiterungsstaaten" im Osten Europas. Es wurde aus fünf Entwürfen Biavas - vorgestellt auf der Internetsite www.carla-barbara-claire.nl sowie während einer Chat-Session mit drei Künstlerinnen in einem transparenten Kubus im Centre Céramique - ausgewählt - eine sehr unübliche moderne Form der Kunstgestaltung, wobei die Meinung Biavas "sie wolle nicht ihr Ego dem Publikum auferlegen" als wenig kreativ einzustufen ist (aber auch der Name des Monuments "Stars of Europe I" verdient diese Bewertung). Immerhin scheint die Stadtverwaltung eine frühere Wettbewerbsidee von zwei "Europa"-Stationen beidseits der Maas, verbunden durch eine Licht- und Tonbrücke, aufgegriffen zu haben: Um beide Stadtkernen miteinander zu verbinden, wurde eine Fussgänger- und Radfahrerbrücke (Passerelle) über die Maas konzipiert - eine weitere städtische Verkehrsbrücke liess sich in diesem Bereich aus den verschiedensten, nicht immer nachvollziehbaren Gründen leider (noch) nicht realisieren. Neue Verkehrsverbindungen über die Maas sind jedoch dringendst erforderlich, nichtzuletzt im Norden der Stadt, wo diverse grosse Industriekomplexe fossiler Natur (Sappi-Papierfabrik, Keramikwerke von "Sphinx" und "Royal Mosa", "Vereenigde Glasfabrieken" usw.) sozusagen mitten in der Stadt liegen. Denn derart vermischt sich hier der entsprechende Schwerlastverkehr (schwere fünfachsige "Brummer"), noch begünstigt durch den direkt neben der Noorderbrug angesiedelten "Beatrixhaven"-Komplex samt riesigem Gewerbegebiet, mit dem städtischen (Ring-)Verkehr - auch hier haben die Verantwortlichen nicht gerade optimale (Verkehrs-)Visionen entwickelt.

Dies gilt auch für die quer durch den Sappi-Komplex verlaufende Eisenbahnbrücke über die Maas, die durchaus geeignet wäre, dem auf der östlichen Maasseite Maastrichts angesiedelten Bahnhof (ein architektonisch sehr interessantes Bauwerk) geeignete Verbindungsmöglichkeiten in Richtung Westen zu verschaffen. Diese Eisenbahnbrücke wurde übrigens bereits in 1856 gebaut und war zu jener Zeit eine der modernsten Europas, nichtzuletzt durch die Verwendung des neuen Baumaterials Walzeisen. Eine "Lightrail"-Nahverkehrsverbindung mit Lanaken, Hasselt und Genk würde zudem das Maastrichter Parkproblem (verbunden mit extrem hohen Parkgebühren) sicherlich mildern - immerhin gab es in früheren Zeiten bereits eine Eisenbahnverbindung nach Hasselt und auch auf der anderen Maaseite gab es zwischen den beiden Weltkriegen sogar eine Dampfstrassenbahn zwischen Maastricht und Vaals/Aachen - in den heutigen bzw. kommenden Zeiten sollte deshalb ein grossflächiges, schienengebundenes Verkehrssystem (auch unter Einbeziehung der Montzen-Linie Aachen-Tongeren bzw. einer Abzweigung nach Lüttich) in der Euregio Carolus Magnus durchaus an der Lösung der Verkehrsprobleme im Städtedreieck Maastricht-Aachen-Lüttich ihren Beitrag liefern können.

Als echte Fehlplanung kann sodann die A2-Autobahn (E 25), die sich als 50 km-Autostrasse mit sechs (!) Verkehrsampeln (die einzigsten auf der E 25 Amsterdam-Genua ("Autoroute du Soleil") und davon drei nur für Fussgängerkreuzungen!) durch das östliche Maastricht quält, bezeichnet werden. Dem nahezu permanenten Stau, bzw. "stop and go"-Verkehr (mit einem grossen Anteil an Schwerlastverkehr von und nach Lüttich), und der damit einhergehenden Luftverunreinigung soll jetzt mit einem gigantischen Untertunnelungsprojekt (unter Abbruch von etwa 380 Wohnungen und Rückfinanzierung über eine Mautgebühr...) abgeholfen werden.

Dieses und etliche andere Infrastruktur-Projekte ("Stadskern in beweging", "Maas-Markt-Projekt", "Céramique"-Ausbreitung, "Belvédère"-Stadtentwicklungsplan) haben die neue Zeiten endlich auch in Maastricht beginnen lassen. Die in einer Werbeschrift der Stadt Maastricht und der Provinz Limburg abgedruckten Worte des ehemaligen niederländischen Ministerpräsidenten Dries van Agt "Maastricht ist auf dem besten Wege eine der wichtigsten Städte Europas zu werden" scheinen allerdings ein wenig zu hoch gegriffen - und wohl auch etwas daneben... Dies obwohl die Stadt - mitten in Europa - tatsächlich schon immer im Mittelpunkt des Interesses ihrer Nachbarn - und hier ganz besonders der Franzosen - gestanden hat - fünfmal wurde die Festung Maastricht nach 1632 von ihnen belagert und dreimal (1673,1748 und 1794) eingenommen. Ein wohl einmaliger Beweis des starken französischen Engagements in dieser Ecke Europas dürfte vor allem die 39 qm grosse Nachbildung der Stadt und ihrer Befestigungswerke aus den Jahren 1748-1752, zur Zeit aufbewahrt im "Musée des Plan-Reliefs" zu Paris, sein - eine naturgetreue Kopie ("maquette") befindet sich übrigens im neuen Maastrichter Bonnefantenmuseum (als Leihgabe zur Zeit im "Centre Céramique" aufgestellt) am östlichen Maasufer.

Dieses futuristische Museum, in 1995 vom italienischen Stararchitekten Aldo Rossi realisiert, ist nichtzuletzt auch durch seinen raketenähnlichen Turm aus Zink zum echten (kulturellen) Gewinn für die Stadt geworden. Aber auch das musikalische "Bonnefant" ("bon enfant" gleich "gutes Kind") André Rieu hat mit seinen vorwiegend aus Maastrichter Musikern bestehenden Johann-Strauss-Orchester gleichfalls viel für die auch durch den 1992-er "Vertrag von Maastricht" stark gewachsene Bekanntheit der Stadt getan - sogar der offizielle "stadsbeiardier" für die Carillons des Rathauses und der St.Servatiusbasilika ist Mitglied des Rieu- Orchesters. Ebenso darf der Balladen-Sänger Benny Neymann ("Ga je mee naar Maastricht"-Ballade) mit seinen gefühlvollen Liedern zu den musikalischen Highlights der Stadt gerechnet werden, wobei natürlich das "Limburgs Symphonie Orkest" (LSO), orchestrische Heimat von Vater und Sohn Rieu, gleichfalls nich unterschlagen werden darf. Und die vorgesehene Inbetriebnahme der lange geschlossenen, byzantinischen Lambertuskirche für das "Opera-Zuid"-Ensemble dürfte dazu führen, dass die regelmässigen Gastspiele der Lütticher Oper (Opéra Royal de Wallonie) in Maastricht endlich nicht mehr (nur) im MECC abgehalten werden müssen - ein echter Gewinn für die Maastrichter Opernbesucher. Allerdings verfügt Maastricht mit dem "Bonbonnière"-Theater in einer eigens dafür umgebauten ehemaligen Jesuitenkirche bereits über ein echtes Theaterjuwel: Hier trat zur US-Truppenbetreuung Anfang 1945 gar Marlene Dietrich auf, als das amerikanische Hauptquartier zeitweise in der Maastrichter Tapijnkaserne untergebracht war. Daneben verfügt die Stadt natürlich noch über viele andere kulturelle Qualitäten, die hier aufzuzählen jedoch nicht dem Sinn dieses Buches entsprechen würde - wir können nur gewissermassen eine Wegweiserfunktion erfüllen. Hierzu gehört, dass Maastricht im literarischen Sinne Anspruch erhebt auf den grossen mittelalterlichen Dichter Henric van Veldeke, der Schöpfer der Servatius-Legende, aber auch über die Figur des (vierten) Musketiers d'Artagnan aus dem weltberühmten Roman "Die drei Musketiere" (1844) von Alexandre Dumas (1802-1870) literarischen Ruhm erworben hat. Charles de Baatz d'Artagnan, 1615 in der Gascogne am Fusse der Pyrenäen geboren, kam 1673 mit dem Sonnenkönig Ludwig XIV und 42'000 Soldaten nach Maastricht zur monatelangen Belagerung der Stadt - er kam vor den Toren Maastrichts zu Tode und wurde nicht nur im Roman verewigt, sondern auch in einer Statue beim Waldeckbastion, mitten im ehemaligen Festungsgebiet.

Eine ganz besondere städtische Spezialität - sofern man dies so nennen darf - dürfte sodann noch die Dialekt-Kultur rundum das in Maastricht gesprochene "Mestreechs" darstellen. Diese von den (echten) Einheimischen im täglichen Leben konsequent angewendete, überaus laute Volkssprache hat zu einer ganz besonderen Kultur des geschriebenen Dialekts geführt - es gibt sogar eine vom Bürgermeister und Stadtrat abgesegnete "Veldeke Krink Mestreech"-Schreibweise, um deren Interpretation sich oft die hitzigsten Debatten entzünden. Zu den Höhenpunkten dieser "Mestreech"-Stadtkultur dürften die regelmässigen Aufführungen von Musicals und Theaterstücken in "Mestreechs" zählen: Titel wie "Petatte Polka", "Sjöppen Aos", "Iech en die van miech", "Lomele Lies" oder "Ezzebleef" bestätigen den Ruf dieser Volkssprache als eines der stärksten Dialekte der Niederlande.

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Das "Mestreechs" hat sich bis jetzt ausgezeichnet handhaben können und der (echte) Maastrichter ist stolz auf seine alte "Haussprache" (zurückgehend auf die mittelalterliche "dietsche" Umgangssprache in den damaligen (südlichen) Niederlanden) - für den als chauvinistisch geltenden Maastrichter gibt es wahrhaftig kein stärkeres Band als "sein Mestreechs". Schon um sich unterscheiden zu können von den vielen dazugekommenen "Holländern" und anderen "Fremden" (wozu der Maastrichter auch seine 12'000 Studenten rechnet...) in der inzwischen auf 122'000 Einwohner angewachsenen Provinzhaupstadt, doch leider ist die schlechte Angewohnheit geblieben, Nicht-Maastrichter auch dann konsequent in "Mestreechs" anzureden, wenn diese "kannitverstaan" signalisieren. Und wer sich Mühe gibt das alles dennoch verstehen zu wollen, kann sich ja in ausführliche Dialektwörterbücher vertiefen wie beispielsweise "Diksjenaer van 't Mestreechs" (H.J.E.Endepols, 1992), "Mestreechs eus moojer- toal" (Flor Aarts, 2001) oder auch "Maastrichts" (Ben Salemans/Flor Aarts, 2002) - auch das (umstrittene) Vorhaben Maastrichter Strassenschilder künftig in Niederländisch ùnd in "Mestreechs" - wie in Belgien mit den zweisprachigen (niederländisch-französischen) Strassen- und Verkehrsschildern - zu beschriften, dürfte als weiterer Beweis für die Stärke und die Originalität dieser Maastrichter Volkssprache gelten. Hauptsache, das in 2002 gegründete Maastrichter "Bike Team", d.h. eine Einheit von sechzehn Maastrichter Polizisten auf speziellen Fahrrädern ("full suspension"-Mountainbikes!) und in dunkelblauer, fast schwarzer Kleidung, spricht nicht nur "Mestreechs". Dieses polizeiliche Fahrrad-Team soll vor allem in der Maastrichter Innenstadt reagieren auf Meldungen aus der hier neuerdings aufgestellten Ueberwachungskameras, nichtzuletzt bezogen auf die auch in Maastricht überbordende Drogenkriminalität (es gibt sogar "coffeeshops" auf an der Wilhelminakade, direkt im Zentrum, vertäuten Schiffen)

Auch der Maastrichter Karneval ("vastelaovend") - in früheren Jahren ein massenhaftes Pilgerziel der "nüchternen" Holländer - wird ganz in der "Mestreechs"-Volkssprache abgehalten: besonders die vielen Karnevalszeitungen (hier "gezèt" genannt), Zeitungsbeilagen und Veranstaltungsinfos sind ohne das geschriebene "Mestreechs" nicht mehr weg zu denken, Währen der (drei) tollen Tage - wenn das gesamte öffentliche Leben zum Erliegen kommt - wird burgundisch laut und lebensfroh die "Mestreechs"-Kultur Maastrichts zum Ausdruck gebracht und dominieren allernorts - wie auch anderswo in der Euregio - die rot-gelb-grünen Karnevalsfarben.

Eine auffällige Eigenheit des Maastrichter Karnevals dürfte auch der Umstand sein, dass in den Stadtumzügen (sonntags "Groete Mestreechter Optoch" und montags "Femilie Optoch") Musikgruppen und Einzelpersonen dominieren: Prahlwagen wie am Rhein sind hier bedeutend weniger vertreten, denn Karneval findet in Maastricht tatsächlich vorwiegend neben der Umzugsroute statt...- und alles auf "Mestreechs"! Eine der besonderen Höhepunkte der drei tollen Tage ist hierbei am Karnevalsdienstag der sogenannte "Zaate Hermenieke"-Concours auf dem Vrijthof, wo - auf "Mestreechs" bzw. "Limburger Platt" - mehr als 70 Gruppen ("famfaarkes", "orkeste", "bendjes") ihre "carnavalsleedjes" präsentieren. Jede der teilnehmenden Gruppen bekommt übrigens den ersten Preis der Jury, der aus 111 Punkten und einem Bündel Chicorée besteht - dies als Parodie auf die Punktewertung bei anderen Musikfestivals. Auf dem Vrijthof ist das "Zaate Hermenieke"-Phänomen des Maastrichter Karnevals übrigens in einer Bronzegruppe mit fünf Figuren verewigt, die eine ungeahnte touristische (Foto-)Attraktion darstellen - obwohl den meisten Touristen deren tieferen Sinn wohl entgehen wird.

Der Karneval im burgundischen Maastricht hat allerdings auch schon ganz andere, weniger attraktive Höhepunkte gehabt, beispielsweise hinsichtlich des Wetters: Am 16. Februar 1956 gab es in einer langen Frostperiode eine absolute Tiefsttemperatur (am Tage (!)) von - 27 ° C, während in 1960 - infolge eines "Föhneffekts" über die Ardennen - eine Temperatur von + 19.2 ° C gemessen wurde, bzw. hatte der Karneval 1969 zu leiden unter riesigen Schneemengen und sollte 1970 - direkt nach den drei tollen Tagen - die grösste je gemessene Regenflut in Maastricht herunterkommen. Und in 1990 gab es am Aschermittwoch (nach einer Reihe schwerer Stürme) die heftigsten Windstösse des Jahrhunderts - viele Umzüge mussten bereits vorher abgesagt werden, obwohl - wieder ein Rekord - mit einer Höchsttemperatur von + 20.4° C den wärmsten Karneval überhaupt gefeiert werden konnte. In 1953 sollte der Karneval wegen der grossen Ueberschwemmungskatastrophe in den Provinzen "Zeeland" und "Zuid-Holland" nicht stattfinden können.

Der wichtigste Platz zum Feiern bleibt für die Maastrichter dabei immer ihr "Vrijthof"-Platz ("woonkamer van Maastricht"), in bekannt chauvinistischer Gewohnheit schon mal als "der schönste Platz Europas" tituliert, doch unzweifelhaft durfte sein, dass die auf dem Vrijthof vorhandene Mixtur von historischen Gebäuden ("Sint Servaas"-Basilika, "Sint Jans"-Kirche mit ihrem hohen gotischen Turm, Museum "Spaans Gouvernement", "Generaalshuis" mit Vrijthof-Theater, "Hauptwache"-Gebäude usw.), Monumenten ("Perron", "Zaate Hermenieke"-Skulpturgruppe, "muziektent") und urgemütlicher Gastronomie-Meile mit lauter Terrassen auf der Ostseite des Platzes, eine einmalige Ausstrahlung besitzt. Wer das alte Maastricht dagegen nicht nur im Museum auferleben lassen will, kann dies auch im nahegelegenen "Café Crazy Pie" an der "Grote Looiersstraat", wo der Wirt mehr als 500 Exponate uber die Vergangenheit Maastrichts ausgestellt hat. Er wird Ihnen auch das "Mestreechs Volkslied" von Paul Chambille de Beaumont aus dem Jahre 1827 aus voller Brust vorsingen ("Boe me gaar gein hollands sprik. Wel e bitsje frans...") Da dessen Text - als Schlusschor der "Mestreechs"- Oper "Trijn de Begijn" - damals vor allem pro-belgische Sympathien aufrief, wurde dieses Lied nach dem Zweiten Weltkrieg (!) zum neuen "Mestreechs Volksleed" (Stadthymne) bombardiert. Denn eigentlich ist Maastricht immer eine belgische Stadt geblieben: jedesmal am 11. November (Waffenstillstand im Ersten Weltkrieg) ist "Belgendag" und Maastricht einen vollen Tag in "belgischer Hand". Im auf der Ecke des "Vrijthof"-Platz gelegenen ältesten Café Maastrichts "In den Ouden Vogelstruys" (Café bedeutet in Maastricht übrigens "Kneipe" und Kaffee gibt's nur am Rande) kann dann förmlich über die Köpfe der Stehenden gelaufen werden. Das auch "De Struys" genannte Café wird von den Maastrichtern - als "hoeskamer van Mestreech" tituliert - nicht nur als Mittelpunkt des "Mestreechter Geis" (Maastrichter Lebensart) betrachtet, sondern ist gleichzetig auch Sitz des "Struyskommitee"), das für das jährliche "Preuvenemint"-Festival der Gastronomie auf dem Vrijthof verantwortlich zeichnet - hier geben die ersten Maastrichter und Limburger Adressen der Esskultur sich die Klinke in die Hand, wobei ein Teil der Einnahmen immer für gute Zwecke in der ganzen Stadt gespendet wird (besonders die St.Servatiusbasilika hat schon viel von diesem jährlichen Geldregen abbekommen). Das Bezahlen auf dem "Preuvenemint" geschieht übrigens auf ganz origineller Art, nämlich mit dem einzig zugelassenen Zahlmittel "Preuvenelap" (in 2002 1.45 Euro entsprechend), extra kunstvoll bedruckte Wertscheine, die mit ihrem Cartoon-Charakter bereits Sammlerwert erreicht haben. André Rieu und sein Orchester verdienten hier auf diesem Festival ihre ersten Sporen - jetzt - nachdem diese europäische Berühmtheit erreicht haben - darf das LSO ("Limburgs Symphonie Orkest") wieder ran...

Gleichfalls erstaunlich dürfte sein, dass sich sogar der amerikanische Fastfood-Gigant Mc Donalds - auf Wunsch der Maastrichter Stadtverwaltung - dem historischen Ambiente des "Vrijthof"-Platzes hat anpassen müssen. Entstanden ist ein ausgesprochen schickes "Hamburger-Restaurant der gehobenen Klasse", ganz in lavendelblau und Chrom gehalten und sowohl innen als auch vor allem aussen ohne die sprichwörtlichen rot-gelben Mc Donalds-Farben. Die "Hamburger" werden gereicht in Papierservietten mit Aufdruck der "Sint Servaas"-Basilika, bzw. des roten fünfzackigen Maastricht-Sterns, anstelle des hauseigenen Mc Donalds-Logo, es gibt Cola in blauen (!) Bechern, Pommes Frites auf (Plastik-)Tellern mit Gabel und keine Abholmöglichkeit - und überhaupt absolut keine (grelle) Mc Donalds-Werbung : Da hat sich der platte "Amerikanismus" gegen den "Mestreechter Geis" absolut nicht durchsetzen können... Auch das ist Maastricht: "Ambiente über alles" - und das ist auch gut so an diesem herausgehobenen Ort. Dass es - auf die ganze Stadt bezogen - mit einer solchen "chauvinistischen" Einstellung der Oberen natürlich nicht getan sein kann, beginnt sich nun gottlob allmählich durchzusetzen, bzw. zu manifestieren. Ob man dann wieder ins andere Extrem verfallen sollte und solche Rechnungen aufmachen, dass die jährlichen 1.1. Millionen Besucher der zahllosen "coffeeshops" in Maastricht ("Welt am Sonntag"-Schlagzeile vom 15.12.2002: "Maastricht - Stadt der Drogen. Mehr als eine Million Hasch-Touristen machen die Grenzstadt reich") mehr Geld in die städtischen Kassen bringen als die rund 200'000 Karnevalisten ( übrigens wieder ein (entlarvendes) Beispiel des typisch- niederländischen Spagats zwischen "Pastor" und "Kaufmann"), sei dahingestellt - der Umsatz der boomenden Touristenbranche in Maastricht ist mit mehr als einer halben Milliarde Gulden (dritte Touristenstadt der Niederlande nach Amsterdam und Den Haag) für ein (relativ kleines) Gemeinwesen in der Grösse von Maastricht sowieso schon gigantisch: Mehr als 520'000 Uebernachtungen und fast 2.4 Millionen Tagestouristen ("dagjesmensen") sprechen für die Attraktivität dieser Touristen-Metropole (Zahlen 2001). Da sich hierunter sehr viele ausländische Gäste befinden, muss es allerdings sehr verwundern, dass das Maastrichter Fremdenverkehrsamt VVV sich so wenig Mühe gibt hinsichtlich einer grammatikalisch-korrekten Gestaltung ihrer deutschen, englischen und französischen "stadsgids"-Ausgaben - der "Touristenführer 2000" (etwa sechzig Seiten) beispielsweise wies auf jeder Seite bis zu zehn Schreibfehlern in einem zum Teil höchst holprigen Deutsch auf...

Neben der damit einhergehenden, offiziellen Internetsite der Stadt Maastricht www.maastricht.nl existiert auch noch die überaus interessante Website www.maastricht360.nl, wo mittels Panoramabilder eine virtuelle Führung durch die Stadt erfolgt - die Besucher dieser Website können auf jedem der über 50 Bilder in einem Blickwinkel von 360 Grad um sich schauen, angefüllt mit kurzen Infos über das was man sieht. Und der Clou des Ganzen dürfte sein, dass die Informationen wahlweise nicht nur in Niederländisch und Englisch sondern auch in "Mestreechs" gegeben werden: "Maastricht, dat gun je jezelf" (VVV-Werbespruch) - wobei über die Website www.royal-roman.com die Stadt Maastricht - zusammen mit Den Haag - nochmals extra für die USA werbewirksam in Szene gesetzt wird. Und wer sich in die jüngste Geschichte Maastrichts vertiefen will, beispielsweise über die im Zweiten Weltkrieg so strategischen Maasbrücken (die sogar von belgischen Flugzeugen am 9./10. Mai 1940 bombardiert wurden...), kann dies alles auf der Website www.KroniekVaanMestreech.com in Erfahrung bringen - vor allem der Zusammenhang mit den belgischen Verteidigungslinien hinter dem Albertkanal wird hier überaus illustrativ dargestellt.

Derart könnten wir über die Besonderheiten (oder auch Eigenartigkeiten) dieser markanten Stadt an der Maas noch lange berichten: Maastricht (früher als Mosae Traiectum, Trajectum ad Mosam, Trega (fränkisch) oder einfach Tricht bekannt) hat beispielsweise nicht nur einen ausgezeichneten "Shopping"-Ruf ("Paris der Niederlande"), sondern auch eine Stadtflagge mit zeitweiligem "kommunistischem" Ruf. Denn die seit dem Westfälischen Frieden von 1648 als "rot mit weissem Stern" beschriebene Flagge Maastrichts sah nach 1917 plötzlich aus wie die Fahne der (neugegründeten) Sowjetunion. Deshalb wurde von 1938-1994 in der Maastrichter Flagge der Stern entfernt und bestand diese künftig aus zwei horizontalen Bahnen in weiss und rot - erst 1994 wurde die alte Stadtflagge von 1648 - mit gleicher fünfzackiger Stern übrigens wie der Europa-Stern - rehabilitiert, sozusagen nach dem Motto "Alles auf seine (Europa-)Zeit". In den beiden nachfolgenden Abschnitten "Die Basilika von St.Servatius" und "Die Mergelgrotten von Slavante" werden weitere typische (historische) Gegebenheiten Maastrichts ausführlich ausgeleuchtet.

Die Basilika von St.Servatius

In seiner "Historiae Francorum" (Geschichte der Franken) berichtete Bischof Gregor von Tours im 6. Jahrhundert, dass Bischof Servatius (in den ältesten Handschriften von Gregors Geschichtschreibungen stets Aravatius genannt) während seines Aufenthalts in Rom in einer Vision des Apostel Petrus den Auftrag erhielt, an seinen Bischofssitz Tongeren zurückzukehren - die Hunnen unter Attila (Etzel) würden "bald" ( tatsächlich erst einige Jahrzehnte später) in Gallien einfallen. Servatius würde jedoch vorher sterben und müsste aus diesem Grunde die erforderlichen Vorbereitungen für seinen Tod und seine Bestattung treffen. Dazu musste er Tongeren verlassen und als er sich Maastricht näherte, erkrankte Servatius schwer und verstarb dort am 13. Mai 384 (so wird jedenfalls angenommen). In seiner "Historiae Francorum II, 6" fügte Gregor von Tours noch hinzu, dass, als die Gläubigen den Leichnam versorgt hatten, Servatius in der Nähe der "Strasse" (gemeint ist hier wohl die römische Heerstrasse "Via Belgica") beerdigt wurde. In einem anderen geschichtlichen Werk ("De Gloria Confessorum") schrieb Gregor von Tours jedoch, dass sich die Grabstätte von Servatius "juxta pontem" (bei der Brücke) befinden würde und dies würde später zu allerhand Fehldeutungen führen, da man vermutete, Servatius sei zunächst in oder nahe der unmittelbar bei der Brücke gelegenen Marienkirche begraben worden. Weiter berichtete Gregor von Tours, dass die Gläubigen über das Grab des Servatius eine hölzerne Kapelle errichtet hatten, die bereits in frühen Zeiten seitens der Bischöfe Monulphus und Gondulphus durch eine grössere und wahrscheinlich aus Stein gebaute Kirche ersetzt wurde. Im Laufe der darauffolgenden Jahrhunderte entstand daraus der wahrhaft imposante Gebäudekomplex der "Sint Servaas"-Basilika auf der Westseite des "Vrijthof"-Platzes. Der genauso imponierende Komplex der "Onze Lieve Vrouwen" - Basilika (mit gewaltigem Westwerk) am in Richtung Maas gelegenen "Onze Lieve Vrouwenplein" (ein weiteres "Wohnzimmer Maastrichts") wurde übrigens von Bischof Notker - nachdem dieser 972 Lüttich als Lehen vom deutschen Kaiser Otto I erhalten hatte - mit der Stiftung des OLV-Kapitels in die Wege geleitet - aus dieser Zeit stammte auch die berühmte "tweeherigheid" Maastrichts, die in der späteren "Alden Caerte" nochmals genauestens geregelt werden würde.

St.Servatius (Sint Servaas in "Mestreechs", auch der "Grosse Herr von Tricht" genannt) war aus Armenien gebürtig und ein vehementer Streiter gegen den Arianismus der frühchristlichen Zeiten. In dieser von Arius, einem koptischen Priester (Presbyter) aus Alexandrien, im 4. Jahrhundert n. Chr. ausgehenden Lehre, wurde Christus als Mensch angesehen, der erst durch seine Erlösungstat zur Göttlichkeit erhoben wurde - denn ein göttlicher Status Jesu Christu stünde andernfalls in Widerstreit mit der absoluten Gottesidee: es gäbe nur einen Gott, der immer existiert hätte, während Jesus geboren worden war...Diese auf dem Konzil von Nizäa 325 verurteilte (ketzerische) Interpretation Jesu als Erlöser der Menschheit wurde übrigens u.a. vom Spiegelherausgeber Rudolf Augstein in seinem Buch "Jesus Menschensohn" und vielen darauf abzielenden Publikationen wieder aufgenommen. Und in 2002 erschien von den beiden armenischen Wissenschaftlern Maxime Yevadian und Georges Haikian eine Studie über St.Servatius mit dem Titel "Saint Servatius de l'Arménie - 1er évêque de Maastricht" - darin wird besonders eingegangen auf St.Servatius und seinen obenerwähnten Kampf gegen den Arianismus.

Armenien war in jenen frühen Zeiten übrigens das erste Land, das 301 das Christentum als Staatsreligion anerkennen sollte - erst viele Jahre später würde dies auch im Römischen Reich geschehen. Und obwohl die Armenische Kirche sich noch immer vom römischen und orthodoxen Christentum heutiger Zeiten erheblich unterscheidet, hat in 2001 - als die Armenier die 1700 Jahre ihrer Bekehrung zum Christentum feierten - in der St.Servatiusbasilika eine gemeinsame liturgische Feier des Roermonder Bischofs und des armenischen Patriarchs ("katholikos") stattgefunden. Im gleichen Jahr hat Papst Johannes Paul II auch Armenien selbst einen Besuch abgestattet, ein Land, das erst jetzt - nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion - wieder eine gewisse Unabhängigkeit im Rahmen der GUS (Gemeinschaft Unabhängiger Staaten) besitzt. Das selbständige Reich des frühen 4. Jahrhunderts kannte nur eine kurze Blütezeit und ansonsten wurde Armenien immer überherrscht von mächtigen Nachbarn wie die Perser, Türken und Russen - eine imgrunde ähnliche Situation wie bei Lothringen. Besonders geprägt ist die heutige armenische Wirklichkeit vom türkischen Genozid von 1915, als nahezu das gesamte armenische Volk von den Türken auf bestialischer Weise (Frauen, Kinder, Alte in die Wüste gejagt) gemordet wurde - von den zwei Millionen Armenier wurde damals etwa anderthalb Millionen in den Tod getrieben, die restlichen in die Diaspora. Armenische Gemeinschaften sind über der ganzen Welt vertreten (mit Frankreichs Charles Aznavour als einer der bekanntesten (musikalischen) Repräsentanten), während in Niederländisch-Limburg heutzutage etwa noch tausend Armenier der "Armeens Apostolischen Kerk" angeschlossen sind.

Zurückkommend auf Maastricht, sei einerseits festgehalten, dass die Kirche des St.Servatius in erster Linie eine nach römischem Brauch ausserhalb der Mauern des "castellums" gelegene Grabkapelle war, jedoch dürfte andererseits logisch sein, dass nach gleichem Brauch eine zweite Kirche als bischoflicher Sitz innerhalb der Stadtmauern angesiedelt wurde - sodass anzunehmen ist, dass diese Bischofskirche sich dort befand, wo die heutige "Onze Lieve Vrouwen"-Basilika steht. Dennoch sollte die Grabkirche von St.Servatius in der Rangordnung der Maastrichter Heiligtümer immer die erste Stelle einnehmen, nichtzuletzt wegen der von Anfang von zahlreichen Legenden umwobenen Gestalt des "Grossen Herrn von Tricht" Sankt Servatius. Dies alles sollte zur Folge haben, dass Maastricht einen überaus wichtigen Platz in der Reihe der Wallfahrtsorte des damaligen Europas einnehmen sollte: die Maastrichter Bevölkerung kam mit Menschen aus ganz Europa in Berührung und die Stadt erhielt - auf der Nahtstelle dreier Sprachen und Kulturen - bereits in jenen frühmittelalterlichen Zeiten internationales Flair - genauso als 1991/1992 der berühmte "Vertrag von Maastricht" Tausende von Pressevertretern, Medialeuten und Politikern in die Stadt lockte.

Aber auch die karolingischen Herrscher haben sich hinsichtlich der Verehrung des St.Servatius nicht unbezeugt gelassen und als Karl Martell 721 die Sarazenen bei Narbonne besiegte, schenkte er der Grabkirche von St.Servatius einen goldenen Altar und einen silbernen Reliquienschrein. Und als 794 Karl der Grosse, von Gicht geplagt, sein Machtzentrum endgültig zu den heissen Quellen von Aachen verlagerte, nahm die Bedeutung des nahegelegenen Maastrichts, noch mehr zu - denn, begünstigt durch seine miltärischen Erfolge, hatte der Herrscher den Plan aufgefasst, das alte Römische Reich, diesmal auf christlicher Grundlage, wiederauferstehen zu lassen. Darin sollte die neue Residenz Aachen das "Neue Rom" werden - allerdings mit einem kleinen Haken verbunden: Als kirchliches Zentrum des neuen Reichs war Aachen nicht geeignet , da es nicht über einen Heiligengrab verfügte - die Macht aller religiösen Zentren jener mittelalterlicher Zeiten beruhte immer auf den Besitz von Reliquien. Obwohl der Papst mit dem Gebein von Petrus diesbezüglich die Krone spannte, kam die Stadt Rom für eine nur kirchliche Nebenfunktion nicht in Frage: die päpstliche Macht war infolge des von den Karolingern (geschenkten) kirchlichen Territoriums zu autonom geworden und ausserdem war die Distanz (mit den Alpen dazwischen) zu gross. Aus diesen Gründen wurde Maastricht zum perfekten Kandidaten: Nur wenige Kilometer von Aachen (und Herstal) entfernt, im wirtschaftlichen Sinne nicht unbedeutend und vor allem versehen mit einem "magnum templum"-Heiligtum über dem Grab des karolingischen "Hausheiligen" Sankt Servatius.

Und nun wird es regelrecht spannend, denn die Stadt Maastricht war drei Generationen davor vom gleichen karolingischen Haus seines Bischofssitzes mehr oder weniger beraubt worden - der vorletzte Bischof von Maastricht Lambertus schien einbezogen gewesen zu sein in jenem Machtstreit zwischen der karolingischen Hofmeierfamilie und dem merowingischen Königtum und wurde rund 710 in Lüttich ermordet. Bischof Hubertus als sein Nachfolger versetzte 720 den Bischofssitz dann nach Lüttich - zusammen mit dem Gebein dieses in Maastricht geborenen Bischofs - und dort sollte Lambertus zum Stadtheiligen Saint Lambert avancieren, zu dessen Ehren in der Zeit Bischofs Notkers die gewaltige "Cathédrale Saint Lambert" errichtet wurde ( 1792 von den erbosten Lüttichern völlig zerstört).

Für die späteren Karolinger in Aachen, die in Maastricht - wie bereits gesagt - ihre kirchliche Dependance sahen, war die Verlagerung des Bischofssitzes nach Lüttich sehr vorteilhaft - denn statt die Macht mit einem Maastrichter Bischof teilen zu müssen, konnten die karolingischen Herrscher jetzt zu einem Arrangement mit den Lütticher Bischöfen kommen. Diese sollten in Maastricht ihr Mitspracherecht auf die Grabstelle des St.Servatius behalten und bekamen die Zoll- und Steuerrechte des "castellums" - besonders bezüglich der Maasbrücke - zugewiesen - die Karolinger dagegen würden frei verfügen können über die Grabkirche des Sankt Servatius und das dazugehörige Kapitel.

Diese neue Lesung der karolingischen Vergangenheit Maastrichts mag erstaunen, ist jedoch inzwischen von Fachleuten wie dem Stadtarchäologen Titus Panhuysen abgesegnet worden, nichtzuletzt auch da rezente Funde diese Teorie untermauern konnten: Ende der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurden bei den umfassenden Restaurierungsarbeiten der St.Servatiusbasilika unter der gesamten Kirche die Reste einer grossen karolingischen Basilika angetroffen. Diese Ruinen sind auf die Mitte des 8. Jahrhunderts zurückzudatieren und markieren nach Meinung des Stadtarchäologen den neuen Status der Grabkirche als karolingische Reichsabtei. Ebenso interessant in diesem Zusammenhang dürfte dabei die Tatsache sein, dass die beiden wichtigsten Ratgeber Karls des Grossen, Alkuin und Einhard, in der Abtei von St.Servatius die Funktion eines Laienabts ausgeübt hatten. Einhard, vor allem als Biograph des berühmten Kaisers bekanntgeworden, liess zudem aus Rom diverse Reliquien von Petrus (und Marcellinus) herbeiholen und schenkte der St.Servatiuskirche einen kostbargearbeiteten Reliquienschrein in der Form eines römischen Triumphbogens als Zeichen des "Nova Roma" - von diesem sogenannten "Einhardbogen", der spätere aus der Grabkammer verschwunden ist, existiert nur noch eine Zeichnung.

In 1580 schenkte sodann Alexander Farnese, Herzog von Parma - aus Reue über das von ihm in 1579 verübte Blutbad an der Maastrichter Bevölkerung - einen reichverzierten goldenen Reliquienbehälter in der Form eines Brustbildes des St.Servatius. Dieses wurde und wird zu den allen sieben Jahren stattfindenden Heiligtumsfahrten sowie bei besonderen Gelegenheiten (zuletzt am Vorabend des Golfkriegs) durch die Stadt getragen: die erste dieser "heyldomskermessen" wurde 1391 abgehalten und diese sollten vor allem im 15. Jahrhundert massalen Zulauf erhalten als Kriege, Pest und Cholera die Menschen Europas heimsuchten. Endlose Bussprozessionen zogen unter ohrenbetäubendem Glockengeläute durch die Strassen und der grosse goldene Reliquienschrein des St.Servatius bekam in jenen Zeiten den Namen "noodkist" (Notkiste), der auch heute noch gebräuchlich ist. Von der Heiligtumsfahrt in 1496 ist eine Teilnehmerzahl von mehr als hundertausend errechnet worden und die Maastrichter Stadtverwaltung musste viele Verordnungen hinsichtlich der Versorgung der Pilger, bzw. der Sicherheit der Bürger, erlassen - für jene Zeiten jedenfalls waren dies enorme Menschenmengen...

Bleibt noch zu erwähnen, dass in 1794 - als durch den Einmarsch der Franzosen die Doppelherrschaft der holländischen Generalstaaten und der Lütticher Bischöfe endete - alle kirchlichen Besitztümer in der Stadt (wie anderswo auch) beschlagnahmt wurden und das St.Servatius-Kapitel - samt aller Nonnen und Mönche aus den vielen Maastrichter Klostern - aus der Stadt getrieben. Die St.Servatiuskirche wurde darauf umfunktioniert zum Vorratslager für Heu und Stroh sowie zur Pferdestallung der französischen Armee (wie einst die Normannen mit dem Aachener Dom taten) und aus der "Onze Lieve Vrouwen"-Basilika wurde ein französisches Waffenlager mit Schmiede(!) - solche Reminiszenzen kommen beispielsweise heutzutage hoch, wenn die eigentlich direkt am Vrijthofplatz liegende Dominikanerkirche demnächst zum Fahradstallung ("fietsenstalling") umfunktioniert werden soll ...: Alsob es keine andere, passendere Verwendung - beispielsweise als Maastrichter Keramikmuseum (!) - gäbe für ein solches Traditionsbauwerk...

Zur Basilika selbst sei noch festgehalten, dass es in 1955 einen grossen Turmbrand gab, aber nach einem enormen Restaurierungsaufwand in den Jahren 1981-1992 - mit 1984 die päpstliche Ernennung zur Basilika - erstrahlt die "Sint Servaas"-Basilika heute wieder in alter Pracht und Gloria. Die Weihnachtsmesse in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember ist in der aufgezeigten Tradition ein äusserst festliches Ereignis geworden, nichtzuletzt durch den bereits seit 194 Jahren mit der Basilika verbundenem Chor "Cappella Sancti Servati" sowie einem grossen Orchester, das aus Mitgliedern des "Limburgs Symphonie Orkest" LSO (wie bereits gesagt das "Heimatorchester" der Familie Rieu) besteht.

Ja, und dann ist da noch die leidige Geschichte hinsichtlich des Maastrichter Vermächtnisses Karls des Grossen in der Form einer in 1843 gestifteten übergrossen Statue des berühmtem Kaisers. Diese Statue, einst aufgestellt dort wo heutzutage die mehr als dreihundertfünfzig Jahre "Binvignat"-Orgel steht, trug die Aufschrift "Sanctus Carolus Magnus und das hat - da ja die Heiligkeit Karls des Grossen nichtzuletzt seiner Polygamie (zehn Frauen !) wegen noch immer umstritten ist - einem braven Dekan während der obengenannten Restaurierungsjahre dann doch sehr missfallen: Die Aufschrift "Sanctus" wurde von ihm kurzerhand wegpoliert und der jetzt in Maastricht "unheilige" Carolus Magnus auf einen zweitrangigen Platz in einer hinteren, seitlichen Nische "strafversetzt" - so streng sind die Sitten in Maastricht (immer noch)...!

Die als "keizerzaal" titulierte Galerie im ersten Stock des hinter dem Retabel beginnenden Westwerks der St.Servatiusbasilika legt jedoch weiterhin beredtes Zeugnis der Karlsverehrung in Maastricht ab - hier pflegte der Kaiser, wie in Aachen, die Messe beizuwohnen und Richtung Osten zu schauen...Dass es in dieser Kirche jedoch nicht nur ein kaiserliches sondern auch ein geschlechtliches Sakrileg gibt, werden die wenigsten Kirchenbesucher bzw. Touristen bemerken: Dazu muss man sich die Figuren aus dem Neuen Testament auf dem Bogen des gotischen "Bergportals" näher anschauen - und man wird entdecken, dass eine Figur mit dem Jesuskind auf dem Arm namens Simeon (der im Tempel von Jerusalem über Jesus weissagte (Lukas 2,25)) fälschlicherweise von einem Restaurateur als Maria dargestellt worden ist. Dieser "Geschlechtswandel" fand statt als die Figur während früherer Restaurierungsarbeiten unter der Leitung des Architekten Pierre Cuypers eine Weile ohne Kopf gewesen war - und mit dem Kind auf dem Arm konnte dies bei der Rekonstruktion der Statue nur Maria gewesen sein... So ist eine doppelgeschlechtliche Figur entstanden: oben mit dem Kopf Marias und unten - mit dem Jesuskind auf dem Arm und in männlicher Kleidung - der verbliebene Rest Simeons - das Ganze wird jedoch erst auf den zweiten Blick klar...

Auf der Website www.sintservaas.nl wird man dies alles natürlich nicht entdecken können, dafür jedoch eine Flut an Informationen und Animationen über die "Sint Servaas"-Basilika und das Leben des Heiligen. Sogar für Kinder ist auf dieser Website eine gesonderte Ecke eingerichtet, wo die Kirchenglocken (virtuell) geläutet werden können und auch Nachrichten in der "noodkist" hinterlassen werden können - "as time goes by"...!

Die Mergelgrotten von Slavante

Die Silhouette Maastrichts wird beherrscht vom südlich der Stadt gelegenen St.Pietersberg (109 m ü. M), der weniger als "Berg", sondern mehr als langgereckter Höhenrücken zwischen Maas und Jeker bis ins belgische Hinterland (Kanne) hineinragt und auf der belgischen Seite - zwischen steil aufragenden Mergelwänden - vom eindrucksvollen Alberkanal durchschnitten wird. Gekrönt wird das Ganze vom "d'n Observant" genannten, künstlichen Hügel ("terril") mit einer Höhe von 164 m ü. M. - entstanden als Aufschüttung der bei der ENCI-Mergelgewinnung im Tagebau jeweils zu entfernenden Decklagen - und der fälschlicherweise oft als das St.Pietersberg-Wahrzeichen Maastrichts angesehen wird. Der Zementmoloch ENCI ("Eerste Nederlandse Cement Industrie"), früher eine Tochter der belgischen Muttergesellschaft CBR (die auch im sudwärts gelegenen Lixhe eine gewaltige Zementindustrie betreibt), ist heute mit dieser als Schwestergesellschaft untergebracht in der Holding der "Deutschen Heidelberger Zement Gruppe" - der von den Maastrichtern oft chauvinistisch als "Balkon Europas" titulierte St.Pietersberg ist somit schon lange "europäisiert", ja vielleicht schon "globalisiert". Da kann es dann auch passieren, dass die ENCI in 1976 "d'n Observant" der Maastrichter Bevölkerung - sozusagen als Entschädigung für des Abgraben ihres "Hausbergs" - zum Geschenk machte, um in 2001 - als die Konzession flächenmässig nicht mehr erweitert wurde - einfach zu beschliessen diesen künstlichen Hügel doch wieder abzugraben. Dies da die ENCI jetzt auch den sogenannten "nassen Mergel" bis 35 m unter dem Grundwasserniveau für die Zementproduktion verwenden möchte und der unter dem "d'n Observant"-Hügel lagernde Kalkstein (in südlimburgischen Gefilden meistens Mergel genannt) gleichfalls benötigt würde - eine wahrhaft rücksichtslose, an der Feudalzeit erinnernde Geschäftspolitik. Und die Stadt Maastricht versteckt sich (wieder mal) hinter ihren zurecht protestierenden Bürgern: das Ganze schlägt hohe mediale Wellen, wobei hinzukommt, dass die ENCI sich als fossile Industrie im Maastrichter Stadtgebiet sowieso überlebt hat - Luftverschmutzung und Schadstoffausstoss durch einen solchen Zementmoloch in unmittelbarer Stadtnähe (der sogar einen Verbrennungsofen für Industrieabfallprodukte lakonisch betreibt...) sind einfach nicht mehr von dieser Zeit...!

Dabei ist weiter fest zu halten, dass die ENCI es fertiggebracht hat einen der wenigen "Berge" in den Niederlanden, bekannt um seine einmalige Flora und Fauna und in Millionen Jahren geformt, in weniger als hundert Jahren fast vollständig abzubauen. Das riesige in den "Berg" hineingegrabene Loch mit steilen Kalksteinfelsen und riesigen Abfallbergen - an eine vulkanisch Landschaft erinnernd - kann mit noch so gut gemeinten "Mergelsee"-Plänen nicht wieder zum Leben erweckt werden - obwohl die Idee an sich gut ist...!

Denn Leben hat es im etwa 800 x 4000 m grossen "Berg"-Gelände", das von der ENCI-Attacke betroffen war, bzw. ist, wahrlich genug gegeben: es wird geschätzt, dass von den ursprünglichen 230 km des unterirdischen Gängesystems (mit etwa 22'000 Gängen) nur noch 80 km übrig sind. Wer in die enorme ENCI-Grube hineingelangen darf, sieht überall an den felsigen Grubenwänden die Spuren dieser emsigen, jahrtausendealten Wühlarbeiten im St.Pietersberg-Massiv, die übrigens auch auf der belgischen Seite (bzw. grenzüberschreitend) stattgefunden haben. Denn schon immer haben die ortsansässigen Menschen versucht, das aus Mergel bestehende Innere des St.Pietersbergs zu "durchgraben" um in diesen "Grotten" (Grotten ist eigentlich nicht richtig, da es sich nicht um natürliche, sondern um von Menschenhand geschaffenen Gängen handelt) für Bauzwecke Mergelblöcke aus dem Berg zu gewinnen. Diese (unterirdische) Methode zum Mergelabbau gab es bereits zu römischen Zeiten - der Mergel aus dieser Region rundum Maastricht ist als Baustein ganz besonders geeignet, da sie aus fast reinem Kalkstein besteht und relativ weich ist: Der römische Reiseberichterstatter Plinius d. Ä. sagte einst dazu "es gäbe bei Mosae Traiectum einen Stein, der mit dem Messer zu schneiden sei". Entstanden ist dieses uralte Gestein, als Limburg und weite Gebiete rundherum überdeckt waren von einem riesigen tropischen Binnensee und die Skelettresten von unzähligen Meeresorganismen (Foraminiferen) sich über Millionen von Jahren auf einander stapelten. Deswegen kann man bei den vielen unterschiedlichen Schichtungen auch von Horizonten sprechen - die im St.Pietersberg anzutreffende gute Bauqualität gehört zur (horizontalen) "Formation von Maastricht" (Kalkstein von Nekum) aus der auch als "Maastrichtien" bezeichneten Endperiode (74-65 Millionen Jahre v. Chr.) im geologischen Zeitalter der Kreidezeit (250-65 Millionen Jahre v. Chr.). Verglichen mit dem wesentlich härteren Namurer Stein - dèr Baustein der Maasregion - verfügt der Maastrichter Mergelbaustein (bessere Qualität nur noch in Sibbe und Kanne) über eine grössere Wetterfestigkeit - als Folge chemischer Reaktionen mit kohlesäurehaltigem (Regen-)Wasser bildet sich nämlich eine harte und feste Kalzitverbindung, die aussen und innen die Materialfestigkeit stark erhöht. Je nach Schichtung ist der Mergel zudem durchsetzt mit grösseren und kleineren Fossilien von im Wasser lebenden Tieren wie Muscheln, Seeigeln, Meeresschildkröten aber auch von grösseren Reptilien nach Mosasaurus-Art. Im "Musée de la Montagne St.Pierre" am Place du Roi Albert im belgischen Lanaye (Ternaaien) gibt es eine interessante Ausstellung solcher Fossilien aus dem belgischen Teil des St.Pietersberg-Massivs - die niederländischen Funde lassen sich im Naturhistorischen Museum von Maastricht bewundern (siehe Ende diese Kapitels).

Wie bereits vermerkt, ist das Grottensystem im St.Pietersberg nur noch als (noch immer interessanter) Restbestand erhalten geblieben: die Faszination des erhaltengebliebenen Gängekomplexes kann heutzutage nachempfunden werden in den touristisch verwerteten "Grotten Noord"- und "Zonneberg"-Attraktionen im "Berg". Das älteste und am meisten imponierende Gängesystem von Slavante ist jedoch in weniger als vier Jahren, zwischen 1974 und 1978, dem riesigen ENCI-Tagebau-Moloch zum Opfer gefallen - davor hatte dieses Schicksal auch bereits die "Grotten Zuid" getroffen und derart sind in jenen (Wiederaufbau-) Nachkriegsjahren (grosser Zementverbrauch!) wahre Monumente der Zeitgeschichte, eng verbunden mit Maastricht und Lüttich (der St.Pietersberg war viele Jahrhunderte Lütticher Territorium) fast unbemerkt verschwunden.

Eng verbunden war das Gängesystem von Slavante vor allem mit dem dort am St.Pietersberg angesiedelten Kloster der Minderbrüder (Franziskaner-Orden) - der Ursprung dieses Klosters geht dabei auf die unruhigen Jahre des 15. Jahrhunderts zurück, als 1390 mit der Wahl des erst 17 Jahre alten Jan von Bayern zum Fürstbischof von Lüttich, eine Zeit der fortwährenden Unruhen und Verwüstungen in der Euregio Carolus Magnus eingeläutet wurde. Jan von Heinsberg, der ihm 1419 als Fürstbischof ("prinsbisschop") nachgefolgt war, musste schliesslich die Hilfe des Herzogs Philipps von Burgund einholen um die immer wieder aufflackernden Konflikte Herr zu werden. Als Jan von Heinsberg in 1455, nach immerhin 36 Jahren Regierungszeit, mehr oder weniger freiwillig zum Rücktritt gezwungen wurde, sah Philipp von Burgund die Gelegenheit - im Rahmen der burgundischen Staatsbildung - seinen jungen Neffen Ludwig von Bourbon auf den Lütticher Bischofssessel zu bringen. Jan von Heinsberg suchte, nachdem er ins Exil gehen musste, sein Heil in einer Eremitage auf dem St.Pietersberg (der ja zu Lüttich gehörte) und aus dieser Klause erwuchs das Kloster Slavante - im Schutze der Burg Lichtenberg, dessen "donjon"-Turm noch immer auf einem von der ENCI ausgesparten Mergelblock von weitem sichtbar ist.

Hierzu wurde im gleichen Jahr 1455 die Eremitage übernommen vom Orden der Observanten, einer Richtung innerhalb der Minderbrüder, die die absolute Nachfolge der Regeln des Heiligen Franziskus einforderten (observer = befolgen, einhalten), und kurz darauf bekamen diese von Papst Calixtus III die kirchliche Erlaubnis zur Klostergründung mit Kirche. Inzwischen hatte Ludwig von Bourbon eine ähnliche Schreckensherrschaft wie Jan von Bayern aufgebaut und musste der Fürstbischof bereits 1457 nach Slavante flüchten - dies wiederholte sich in 1465 und 1478 (Kloster Slavante darauf verwüstet) und in 1482 belagerten die erbosten Lütticher sogar die Stadt Maastricht. Fürstbischof Ludwig von Bourbon gelang es die Macht in Lüttich dennoch zurückzuerobern, wurde jedoch schliesslich in einer Schlacht gegen die Aufständischen unter Wilhelm van der Marck getötet, der als berüchtigtes "Wildschwein der Ardennen" anschliessend auf dem Vrijthof geköpft wurde. Zwischendurch, in 1468, hatte dann der burgundische Herzog Karl der Kühne mit der völligen Vernichtung von Lüttich nochmals schreckliche Rache genommen für die Ungehorsamkeit der Lütticher gegenüber der fürstbischöflichen Autorität (siehe Kapitel "Spätes Mittelalter - gotische Periode")

Als Jan van Horne (siehe hierzu auch Kapitel "Limburg") Ludwig von Bourbon als "prinsbisschop van Luik" Mitte der achtziger Jahre auffolgte, wusste dieser die streitenden Parteien allmählich wieder zu versöhnen und wurde von ihm zudem ab 1489 das Kloster Slavante weiter ausgebaut - hierzu wurde eine durchgehende Mauer aus gelbweissen Mergelblöcken rundum das Kloster, die Kirche und die terrassenartig gegen den Maashang gebauten Gärten hochgezogen. Die Wohnräume der Mönche haben sich zu Anfang wahrscheinlich im St.Pietersberg selbst befunden und zwar in einem bereits bestehenden Gängesystem, dass gleichzeitig die Mergelblöcke für Kloster und Kirche lieferte. Es wird sogar angenommen, dass in Slavante auch die Mergelblöcke gewonnen wurden, die ab 1468 benötigt wurden für den Wiederaufbau Lüttichs - auch hier hätte sich dann der Status beider Gemeinwesen als Schwesterstädte bewahrheitet.

Jan van Horne starb 1505 während eines Besuches in Maastricht und wurde anschliessend dort begraben - er galt als Spiritus rector des Klosterkomplexes Slavante, da nichtzuletzt alle Ausbaukosten von ihm persönlich getragen wurden - auf Slavante hatte "prinsbischop" Jan van Horne dann auch ein eigenes Bischofszimmer und eine Armenzelle. Am Haupteingang war das Wappen der Hornes angebracht, während in seiner Grabinschrift die Rede ist von "Monte Luce" - dies wohl, das das Kloster Slavante auch bekannt war unter dem Namen "Lichtenberg" (wie die danebenliegende Burg) sowie "Kloster des Göttlichen Lichts" oder auch "Kloster der Göttlichen Gnade". Die Klosterbrüder von Slavante betreuten die umliegenden Dörfer und predigten in Maastricht u.a. in der "Sint Jans"-Kirche am Vrijthof - in Wijlre, Gulpen, Hasselt und Bilzen (also auf beiden Seiten der Maas) besassen sie Dependancen.

Fest steht, dass die Mönche zu jenen Zeiten grossen Anteil gehabt haben am Anlegen des Slavanter Gängesystems, da dieses - im Gegensatz zu den übrigen Gängelabyrinthen im "Berg" - ausgesprochen regelmässige, rechtwinklige Strukturen beinhaltet mit einem hohen Rechteckprofil (heute noch im "Grotten Zuid"-Gängesystem sehr schön zu sehen). Die imponierenden bis 10 m hohen Gänge sind ein wunderbares Beispiel mittelalterlicher Bergbaukunst mit allernorts angebrachten Lütticher Perron-Symbolen sowie allerhand Beschwörungszeichen gegen den Teufel, bzw. die immer drohende Einsturzgefahr.

Als 1578 holländische Truppen - als Folge der "Pacificatie van Gent" - die Stadt Maastricht besetzten, wurde unter der Führung Wilhelms von Horne(!) die Mönche aus Slavante vertrieben und Kirche und Kloster samt Einrichtung verwüstet - sogar das Grab von Jan van Horne wurde geschändet, alle Kostbarkeiten, Archiven und Schriftstücke gingen verloren und die Mönche mussten in anderen Klöstern Zuflucht suchen. Als 1579 Alexander Farnese, Herzog von Parma, die Stadt nach einem wahren Blutbad an der Bevölkerung wieder in seinen Besitz brachte, besuchte er auch das plattgebrannte Kloster und das Slavanter Gängesystem - es sollte jedoch noch viele Jahrzehnte dauern bis die Pläne zum Wiederaufbau des Klosters Slavante realisiert werden konnten. In 1630 wurde die Kapelle wiederaufgebaut, während auch die stofflichen Reste des Fürstbischofs Jan van Horne, die nach Maastricht gebracht worden waren, wieder nach Lichtenberg zurückkamen. Als jedoch 1632 die niederländischen Truppen unter dem "stedendwinger" Friedrich Wilhelm von Oranien-Nassau die Stadt erneut einnahmen, wurde Slavante wiederum verwüstet: Die Minderbrüder kehrten darauf zurück in das Ordenskloster zu Maastricht, das von der niederländischen Stadtverwaltung nicht geschlossen worden war. Dieses tolerante Zusammenleben von Protestantismus und Katholizismus in Maastricht wurde jedoch erheblich gestört, als die Klösterlinge beschuldigt wurden mitgearbeitet zu haben an einem Komplott um die Stadt Maastricht wieder in die Hände der Spanier zu spielen - Pater Vinck und einige andere wurde zum Tode auf dem Schafott verurteilt und die Minderbrüder zu einem Eid der bedingungslosen Treue auf die niederländischen Generalstaaten verpflichtet: Als sie diese nicht abzulegen wünschten, wurden sie aus der Stadt verbannt und mussten sie am 25. Juni 1639 in einer langen Prozession nach Slavante zurückkehren. Dort bauten die "Recollecten", eine noch strengere Richtung der Minderbrüder, das Kloster wieder auf (kein Zutritt für Frauen!), während 1673 - als die Franzosen Maastricht erobert hatten - auch die alte Dependance in Maastricht wiedereröffnet wurde.

Bis zur Französischen Revolution (d.h. bis 1795 als Maastricht und Slavante zu Frankreich kamen) erlebte das Kloster eine Blüteperiode, doch als 1796 dann das französische Gesetz zur Beschlagnahme kirchlicher Güter auch automatisch hier zur Anwendung kam, wurden erneut alle klösterlichen Besitzungen konfisziert - allerdings jetzt nicht, wie damals, zerstört sondern verkauft... Einige Bücher aus der Slavante-Bibliothek sind bewahrt geblieben, während der Rest der klösterlichen Besitzungen in alle Richtungen zerstreut wurden - ein ähnliches Schicksal wie bei der Abtei von Stavelot-Malmédy (siehe Kapitel "Ardennes"). Der Name Slavante wird jedoch für immer verbunden bleiben mit dem uralten, ursprünglichen Gängekomplex im St.Pietersberg und es ist wahrhaft zu hoffen, dass die ENCI mit ihren weiteren, rücksichtslosen Mergelgewinnungsplänen - und damit die Zerstörung uralter Bergbaukunst - Schiffbruch erleiden wird - die Zeiten der ENCI sollten in Maastricht wirklich gezählt sein...!

Die Mergelgrotten Maastrichts sind jedoch auch noch anderweitig in die Geschichtsbücher eingegangen und zwar mit dem Raub des grössten je im Mergel gefundenen Mosasaurus-Fossils (Fundzeit nicht genau bekannt, wahrscheinlich 1780) durch die Franzosen, das nach der französischen Annexion Maastrichts in das kurz zuvor gegründete Pariser "Museum National d'Histoire Naturelle" überführt wurde. Bis heute weigert sich Frankreich die Schädelpartie des nach dem Finder (dem Maastrichter Garnisonsarzt Hoffmann) benannten "Mosasaurus hoffmanni" zurückzugeben - eine Replik befindet sich im Maastrichter Naturhistorischen Museum.

Der bekannte französische Zoologe und Paläontologe Georges Baron de Cuvier stellte zum sensationellen Fossilfund 1808 eine ausführliche Beschreibung des "Mosasaurus hoffmanni" unter dem Titel "Sur le grand animal fossile des carrières de Maastricht" auf, dass in den Annalen des Pariser Naturkundemuseums verzeichnet ist - eine spätere Publikation Cuviers trug den Titel "Sur le grand Saurien fossile des carrières de Maastricht". Und obwohl der Fund dieses Mosasaurusschädels nicht der erste war, hat die Entdeckung des "Mosasaurus hoffmanni" in der Folge zu einem sehr hohen Bekanntheitsgrad geführt, ja zur Weltberühmtheit...Denn der Fund gab anschliessend Anstoss zu einer einschneidenden Änderung des bisher geläufigen Weltbildes, das später durch die Evolutionstheorie von Charles Darwin, 1859 verkündet in seinem "On the Origin of Species by Means of Natural Selection", völlig aus den Fugen geraten sollte. Denn hielt man die bisher gefundenen Fossile für Ueberbleibsel von bei der Sintflut umgekommenen Tieren (Schule der Diluvianer), so geriet man im Laufe der Jahre immer mehr zur Ueberzeugung, dass es sich um fossile Reste bereits lange vorher verstorbener Tiere handeln musste und nicht um die noch lebender wie Krokodile, Walfische usw. - die Erde müsste viel älter als die biblischen sechstausend Jahre sein...Schliesslich einigte man sich darauf, dass es sich beim "Mosasaurus hoffmanni"-Tier um ein mit den Eidechsen (Waranen) verwandtes Reptil der Saurier-Art handelte, von denen bis heute inzwischen die verschiedensten Sorten und Variationen gefunden worden sind.

Interessant dürfte sein, dass 1998 in der ENCI-Grube mehr oder weniger zufällig ein weiteres Mosasaurus-Skelett gefunden wurde - die ENCI stellte sogar die Grabarbeiten an der Stelle ein und gab dadurch einem Konservatorenteam vom Naturhistorischen Museum Maastricht sowie der Freien Universität Amsterdam Gelegenheit, die fossilen Reste vorsichtig freizulegen. Für den Transport des übergrossen, fast anderthalb Meter langen Schädels ins Museum wurde einen schweren stählernen Mantel um den freigelegten Mergelblock angebracht und der Raum zwischen Mantel und Block mit Beton vollgegossen. Mittels schwerer Kräne wurde das provisorischerweise "Bèr Janssen" getaufte Mosasaurus-Exemplar in einem fast sechs Tonnen schweren Block in den Innenhof des Naturhistorischen Museums verfrachtet und dort bis Mitte 2001 das Skelett minutiös freigelegt - um dann, in einem gläsernen Kubus ausgestellt, dem staunenden Publikum gezeigt zu werden. Fest steht inzwischen, dass es sich um ein 66.1(!) Millionen Jahren altes Exemplar handelt, das grösser und schwerer als andere bis jetzt bekannte Mosasaurier ist - vor allem der Unterkiefer hat eine abweichende Bauart. Die von den Paläontologen deswegen anfänglich geäusserte Vermutung, es könne sich um eine neue Mosasaurierart in Richtung "Prognathodon" handeln - von der auch anderswo schon Reste gefunden worden sind (u.a. in Mons (Bergen) - hat sich inzwischen bewahrheitet. Allerdings ist Bèr durch seinen Körperbau (die Länge wird auf etwa 14 m geschätzt) und sein damit einhergehendes enormes Gewicht doch noch wieder anders einzustufen als die bisher bekannten Prognathdon-Exemplare, sodass auch ein neuer Name notwendig wurde: Mosasaurus "Bèr Janssen" heisst nun offiziell "Prognathodon saturator". Es gibt inzwischen bereits ein Maastrichter Bier mit dem daran entlehnten Markennamen "Bèr Saturator", während der amerikanische Paläo-Maler Daniel W. Varner für das Naturhistorische Museum Maastricht ein Gemälde gemacht hat, in dem abgebildet wird, wie der Kadaver "Bèr Janssens" von den beiden Haiarten Squalicorax und Plicatoscyllium auseinandergerissen wird. Auf der Website www.nhmmaastricht.nl/mosasaurus ist diese (künstlerische) Darstellung zu einem Animationsfilmchen verarbeitet und werden weitere Informationen zu "Bèr Janssen" alias "Prognathodon saturator" gegeben. Schliesslich sei noch festzuhalten, dass fossile Mosasaurus-Teile selten so zusammenhängend vorgefunden wurden wie im vorliegenden Fall beim Maastrichter "Bèr"-Fund (meistens weit auseinanderliegend) - nur die Funde von 1780 gleichfalls in Maastricht und 1956 in Bemelen bei Maastricht waren von einer ähnlichen Seltenheit.