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L I È G E - D I E F E U R I G E S T A D T D E R
W A L L O N E N
Lüttich, auch "Tochter der Maas" genannt, ist eine nur schwer zu beschreibende Stadt - nicht nur wird sie
in den drei Euregiosprachen unterschiedlich tituliert (Liège, Lüttich, Luik, zurückgehend auf das heute verschwundene Flüsschen
Legia), sondern sie ist vor allem ein Gemeinwesen der Kontraste bzw. der Extreme: man weiss gar nicht wo anfangen. Denn Lüttich will in erster
Linie entdeckt werden und "mal eben" Lüttich kennenlernen gibt es nicht - dafür muss man sich schon Zeit nehmen und zwar sehr
viel...! Wer sich jedoch diese Mühe nimmt, ja, dem offenbart sich Lüttich als eine überaus faszinierende Stadt mit unendlich reichem
Erbgut und einer überaus wechselvollen Vergangenheit, die auf ihrer Art wohl einzigartig in Europa sein dürfte. Lüttich besuchen
heisst in der Folge verloren gehen in einem Labyrinth der Reminiszenzen an einer mehr als acht Jahrhunderte langen Epoche des Fürstbistums
Lüttich und gleichzeitig konfrontiert zu werden mit der harten, alltäglichen und kompromisslosen Realität eines sich auflösenden
Industriereviers. Denn die Lütticher Agglomeration (mehr als eine halbe Million Einwohner heute) war einst, lange bevor das Ruhrgebiet diese
Funktion übernehmen sollte, die brodelnde Wiege der kontinentalen Industrialisierung - nur in England kam die Industrielle Revolution wesentlich
früher in Gang, bzw. schwappte von dort anschliessend auf das Festland über.
Lüttich (zu Fuss!) durchkreuzen, heisst zudem sich Rechenschaft darüber geben, wie diese rührige kontrastreiche
Vergangenheit sich auswirkt auf das Alltagsleben dieser Metropole von heute, d.h. wie sich das unruhige, "spöttische" und knallharte
Lüttich der "Jetztzeit" sich übergangslos mischt mit den allernorts unvermutet sichtbaren Ueberreste jener fürstbischöflichen
und industriellen Glanzzeiten der Vergangenheit. Nichtzuletzt passt hierzu, was der französische Historiker Jules Michelet (1798-1874) einst
(frei übersetzt) von Lüttich sagte: "Lüttich ist eine Stadt, die sich unentwegt auflöst und wieder neu entsteht, ohne
zu ermüden" - wie wahr ...! Bezeichnenderweise erschien 2002 in Maastricht ein sehr schönes Buchwerk über die Stadt Lüttich
mit dem Titel "Bloed zweet en treinen", in welchem fünfzehn Autoren über ihre diesbezüglichen Eindrücke Lüttichs
("De menselijke gedaante van de stad Luik" als Untertitel) im ähnlichen Sinne berichten: "De grandeur, het verval, de afbraak,
de grote (staal) industrie, de taal en de "verrijzenis" van de stad met de nieuwbouw van o.a. Place Saint-Lambert en het toekomstig
TGV station Liège-Guillemins. Al lezend en foto's kijkend beseft men, dat de steden Luik en Maastricht meer gemeen hebben dan menigeen
zou denken" hiess es in einem Artikel dazu - und wiederum sehr treffend beobachtet...!
Ja, Lüttich war in den achtziger Jahren fast bankrott und ja, man sieht es der Stadt an, dass sie immer noch zu knabbern
hat - aber sie kämpft - wie früher auch - und siehe da: Lüttich ist sichtbar auf dem Wege der Besserung. Ueberall werden kühne
Projekte aus dem Boden gestampft und die Stadt kann ihre grossartigen Visionen eines wichtigen europäischen Gemeinwesens immer gezielter
verwirklichen. Hierzu gehört nichtzuletzt eine reibungslose Anbindung an das (europäische) Verkehrsnetz, wie sich diese u.a. manifestiert
mit der kürzlichen Eröffnung der beiden Autobahntunnel von Cointe ("Liaison E 40-E 25 à Liège), dem Neubau des TGV-Bahnhofs
Guillemins sowie dem Kahlschlag quer durch die Stadt (im Stadtteil Grivegnée vor allem) für die TGV-Betonstrecke Brüssel-Lüttich-Köln,
den Autoschnellstrassen entlang den Ufern von Maas, "Dérivation"-Kanal und Ourthe oder auch dem unentwegten Ausbau des (vorerst
noch) Fracht-Grossflughafens Bierset. Und nicht zu vergessen die Modernisierung des Lütticher Hafens, der mit einer (Kai-)Gesamtlänge
von mehr als achtundzwanzig Kilometer entlang der Maas immerhin - nach Duisburg - der zweitgrösste europäische Binnenhafen ist - eng
damit verknüpft ist hiermit auch der Ausbau des Albertkanals für die Schubschiffahrt bis 9000 to. Dieser für Lüttich immens
wichtige Kanal wurde am 30. Juli 1939 offiziell für die Schiffahrt eröffnet und mit einer am Eingang des Kanals im Hafengebiet von Moncin
aufgestellten, riesigen Statue (mehr als acht Meter hoch) des in Belgien hochverehrten Königs Albert I (1875-1934, stürzte 1934 tödlich
ab an einem Maasfelssen bei Marche-les-Dames) eindrucksvoll markiert. Dieser steinerne Riese weist übrigens in ihrer wahrhaftigen Monumentalität
eine verblüffende Affinität auf zu den überaus vielen Ardennen- und Stadtriesen der Wallonie - denn die Belgier - und hier ganz
besonders die Wallonen - lieben das "grosse Theater"...! Dies dürfte auch zutreffen für die etwas weiter flussabwärts
gebaute gigantische "Pont de Wandre", wo gleichfalls einen weiteren Beweis der bereits angesprochenen belgischen Ingenieurskunst geliefert
worden ist - die abends angestrahlte Hängebrücke hängt an einem einzigen 70 m hohen Y-Pylon und hat - da sie Maas und Albertkanal
zusammen überspannt - eine Länge von nicht weniger als 524 m.
Ja, in Lüttich ist was los und das merkt man vor allem, wenn man sich der Stadt aus Richtung Maastricht auf der "Autoroute
du Soleil" (E 25) nähert: Nach der Grenzpassage, wo das typische gelbrote (wallonische) Willkomensschild "Wallonie: terre d'accueil"
(mit dem gallischen Hahn) bereits Neugierde weckt (weil dort eigentlich durch einen schmalen Streifen "Voerstreek" zuerst Region Flandern
ist), tauchen ab Visé, direkt neben der gestauten Maas, bereits die ersten einstigen und gegenwärtigen Zeignisse Lüttichs als
Industriestadt auf. Am Horizont wird die typische Silhouette der Hügelkette rundum Lüttich allmählich sichtbar: es sollen, wie
in Rom, sieben Hügel sein, aber hinzugekommen sind die diversen (künstlichen) Steinberge ("terrils") des ehemaligen Kohlenreviers
auf der "rive gauche" bei Herstal (Chertal) - der riesige Steinberg bei Seraing, im Süden der Stadt, wurde dagegen bereits vor
längerer Zeit völlig abgetragen. Und der riesige Stahlwerkkomplex von "Cockerill-Sambre Site de Chertal" (inzwischen vom spanischen
Stahlmulti Arcelor übernommen) zeigt mit seiner hoch aufsteigenden Rauch- und Dampffahne über den riesigen Fabrikkasten an, dass hier
die (industrielle) Vergangenheit Lüttichs (noch) nicht vorbei ist.
Haftenbleiben tun in diesem Zusammenhang auf der "rive droite" auch die Ruinen der S.C.A.R.-Fabrik direkt an der
E 25-Autobahn sowie das riesige, verfallene Zechengebäude samt massivem Betonfahrstuhlschacht in Cheratte, gleichfalls direkt neben der "Autoroute
du Soleil". Auffälliger Blickfang auf dieser Seite der Maas sind hier auch das wie ein mittelalterliche Burg am Maashang gebaute Verwaltungsgebäude
(mit Zinnen!) der einstigen Zeche sowie etwas weiter der massive Kasten der Jupiler-Brauerei in Jupille, die übrigens - wie sein Kastenpendant
auf der anderen Maaseite - jetzt gleichfalls im Globalisierungprozess einbezogen worden ist (Interbrew-Multi als neuer Eigner). Der Versuch allerdings
an dieser Stelle die beiden Industriekathedralen von Herstal und Jupille sowie den Geburtsort Karls des Grossen hier irgendwo (die Maas verlief
im frühen Mittelalter anders) im gedanklichen Sinne zu koordinieren ist und bleibt immer wieder eine logistische Herausforderung par excellence
- aber es ist die Wahrheit: Hier (in der direkten Nähe Lüttichs) erblickte Karl der Grosse (Charlemagne, Carolus Magnus) einst am 2.
April 747 das Licht der Welt...!
Wer dann ins alte Zentrum Lüttichs ("Coeur Historique") hinein möchte, fährt am besten über
die "Pont de l'Atlas V"-Brücke auf das linke Maasufer (Achtung: entlang der Maas zwei unterschiedliche Schnellstrassen verbindungslos
nebeneinander) und versucht bereits hier einen Parkplatz auf der "rive gauche" zu finden - beispielsweise am "Quai de la Batte",
wo am Sonntagmorgen immer der berühmte "La Batte"-Flohmarkt (angeblich der längste Europas) abgehalten wird. Diese einzigartige
Manifestation eines Marktes, wo es wirklich alles mögliche zu kaufen gibt - von Trödelkram und Antikem über Früchten und Blumen
bis zu lebenden Tieren - wird in niederländischen Gefilden als "Luikse markt" tituliert bzw. beworben und ist seit einigen Jahrhunderten
als Synoniem par excellenc für die Eigenart Lüttichs bekannt. Denn da findet man auch wieder in konzentrierter Form das undefinierbare
"Etwas", das "je ne sais quoi"-Gefühl zurück, dass so typisch ist für die Atmosphäre in dieser Stadt:
laut, aufbrausend, unberechenbar aber immer herzlich und aufgeschlossen - wie die Wallonen in dieser ihrer "cité ardente" ("feurige
Stadt") nun mal sind. Diese uralte Bezeichnung Lüttichs geht übrigens zurück auf die schrecklichen Ereignisse in 1468, als
der burgundische Herzog Karl der Kühne Lüttich völlig zerstört und plattgebrannt hatte - die Stadt soll noch wochenlang gelodert
haben... Aber auch während der Glanzzeiten der Industriellen Revolution mit iheren vielen Feuern der Hoch- und Cokesöfen konnte eine
solche Assoziation durchaus aufgekommen sein: die "feurige Stadt der Wallonen" eben...!
Beim Ueberqueren der Maas wird weiter klar, dass Lüttich eine sozusagen vertikale Stadt ist, jedenfalls direkt links
und rechts der Maas und des "Dérivation"-Kanals, wo - nur durch Schnellstrassen vom Wasser getrennt - zahlreiche Hochhäuser
(manchmal bis 24 Stockwerke hoch) ein überaus "städtisches" Bild vermitteln - ganz anders als im behäbigen Maastricht
mit seiner flachen baulichen Struktur. In davorliegenden Zeiten strebte Lüttich zudem nicht nur mit der gewaltigen St.Lambertuskathedrale
in die Höhe, sondern auch mit zahllosen anderen Kirchbauten, die ihr im Mittelalter den Titel "Stadt der hundert Kirchtürme"
eintrugen - heute sind es eben die Hochhäuser ihren Wasserstrassen entlang, die Lüttich eine so unverwechselbare städtische Silhouette
vermitteln. Zwar macht die Stadt - so sagen viele ihrer "Kritiker" - einen nicht gerade harmonischen Eindruck (auch das Adjektiv "hässlich"
wird gerne mit Lüttich verbunden), aber das nimmt nicht weg, dass Lüttich dennoch ein sehr besonderes, apartes Ambiente ausstrahlt,
das schon sehr eigen ist. Nichtzuletzt wenn man von oben - beispielsweise von der hoch über der Stadt gelegenen Zitadelle, bzw. von den Anhöhen
des angrenzenden "Coteaux de la Citadelle" oder auch vom Interalliierten-Monument auf dem Cointe-Hügel - herabblickt, bietet sich
ein faszinierendes Panorama von Stadt und Maas: Besonders bei Nacht sollte man sich diesen einmalige Genuss der "Lichterstadt an der Maas"
gönnen. Nicht umsonst wird Lüttich auch als "Paris an der Maas" tituliert und der französische Schriftsteller Alexandre
Dumas (1802-1870) meinte gar (frei übersetzt): "Lüttich, ein Stückchen Frankreich verloren in Belgien" - schön gesagt...!
Gleichzeitig haben wir mit den vorstehenden Ausführungen einen weiteren Beitrag geliefert zu unseren ersten Behauptung,
Lüttich sei eine "Stadt der Kontraste", denn im alten Stadtzentrum ("Coeur Historique"), wo der "Place Saint-Lambert"-Platz
den historischen und vorallem traditionellen Kern der Stadt darstellt, herrscht eine wesentlich flachere Bausubstanz vor. Hier stand einst das
riesige Bauwerk der St.Lambertuskathedrale ("la Cathédrale Saint-Lambert"), die - ähnlich gross wie die Pariser Notre Dame
- in 1792 von den Lüttichern selbst (also nicht von den französischen Revolutionstruppen!) in Schutt und Asche gelegt worden war - sozusagen
als symbolische Enthauptung des entkommenen Fürstbischofs.
Die riesige Freifläche, die fast zweihundert Jahre lang als "historische Narbe" im (alten) Zentrum Lüttichs
zurückgeblieben war, wurde niemals überbaut aber in den letzten Jahren räumlich "renoviert" und verkehrstechnisch "geordnet"
- wahrlich keine architektonische Glanzleistung, denn irgendwie fehlt dem Platz eine eigene Austrahlung, das gewisse "etwas", das beispielsweise
den Maastrichter "Vrijthof"-Platz so unverwechselbar atmosphärisch macht. Wir finden hier die gleiche Problematik vor wie beim
Berliner Schlossplatz mit seiner riesigen Freifläche (DDR-Zerstörung des Berliner Stadtschlosses) und - ähnlich wie in der Stadt
an der Spree - fand 2000 in der Stadt an der Maas ein entsprechendes "Nachbau"-Projekt statt. Hier wurde auf dem "Place Saint-Lambert"-Platz
unter dem Motto "Le Choeur de Liège au Coeur de Liège" (der Chor Lüttichs im Herzen Lüttichs) die einstige Kathedrale
teilweise rekonstruiert und zwar mit einer Stahlgerüstkonstruktion samt weisser Kunststoffverkleidung à la Christo - bei der abendlichen
Anstrahlung ein wahrhaft märchenhafter Anblick...! Wer sich allerdings für die ganze Kathedrale interessiert, kann sich einen Eindruck
verschaffen im "Museum für Religiöse und Maasländisch Kunst" unweit des "Place Saint-Lambert"-Platzes: dort
findet sich ein detailliertes Modell der "Cathédrale Saint-Lambert" sowie eine reichhaltige Dokumentation über den Lütticher
Stadtheiligen St.Lambertus. Interessant dürfte sein, dass auf einem Gemälde der Gebrüder van Eyck aus dem Jahre 1418 die St.Lambertuskathedrale
eine überaus dominierende Position im abgebildeten Stadtpanorama einnimmt - man erkennt weiter deutlich die malerische Lage der (Alt-)Stadt
mit der majestätischen "Pont des Arches"-Brücke über die breite Maas sowie die unglaubliche Anzahl von Kirchen ("Stadt
der hundert Kirchen"). Im Berliner Kunstmuseum hängt das "Van Eyck"-Bild "Madonna in der Kirche", wo ganz offensichtlich
das Interieur der St.Lambertuskathedrale abgebildet ist - und wer nun wirklich noch mehr wissen möchte über diese einstige Kirche von
europäischem Format, kann dies im Artikel Pierre Lavedans "Les Van Eyck, peintres de Liège et de sa cathédrale" (Liège
1956), publiziert in der Zeitschrift "La Vie Urbane" (Université de Paris 1957), nachlesen. Denn es darf zweifellos festgestellt
werden, dass die Kathedrale für die Stadt Lüttich zumindest genauso bedeutsam gewesen ist wie die St.Servatiusbasilika für Maastricht,
bzw. der Aachener Dom für Aachen - im Städtedreieck Maastricht-Aachen-Lüttich finden wir somit auch über die Grösse und
die Bedeutung der kirchlichen Bauten eine grosse Affinität der drei Gemeinwesen.
Ein anderes riesiges, jedoch wesentlich flächeres Bauwerk, das der "Place Saint-Lambert"-Platz bis heute den
historischen Bezug gegeben hat, ist der einstige, mächtige Palast der Fürstbischöfe, in dem heute die Justizbehörde (u.a.
durch den Untersuchungsrichter zuständig für den "Fall Dutroux!) und die Provinzregierung residieren. Das im 16. Jahrhundert neu-
bzw. wiederaufgebaute und später vergrösserte Gebäude ist eines der meist typischen baulichen Monumente Europas nördlich der
Alpen und erinnert in seiner Massivität, mitten im Zentrum, höchst eindrucksvoll an die einstige, enge Verzahnung von Staat und Religion
in dieser Stadt bzw. im Fürstbistum. Der uns bereits bekannte französische Exil-Schriftsteller Victor Hugo (1802-1885) sagte bei einem
damaligen Besuch des Palastes: "Nirgendwo habe ich ein architektonisch befremdlicheres, verdriesslicheres (!) und prachtvolleres Ganzes gesehen"
- und zielte dabei sicherlich nicht nur auf die hier vorhandene Mischung diverser Baustile wie Gotik und Renaissance, sondern auch auf die Abgeschiedenheit
und Stille der beiden völlig in sich gekehrten Innenhöfe, die wie eine (digitale) Acht aneinander gebaut sind. Der erste, grössere
Innenhof weist diesbezüglich mit seinen Galerien nach italienischer Art insgesamt sechzig Säulen mit unterschiedlichen Motiven auf,
während der zweite, kleinere und dadurch intimer wirkende Palasthof gerne von den jeweiligen Fürstbischöfen zu klösterlichen
Meditation genutzt wurde - beide Innenhöfe sind heute nur begrenzt zugänglich.
Im angrenzenden "Quartier du Nord" finden wir sodann eine kilometerlange Parallelstrasse zur Maas, die in Coronmeuse
beginnt und beim fürstbischöflichen Palast endet - sie ist unterteilt in der "Rue Saint-Léonard" und der berühmten
"Féronstrée"-Strasse und erweitert sich vor dem Palast zum Marktplatz, wo mit dem "Perron" (Freitreppe) und
dem Rathaus "La Violette" (das Veilchen) die beiden Symbole der städtischen bzw. bürgerlichen Freiheiten angesiedelt sind.
Beide Objekte sind unauflöslich verbunden mit dem unbändigen Freiheitswillen der Lütticher durch die Jahrhunderte hindurch, was
im rot-goldenen Stadtwappen zusätzlich demonstriert wird durch die beiden Grossbuchstaben "L" un "G" links und rechts
des Perronsymbols: "L(IBERTAS) G(ENTIS)" oder (frei übersetzt) "Volkes Freiheit".
Die Féronstrée war ein echter (mittelalterlicher) Verkehrsader zum Zentrum Lütichs, der von vielen, teils
noch erhalten gebliebenen Bauten umsäumt wurde und seinen Namen den vielen Feuerstellen der Schmieden entlang der Strasse entlehnte. Heutzutage
jedoch machen die "Rue Saint-Léonard" aber auch die Féronstrée einen sehr widersprüchlichen Eindruck, wozu
nichtzuletzt das äusserst kontrastreiche, typische Fassadenbild von alt und neu nebeneinander (meistens ohne jegliche Abstimmung aufeinander!)
und die oft heruntergekommene (historische) Bausubstanz das ihrige beitragen. Dieser Sachverhalt dürfte jedoch gleichzeitig einen Beitrag
liefern zum bereits erwähnten Lüttich-Bild als "Stadt der Kontraste" - diesmal somit das mehr scheinbare als wirkliche Chaos
von alt und neu, speziell im als "Coeur Historique" bzw. "Quartier du Nord" bezeichneten (alten) Stadtzentrum. Wer allerdings
Gefühl hat für eine solcherart durcheinander gewirbelte "städtische Struktur im Umbau", findet in Lüttich ein wahres
Dorado an baulichen Schätzen, die nichtzuletzt in den angrenzenden Seitengässchen mehr oder weniger vor sich hindämmern - bis sie
irgendwann entweder renoviert oder gnadenlos abgerissen werden...!
Die Stadt wird dadurch - wie bereits zu Anfang dieses Kapitels gesagt - zu einer einzigen Entdeckungsreise, auch für
die Lütticher selbst, von der ein (gelungener) Tourismus-Slogan einst verkündete, dass auch diese immer "Touristen in der eigenen
Stadt blieben" - wie wahr...! Man muss sich jedoch die Zeit nehmen alle jene Schätze eines einzigartigen geschichtlichen und baulichen
Erbguts erst mal zu finden und anschliessend auf sich einwirken zu lassen: die Stadt Lüttich ist es jedenfalls wert auf einer solchen Trasse
der Neugierde allmählich erkundet zu werden und damit anzufangen geht am besten im (alten) Zentrum. Schade ist nur, dass das Gebiet - wie
auch auf der anderen Maasseite im "Longdoz"-Viertel - zum Tummelplatz gesellschaftlicher Randgruppen geworden ist und das touristische
Ambiente dadurch nicht gerade gefördert wird - obwohl ein wenig "Bronx" ja auch zur Attraktivität einer Stadt beitragen kann
(in Lüttich jedoch leider etwas zuviel des Guten!).
Wir finden in diesem "Coeur Historique"- bzw. "Quartier du Nord"-Viertel überaus viele hochinteressante
Museen (von denen Lüttich mehr als zwanzig besitzt) aber nichtzuletzt auch Kirchen, von denen insbesondere die "collégiale Saint-Barthélemy"
am nördlichen Ende der Féronstrée über eine echte Rarität verfügt - hier steht das weltberühmte Messingtaufbecken
von Renier de Huy ("les fonts baptismaux de l'ancienne collégiale romane Saint-Barthélemy" - man achte auf die Mehrzahl...).
Dieses Taufbecken, das bis heute noch immer zum Taufen gebraucht wird, stand ursprünglich in der zur St.Lambertuskathedrale gehörenden,
kleinen Pfarrkirche "Notre-Dame-aux-Fonts" und bei den Ereignissen der Französischen bzw. Lütticher Revolution wurde nicht
nur die Kathedrale, sondern auch diese "Taufkapelle der Stadt" verwüstet - das Taufbecken jedoch konnte (teilweise) vor der Zerstörung
gerettet werden, wobei allerdings der Deckel und zwei der Ochsenfiguren der Sockelkonstruktion verloren gingen. Nach dem 1801 mit Konsul Napoleon
abgeschlossenen Konkordat über die Wiedereinsetzung der katholischen Kirche in den gesellschaftlichen Bereich, gelangte das in einer Privatwohnung
versteckte Taufbecken dann 1804 in die jetzt als Pfarrkirche bestimmte Bartholmäusstiftskirche.
Ueber die Herkunft des Beckens sind durch die Anwendung moderner materialtechnischer Untersuchungsmethoden inzwischen erhebliche
Zweifel entstanden - denn die in 1993 ausgeführten Laborforschungsarbeiten haben bewiesen, dass das in der Metallmischung enthaltene Blei
aus dem spanischen Mittelmeerraum stammt, während andere eindeutig maasländische Messingarbeiten immer nur Blei aus der Umgebung enthalten.
Während die (bisherige) Theorie besagt, dass es sich beim Lütticher Taufbecken um ein maasländisches Meisterwerk vom Goldschmied
Renier de Huy (auch der Kupferschläger Lambert Patras wird manchmal genannt) handelt, das unter Umständen im Maasland mit Hilfe oder
unter Einfluss byzantinischer Künstler in der Periode 1107-1118 gegossen wurde (die kulturelle Ausstrahlung Konstantinopels im Heiligen Römischen
Reich Deutscher Nation war zu jenen Zeiten enorm), sieht eine (neue) Theorie dies jetzt anders. Diese geht davon aus, dass das Taufbecken Ende
des 10. Jahrhunderts im Auftrage des Kaisers Otto III von byzantinischen Künstlern gegossen wurde und zu Anfang des 12. Jahrhunderts von
Lütticher Soldaten geraubt und in die Taufkirche "Notre-Dame-aux-Fonts" gebracht worden ist. Von diversen Kunstwissenschaftlern
der Universität Lüttich (u.a. Pierre Colman, Berthe Lhoist-Colman und Joseph Philippe) sind übrigens diverse Publikationen über
dieses Meisterwerk maasländischer Kunst (eines der sieben Wunder Belgiens) erschienen, die auch u.a. in den "Aachener Kunstblätter"
(v. 52, 1984, p.151-186 und v. 53, 1985, p.77-104) nachzulesen sind.
Auf dem Platz direkt vor der Kirche finden wir, im schrillen Gegensatz zum mittelalterlichen Kleinod innendrin, das aus gewalztem
Stahl gefertigte Kunstwerk "Les Principautaires" (1992) von der renommierten Lütticher Künstlerin Mady Andrien: Auf einer
abschüssigen Fläche aus Stahlplatten sind auf der oberen Seite zwölf aus dem gleichen Material geschnittenen, majestätischen
Bischofsfiguren mit Mitra und Krummstab aufgestellt , während auf der unteren Seite etwa zwanzig (kleinere) Figuren (mit Hund) in tanzenden
Positionen das Volk Lüttichs darstellen. In der dargestellten Formation soll das Herrschaftsverhältnis der Fürstbischöfe zu
ihrem Volk versinnbildlicht werden oder wie es auf der daneben aufgestellten Tafel heisst: "Les Principautaires, met en scène de notables
ecclésiastiques contemplant hiératique la liesse exprimé par la farandole des gens du peuple usw."). Aufgestellt wurde
das rostige Kunstwerk durch die "Groupe Cockerill Sambre", die damit 1992 den 175-sten Jahrestags des Kommens von John Cockerill in
die Stadt Lüttich dokumentieren wollte - zudem sollten damit die Lütticher Eisen- und Stahlwerker geehrt werden. Die Frage sei jedoch
erlaubt ob die Stadt Lüttich nicht einen anderen, besser geeigneten Platz hätte anbieten können, bzw. die Cockerill-Gruppe nicht
besser ein nicht-rostendes Stahlkunstwerk hätte bestellen können - so wird man unangenehm berührt vom heruntergekommenen, verrosteten
Anblick des (originellen) Kunstwerks (und wird man sofort erinnert an das gleichfalls unzulänglich gefertigte bzw. aufgestellte Euro-Monument
Maura Biavas in Maastricht...).
An der "Rue Hors-Château", einer Parallelstrasse zur Féronstrée unmittelbar am Fusse des Zitadelle-Hügels,
finden wir sodann die berühmte Treppenstrasse "Montagne de Bueren" (373 Stufen), auf der die - wie bereits an anderer Stelle vermerkt
- 1468 die Kohorte von sechshundert Franchimontern ihren aussichtslosen Kampf gegen die Uebermacht der Truppen Karls des Kühnen geliefert
hatte. Oben auf dem Berg befinden sich heute ein riesiger Krankenhauskomplex sowie ein eindrucksvolles Kriegsmonument, das mit seiner gigantischen
Engelsfigur sowohl an die Gefallenen beider Weltkriege als auch an die zahlreichen im Zitadellegraben erschossenen Widerstandskämpfer ("Enclos
des Fusillés") erinnert - von hieraus kann man zudem - wie bereits zu Anfang gesagt - einen wirklich atemberaubenden Blick über
die Stadt werfen, sowohl am Tage als in der Nacht...!
Eine andere Besonderheit an der "Rue Hors-Château" ist schliesslich noch die alte Redemptoristenkirche ("ancienne
église Saint-Gérard"), die mit ihrer üppigen roten Barockfassade immerhin eine äusserlich Reminiszenz an die bayerische
Vergangenheit Lüttichs aufweist: Im Wappenschildrelief über das Eingangstor (heute ist das (christliche)Gebäude ein Buddhistentempel!)
finden wir das blauweisse, bayerische Rautenmotiv angebracht. An die Tatsache, dass viele der Lütticher Fürstbischöfe aus Bayern
kamen, hat lange in Outremeuse, auf der anderen Maaseite, das Bayern-Krankenhaus erinnert, das inzwischen abgerissen worden ist (nur noch eine
Kapelle erhalten geblieben) - ansonsten gibt es nur noch wenige Erinnerungen an die bayerischen Wurzeln Lüttichs (wie beispielsweise der
als "Oktoberfest" bezeichnete grosse Herbstjahrmarkt im Stadtzentrum)
Auch die im Publémont hoch über die Stadt ragende, hellgraue "basilique Saint-Martin" (Martinsbasilika)
ist eine echte Lütticher Besonderheit: Es ist dies eine ehemalige, im 10. Jahrhundert gegründete Stiftskirche, die 1312 - anlässlich
der als "Mal Saint-Martin" in der Lütticher Chronik eingegangenen Schlacht zwischen Adel und Volk - von letzterem in Brand gesteckt
wurde. Beim allmählichen Wiederaufbau der Kirche entstanden Schiff und Chor in der gotischen Periode und der massive Turm zu Anfang des 15.
Jahrhunderts - im Innern gibt es zudem ausserordentlich vielfaltige religiöse Darstellungen und Monumente, für die man sich Zeit nehmen
sollte: sie sind es wirklich wert in Ruhe erkundet zu werden.Ebenso sind in der Martinsbasilika Reminiszenzen hinsichtlich des hier entstandenen
Fronleichnamsfestes aufzufinden, insbesondere über die daran zugrundeliegende Vision der Nonne Juliana von Lüttich im Jahre 1246 - anschliessend
wurde das Fronleichnamsfest (2. Donnerstag nach Pfingsten) als hoher katholischer Feiertag weltweit eingeführt, nichtzuletzt auch durch Zutun
des Papstes Urbanus IV, der in Lüttich Erzdiakon gewesen war.
Selbstverständlich ist es unmöglich im Rahmen dieses Lüttich-Kapitels auf sämtliche Kirchen der Stadt
Bezug zu nehmen - obwohl es sehr interessant wäre, da sie ein ungemein vielfältiges (kunst-)geschichtliches Bilderbuch der Vergangenheit
Lüttichs darstellen. So beispielsweise bei der imposanten "la Cathédrale Saint-Paul" im (neuen) Stadtzentrum, wo auf dem
Türsturz über dem Eingang die (übersetzte) Inschrift "Lüttich, Tochter der römischen Kirche" steht. Diese erinnert
daran, dass Lüttich mehr als achthundert Jahre Hauptstadt eines kirchlichen Fürtstentums war, was wiederum überaus tiefe Spuren
in Geschichte und Landschaft zurückgelassen hat: "Paradies der Priester" und - wie wir bereits wissen - "Stadt der hundert
Kirchtürme" waren nur einige Bezeichnungen für das "Athen des Nordens". Die St.Paulskathedrale selbst hat dabei eigentlich
die Funktion der St.Lambertuskathedrale übernommen und wurde 1801 ( nach dem Konkordat) von einer ehemaligen Stiftskirche zum Dom erhoben
- gegründet wurde die Kirche im 10. Jahrhundert, während in der gotischen Periode ein Neubau erfolgte, der Mitte des 19. Jahrhunderts
nochmals völlig restauriert worden ist. Sie beinhaltet viele Kunstschätze, u. a. Kirchenfenster aus dem 16. Jahrhundert, erlesenes Mobiliar
aus dem 19. Jahrhundert sowie eine barocke Christusfigur aus weissem Carrara-Marmor von Jean Del Cour - in der inzwischen völlig erneuerten
und vollständig in die Kirchenbauten integrierte Domschatzkammer ("Trésor de la Cathédrale de Liège") gibt
es auf drei Etagen einen wunderbaren Querschnitt durch die Geschichte und die Kunst des ehemaligen Fürstbistums Lüttich. Wir finden
hier u. a. Elfenbeinarbeiten aus dem 11. Jahrhundert, eine sehr schöne Reliquiarbüste des St.Lambertus (vom Aachener Goldschmiedemeister
Hans von Reutlingen) sowie - neben weiteren kostbaren Goldschmiedearbeiten - ein merkwürdiges Goldreliquiar, das einst geschenkt wurde vom
burgundischen Herzog Karl dem Kühnen - wohl aus den gleichen Schuldgefühlen wie dies hundert Jahre später auch Alexander von Farnese
mit dem goldenen Brustreliquiar von St.Servatius in Maastricht tun würde...
Auf dem "Place de la Cathédrale" hat man einen schönen Blick auf den Dom, allerdings wird man auch
hier - genauso wie in Aachen mit dem potthässlichen Bau der Stadtverwaltung auf dem Katschhof zwischen Dom und Rathaus - irritiert durch
einen geradezu auf die Kirche gesetzten Geschäftsbau mit vertikalen Fassadenrippen - von Harmonie und bauliche Abstimmung ist hier wenig
zu spüren. Versöhnt wird man dann allerdings wieder mit einem mit der Jungfrau Maria und dem Jesuskind geschmückten Brunnen von
Jean Del Cour aus dem Jahre 1695, der diesem Zentrumsplatz - zusammen mit dem riesigen, runden Blumenbeet vor der Kathedrale und den vielen Cafè-
und Bistrot-Terrassen - ein überaus attraktives "dolce far niente"-Ambiente verschafft.
Uebrigens ist das Viertel um die St.Paulskathedrale herum nicht nur das Shopping- und Amusementsviertel Lüttichs par
excellence, sondern verfügt über eine überaus interessante bauliche Geschichte - hier befand sich einst im Mittelalter eine von
der restlichen Stadt getrennte Insel zwischen einem (runden) Nebenarm der Maas und dem Hauptfluss selbst. Die im 19. Jahrhundert nach dem Zuschütten
des Nebenarms entstandenen, heutigen Boulevards ("Boulevard d'Avroy" und "Boulevard de la Sauvenière") folgen dem früheren
Laufe dieses Nebenflusses (in einem Bogen rundum die Insel) genau, während auch einige Strassennamen noch auf diese früher Insellage
hinweisen (wie beispielsweise "Vinâve d'Île" (Inselviertel) oder "Pont d'Île" (Inselbrücke)). Ebenso
erinnern etliche Strassennamen an religiöse Orden, da sich hier seit dem Mittelalter zahlreiche Klöster und Stifte angesiedelt hatten
und weisen die Fassaden der Häuser, in denen heute viele Geschäfte und Gastronomiebetriebe untergebracht sind, gleichfalls auf diese
alte (mittelalterliche) Vergangenheit hin. Diese ältere Bausubstanz braucht sich dabei durchaus nicht hinter den luxuriösen, jüngeren
Bauten der Nachbarschaft, die vom reichen Bürgertum des 19. Jahrhundert errichtet wurden, zu verstecken - allerding bestätigt Lüttich
auch hier wiederum seinen Ruf als "Stadt der Kontraste" (wie wir gesehen haben leider auch in der unmittelbaren Nachbarschaft der Kathedrale).
Nichtzuletzt auch, da in diesem "Le Carré"-Viertel etliche Kriminalromane des grossen Lütticher Schriftstellers Georges
Simenon und seines pfeifenrauchenden Kommissars Maigret spielen - es haftet diesem (geschäftigen) Zentrumsviertel somit auch noch eine (welt-)literarische
Komponente an. Nebenher sei noch erwähnt, dass sich hier mit der "Passage Lemonnier" die allererste Einkaufspassage Belgiens befindet
und die dortige Fussgängerzone einst über längere Zeit als die grösste Europas galt - immerhin...!
Wer Lüttich besucht, sollte jedoch auch Kenntnis nehmen von der allgegenwärtigen Industriestruktur vor allem im
Süden der Stadt - denn hier, in Seraing und Ougrée, trifft man die vielen anderen Industrie-Kathedralen des Stahlgiganten Cockerill-Sambre,
die das Bild Lüttichs besonders in dieser Ecke seit mehr als hundertfünfzig Jahren prägen. Hier befinden sich die Hochöfen,
die das Herzstück der wallonischen Stahlindustrie bilden und das Gussstahl liefern für das hochmoderne Breitbandwalzwerk in Herstal
(Chertal) im Norden der Stadt. Hierzu fährt etwa zwanzig Mal pro Tag der "acier-express" mit fünf "torpedo"-Waggons,
gefüllt mit insgesamt hundertzwanzig Tonnen glühendem Gussstahl von 1450° C Hitze, bereits seit vielen Jahrzehnten quer durch die
(dichtbevölkerte) Stadt und Proteste dagegen gibt es keine - denn Lüttich ist noch immer eine echte Stahlstadt und die Einwohner haben
sich gewöhnt an den "acier-express" mit seinen Thermoswaggons und dem siedendheissen Frachtgut. Hierzu sei erklärend gesagt,
dass sich in Herstal ein auch im europäischen Vergleich hochmoderner Walz- und Giesserei-Komplex befindet, wo im hochproduktiven Breitbandwalzwerk
das angelieferte Rohprodukt bei einer Temperatur von etwa 1000° C zurückgebracht wird auf eine Plattenstärke von 30 mm. Nach diesem
sogenannten "Warmwalzen" werden diese Stahlplatten dann zu 1.2 bis 15 mm starkem Stahlblech weitergewalzt für die Fertigung vieler
alltäglicher, industrieller "Gebrauchsartikel" (Autos, Haushaltmaschinen, Kühlschränke aber auch Leitplanken usw.) -
einen Arbeitsprozes, über den der an Endprodukten gewohnte Mensch sich heutzutage kaum noch Gedanken macht...
In 2002 hat der spanische Stahlgigant Arcelor, der als europäische Nr. 1 über Niederlassungen in Spanien, Deutschland,
Frankreich, Luxemburg und Belgien verfügt, die wallonische Stahlindustrie von Charleroi und Lüttich übernommen - und jetzt ist
Rationalisierung angesagt! Denn es wird immer noch zuviel Stahl in Europa produziert und nach dieser Vorgabe sollen demnächst auch Produktionsanlagen
von Cockerill-Sambre in der Wallonie endgültig dichtgemacht werden - und damit voraussichtlich auch wohl in der Agglomeration Lüttich.
Jedenfalls hat Arcelor, entstanden aus der Fusion der französischen Usinor (als Muttergesellschaft von Cockerill-Sambre), der luxemburgischen
Arbed und der spanischen Arcelia, schon mal mit einer massiven Personalbestandsreduzierung von zwanzig Prozent das Messer in die wallonische Stahlindustrie
gesetztz. Von den insgesamt 10'000 Arbeitnehmern in den Hochöfen und Stahlfabriken von Cockerill-Sambre müssen in der Folge mindestens
2'000 - teilweise über Frühpensionierungsregelungen mit staatlicher Unterstützung bereits ab 52 (!) Jahren - ihren Hut nehmen und
derart scheint sich das aus den achtziger Jahre bereits bekannte Stahldrama der Wallonie nochmals zu wiederholen - dies, obwohl seit Ende der
fünfziger Jahre - als die Wallonie ein Synoniem für Eisen und Stahl war - bereits die vielfältigsten, oft knallharten Rationalisierungs-,
Umstrukturierungs- als auch Stilllegungspläne realisiert worden sind.
Cockerill-Sambre - 1817 mit staatlicher und auch privater Finanzhilfe seitens König Wilhelm I von Oranien-Nassau vom
schottischen Unternehmersohn John Cockerill im ehemaligen prinzbischöflichen Sommerschloss zu Seraing gegründet - wurde im Laufe der
Zeit zum Begriff in der europäischen Eisen- und Stahlindustrie - das Unternehmen entwickelte sich zu einem der grössten Konzernen Europas
mit vielen Hochöfen, Cokesfabriken, Giessereien, Walzwerken und Stahlfabriken und mit einer überaus langen Tradition. Interessant in
diesem Zusammenhang dürfte der Umstand sein, dass in den fünfziger und sechziger Jahren - als die Montanindustrie boomte - auch viele
Fremdarbeiter geholt werden mussten, allen voran die Italiener, sodass damals mehr als vierzig Prozent der Bevölkerung Seraings Italienisch
sprach. Heute, zwei Generationen später, ist dies immer noch mehr als fünfundzwanzig Prozent und damit eine interessante soziologische
Brücke zu den italienischen Wurzeln der Lütticher (Staats-)Kirche geschlagen - wir erinneren an die Inschrift "Lüttich, Tochter
der römischen Kirche" über den Eingang der St.Paulskathedrale.
In den sechziger und siebziger Jahren wurde Cockerill-Sambre logischerweise auch zum Symbol des Verfalls der einst so starken
wallonischen Stahlindustrie - Massenentlassungen ind Stilllegungen waren an der Tagesordung. In den achtziger Jahren sollte sich im Maastal allerdings
ein kleines "Wirtschaftswunder" ereignen, als es dem französischen Krisenmanager Jean Gaudois gelang - im Rahmen eines (erneuten)
Umstrukturierungskonzept und durch die Spezialisierung auf hochwertiges Stahlblech (Stahlverkleidung) - mit nur noch 10'000 Mitarbeitern (von
einst 22'000!) wieder schwarze Zahlen zu schreiben - Cockerill-Sambre schien (vorerst) gerettet...! Doch weltweiter Ueberproduktion und zunehmende
Billigkonkurrenz aus Japan und Südkorea sollten schon bald wieder die Erfolge der wallonischen Stahlindustrie an der Maas zunichte machen
- Ende der achtziger Jahre kam Cockerill-Sambre gar - allerdings gegen Auflagen - in die Hände der französischen Usinor (die für
einen Kaufpreis von 0.65 Milliarden Euro u.a. "Hoogovens" (Niederlande) und ThyssenKruppStahl (Deutschland) ausgebootet hatte. Nachdem
die wallonische Regierung - die noch Ende des neunziger Jahre fünfundachtzig Prozent der Anteile an Cockerill-Sambre hielt - damit ihre staatlichen
Interessen nahezu völlig abgebaut hatte, ist das Sanieren für den neuen Eigentümer Arcelor heute nochmals wesentlich vereinfacht
worden: "shareholder value"-Interessen und machtlose Gewerkschaften werden wohl bald das Aus für den "acier-express"
einläuten... Genauso wie dies bereits vor Jahren geschehen ist mit dem Steinkohlebergbau in der Agglomeration Lüttich - von dieser einstigen
"schwarzen Vergangenheit" zeugen nur noch wenige "terrils" sowie im Raume Seraing-Ougrée ständige Versackungen
des Bodens, was dazu geführt hat, dass die dortigen Maasdeiche fortwährend erhöht werden müssen. Man findet somit nahezu keine
Erinnerungen mehr an diesen einst für die Agglomeration Lüttich äusserst wichtigen Wirtschaftszweig und man muss heute bis nach
Blegny-Mine, nordöstlich von Lüttich im Land von Herve gelegen, fahren um "fündig" zu werden: Hier ist eine voll funktionsfähige
Steinkohlengrube erhalten geblieben, in der allerdings nur noch touristische Führungen stattfinden. Alle Besucher fahren mit Arbeitsanzug
und Helm im Original-"Käfig" bis tief ins Erdinnere hinunter, wo die alten Förder-, Wasch- und Sortieranlagen alle originalgetreu
besichtigt werden können. Im "Schaumuseum Marienschacht" ("Musée spectacle du Poits-Marie") werden mittels audiovisueller
Technik die dreihundert Millionen Jahre alte Entstehungsgeschichte der Steinkohle sowie der über achthundert Jahre alte Steinkohlenbergbau
in Lütticher Gefilden nochmals vor Augen geführt - lang, lang ist's her...!
Ein gleichfalls überaus bemerkenswerter Einschnitt in die Lütticher Stadtentwicklung war sodann der von 1853-1865
erfolgte Bau des geschwungenen "Dérivation"-Kanals auf der "rive droite", dort wo einst die stark meandernde Ourthe
in die Maas mündete - und dabei immer gut war für massive Ueberschwemmungen, wenn sich beispielsweise Flutwellen beider Flüsse
sich hier trafen. Bereits im frühen Mittelalter war unter Bischof Notker deshalb bereits der Nebenarm der Maas rundum die Insel auf der gegenüberliegenden
Maasseite zum Flutwellenausgleich ausgebaut worden - wobei anzunehmen ist, dass dieser Nebenarm der Maas wohl gerade wegen des meandernden Strömungsverhaltens
der Ourthe dort entstanden ist. Das bis dahin mehr oder weniger gut funktionierende Ausgleichssystem wurde jedoch ausser Kraft gesetzt, als zu
Anfang des 19. Jahrhunderts dieser Nebenarm gedämpft wurde (jetzt verlaufen dort in einem grossen Bogen der "Boulevard d'Avroy"
und der "Boulevard de la Sauvenière"): Die Folge war eine Serie von grösseren Überschwemmungen und gravierenden Verwüstungen
beidseits der Maas mit viel Unmut bei der betroffenen Bevölkerung. Nach vielen (europäischen) Lösungsvorschlägen und nach
der verheerenden Flutkatastrophe von 1851 sollte schlieslich der Plan des Wasserbauingenieurs Kümmer in Angriff genommen werden: Von 1853-1865
wurde der um Longdoz und Outremeuse geschwungene "Dérivation"-Kanal angelegt und das Maasbett durch die Stadt neu konzipiert.
Doch die ausufernden Ueberschwemmungen von 1880, 1920 und vor allem 1925/26 machten erneut massive wasserbauliche Anpassungen - auch im Zusammenhang
mit dem geplanten Bau des Albertkanals - erforderlich: Hierbei wurde das Maasbett nochmals vertieft und wannenartig einbetoniert, sodass die aus
Frankreich oder den Ardennen kommenden Flutwellen sozusagen ungebremst - und bis heute ohne Schäden - durch die Stadt schiessen - seither
sind Ueberschwemmungen nur noch etwas für die Ardennen-"Bauern" oder etwas für "les Hollandais" da irgendwo im Norden:
Die Lütticher haben damit nichts mehr zu tun...!
Für die Lütticher Weltausstellung (immerhin!) von 1905 war auch die meandernde Ourthe in ihrem Mündungsgebiet
bereits endgültig gebändigt und - nachdem in Longdoz Hochofen, Gasfabrik und Bahnhof geschleift worden waren - einen direkten Zugang
vom Zentrum aus geschaffen worden zum "Les Viennes"-Viertel, wo die Weltaussstellung stattfand. Hierzu wurde über die Maas die
weltberühmte "pont de Fragnée" gebaut - diese Brücke war der Zeit entsprechend natürlich aus Eisen und bezüglich
der äusseren Gestaltung ein echtes Kunstwerk: sie war grösstenteils der "Alexandre III"-Brücke in Paris nachempfunden,
die seinerzeit für die Pariser Weltausstellung von 1900 gebaut worden war. Die 165 m lange und 16 m breite "pont de Fragnée",
die als riesiger Stahlkasten von der "Société John Cockerill" übrigens gefertigt worden war, zeichnete sich nicht
nur durch überaus üppige Eisenornamente aus, sondern auch durch die auf jeder Brückenecke stehenden Granitpfeiler, die wiederum
gekrönt wurden durch die als "les Renommées" bekantgewordenen, vergoldeten Engel-mit-Posaune-Figuren. Ein sehr schöner
Brückenschmuck sind auch die am jeweiligen Säulenfuss aufgestellten bronzenen Statuen, die im allegorischen Sinne konzipiert worden
sind, und von denen beispielsweise "le vieux monde" (die alte Welt) mit einer kräftigen, zeusähnlichen Männerfigur und
"le nouveau monde" von einer jungen üppigen Frauengestalt dargestellt werden.
Die "Fragnée"-Brücke hatte den Ersten Weltkrieg unbeschädigt überstanden, doch als sie im
Zweiten von den Belgiern selbst - nach Entfernung aller schmückenden Ornamenten - gesprengt wurde, sollten nur die Brückenauflager und
die Granitsäulen intakt bleiben - Lüttich sollte bis zum Letzten verteidigt werden...! Die heutige, nach dem Krieg etwas verbreiterte
"Fragnée"-Brücke ist in der Folge eine Replik der alten Weltausstellungs-Brücke, doch dieselbe bleibt auch heute eine
eindrucksvolle Erinnerung an jenen Glanzzeiten des Lütticher Industriezeitalters - gleichfalls im Rahmen der Lütticher Weltausstellung
wurde zwischen Maas und Dérivation-Kanal damals auch der "parc de Boverie" konzipiert, der auch heute noch im geschäftigen
Lüttich - trotz der 1958 gebauten "gläsernen" Kongresshalle - eine Oase der Ruhe bildet. Auf der anderen Maasseite, zwischen
dem Bahnhof Guillemins und der "pont de Fragnée" hatte sich damals übrigens auch der bis heute in der Euregio Carolus Magnus
einmalige Lütticher "Rotlicht"-Bezirk entwickelt, wo die Bordsteinschwalben "serveuses" heissen und es bereits in der
Mittagszeit munter zugeht - dorthin pflegte auch, in früheren Zeiten jedenfalls, die brave (katholische) Kundschaft aus Maastricht "zum
Frisör" nach Lüttich zu fahren...
Eine weitere Reminiszenz an der Lütticher Weltausstellung von 1905 ist sodann das imposante Casinogebäude mitten
im "parc de Boverie", in dem das "Museum für moderen und zeitgenössische Kunst" ("Musée de l'Art Moderne
- Cabinet des Estampes" untergebracht ist - dieses 1993 renovierte Museum gilt als eines der schönsten Museen weit und breit und beherbergt
zahllose Meisterwerke von Weltformat. Schliesslich erinnern die Hennebique-Brücke und der griechische Tempel von Agrigente im "parc
de Boverie" noch an den Erfinder des Spannbetons François Hennebique (1842-1921), dessen revolutionäres Bausystem damals noch
viel Argwohn hervorrief (siehe hierzu auch Kapitel "Voerstreek" wegen SMV-Viadukt).
Hinsichtlich der Museen in der Maasstadt sei an dieser Stelle noch festgehalten, dass Lüttich über mehr als zwanzig
überaus hochkarätige Museen auf jeglichem Gebiet verfügt: Hierzu zählt im touristischen Sinne nichtzuletzt der Komplex "Zoologisches
Universitätsmuseum-Haus der Wissenschaften", dem das sogenannt "Aquarium" angegliedert ist, wo sich in 46 Becken mit insgesamt
150'000 ltr Süss- und Meereswasser über 2'500 Exemplare von Meeresbewohnern jeglicher Art tummeln - darunter ein wahrhaft riesiges Aquarium
nur für Haie und insofern ein einmaliges Erlebnis direkt an der (bis heute jedenfalls) "hailosen" Maas...! Aber auch das Waffenmuseum
("Musée d'Armes") am "Quai de Maastricht" ist einen Besuch wert - aus einer Sammlung von über 13'000 Exponaten
wird eine Uebersicht geboten über die Vielzahl tragbarer Waffen aus sämtlichen Epochen, sodass die Lütticher Feuerwaffenabteilung
zu den reichhaltigsten der Welt gerechnet werden kann. Nichtzuletzt kann man hier die Qualität der Lütticher Waffenschmiedetechnik und
der damit verbundenen Gravurkunst bewundern - die weltberühmte, 1889 in Herstal (Chertal) errichtete "Fabrique Nationale d'Armes de
guerre" existiert noch immer und ist mit vielen in ihrer Art einmaligen Stücken vertreten. Diesbezüglich dürfte es höchst
interessant sein, darauf hinzuweisen, dass es diesbezüglich in den "ancien régime"-Zeiten Europas durchaus Parallele gegeben
hat zwischen dem Fürstbistum Lüttich und der Schweizerischen Eidgenossenschaft: Beide beanspruchten für sich einen neutralen Status
und beide verdienten mittels ihrer florierenden Waffenindustrie ganz kräftig an den Kriegen rundherum, bzw. in der Welt - "pecunia non
olet"-Standpunkt offensichtlich auch im Vatikan ("Lüttich, Tochter der römischen Kirche")...!
Eine weitere Besonderheit der Stadt Lüttich ist sodann die wechselvolle Geschichte der militärischen Verteidigungsanlagen
rundum die Stadt - angefangen hatte diese mit der Einnahme der Raubritterburg auf dem Hügel von Chèvremont im Jahre 988 durch Bischof
Notker (dort wo heute die imposante Basilika von Vaux sous Chèvremont hoch über das Tal der Vesdre (gegenüber Chaudfontaine)
thront). Bei den "festivités du millénaire de Chèvremont 988-1988" haben die Einwohner von Chèvremont gar
zwei mittelalterliche Wehrtürme mit Zinnen neu errichtet - sozusagen als kriegerische Reminiszenz direkt neben der 1688 von Jesuiten gegründeten
"Chapelle dédiée à Notre Dame" am Ende des steilen Kreuzwegs vom Vesdretal zum Hügel hoch. Von der mächtigen
Zitadelle hoch auf dem "Publémont"-Hügel direkt im Zentrum der Stadt, wo heutzutage ein grosses Krankenhaus untergebracht
ist, war schon die Rede und auch das "Fort de la Chartreuse" auf der anderen Maasseite hat schon bessere (militärische) Zeiten
gekannt - die gewaltige Anlage, direkt neben dem grossflächigen Friedhof von Robermont-Bressoux gelegen, wurde 1817-1823 vom Vereinigten
Königreich der Niederlande ("les Hollandais") gebaut, um -wie in Huy - als Bollwerk gegen eventuelle Angriffe Frankreichs dienen
zu können ("trau, schau, wem"...!) Auch auf die zahlreichen Forts in der Verteidigungslinie rundum die Stadt Lüttich - die
in beiden Weltkriegen die deutsche Invasion wenn nicht zu stoppen, dann doch wenigstens zu verzögern zur Aufgabe hatten - ist an anderer
Stelle bereits vereinzelt eingegangen - das in 1888 gebaute Fort von Embourg, südlich der Vesdre bei Chaudfontaine, hat beispielsweise sowohl
den deutschen Angriffen von 1914 als auch von 1940 getrotzt und kann in Originalzustand besichtigt werden.
Eine sehr tragische Komponente beinhaltet diesbezüglich die Geschichte des Forts von Loncin auf der "rive gauche"
hoch über dem Maastal (bereits auf dem Hesbaye-Plateau), das gleichfalls 1888 vom berühmten "Festungsgeneral" Brialmont zur
Verteidigung der "Grand Route" nach Brüssel gebaut worden war. Denn hier explodierte am 15. August 1914 - während einer achttägigen
Belagerung durch deutsche Truppen - das Pulvermagazin des Forts nach einem (Zufalls-)Treffer mit einer 42 cm-Artillerie-Granate ("Dicke Bertha")
- das Fort von Loncinwurde völlig verwüstet und von den 550 Verteidigern fanden 350 den Tod: das restliche Militär überlebte
schwer verletzt und verteidigte sich sogar noch in den rauchenden Trümmern gegen die anrückenden Deutschen. Im Parc d'Avroy befindet
sich - unweit des Reiterstandbildes Karls des Grossen - noch eine Reminiszenz (ein mit Ketten abgesetztes Viereck mit einem Baum mittendrin) an
der damaligen Abschussrampe der "Dicke Bertha"-Geschosse auf das Fort.
Das Fort von Loncin ist auch heutzutage noch im genau gleichen Zustand wie nach der Explosion zu besichtigen und zusammen
mit dem imposanten, typisch-belgischen Kriegsdenkmal und dem kleinen, angegliederten Museum entsteht ein überaus deutliches Bild des damaligen
kriegerischen Fanatismus auf beiden Seiten (denken wir nur an die damaligen deutschen Represalien in Visé und Moelingen). Auf dem Monument
steht geschrieben: "Monument Inauguré le 15 Août 1923. Aux Héros de Loncin. Morts pour la Patrie 15 Août 1914.
Le fort en ruines est leur tombeau. Groupe allégorique à la base du monument". Mag dieser monumentale Pathos vielleicht noch
verständlich erscheinen, so sind die Texte im kleinen, auch heute noch zu kaufenden Begleitheft zur Geschichte des Forts, geschrieben im
Jahre 1920 durch den damaligen Artilleriekommandanten "Kolonel Naessens" geradezu erschütternd - es war ein solcher menschenverachtender,
hohler Fanatismus des (Helden-)Todes, der offensichtlich entscheidend beigetragen hat zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Im betreffenden Begleittext
finden wir solche Passagen wie "opruk der barbaren" (Aufmarsch der Barbaren(!)), "vechten tot de laatste man dood is" (Widerstand
bis zum letzten Mann) sowie - auf Seite 16 vermerkt - die Vorfreude auf den Mann-zu-Mann-Kampf (und damit auf den sicheren Tod...) mit den Bewortungen:
""Jongens, maakt uwe bajonetten gereed: er gaat gelachen (!) worden" sowie - als Bedauern darüber, dass es durch den "Dicken
Bertha"-Beschuss wohl nicht mehr zu Mann-zu-Mann-Kämpfen kommen wird - "Zullen we ze dan toch niet van dichtbij zien, die smerige
varkens (!)" (werden wir sie dann leider nicht aus der Nähe sehen, diese dreckigen Säue) usw...! Man sollte sich dieses französisch-niederländischsprachige
Büchlein, das vor allem aufzeigt, wie sehr sich das heutige Europa vom damaligen inzwischen unterscheidet, wirklich antun: Der darin gehuldigte
Pathos der Hohlheit ist gleichzeitig unerträglich und entlarvend, wenn nicht sogar - nach heutigen Massstäben jedenfalls - ausgesprochen
lächerlich, nichtzuletzt auch wegen des dort aufgezeigten, fürsorglichen "Vaterbildes" des Kommandanten...! Dennoch bleibt
Loncin in den Zeiten der heutigen touristischen "Aufmärsche" (statt der damaligen militärischen) ein eindrucksvolles Mahnmal
der Erinnerung an "früher" und nur durch Kenntnisnahme solcher kriegerischen Relikte aus gar nicht so lange zurückliegenden
Zeiten kann die Europa-Gedanke von heute auch wirklich verstanden werden - die Autorin war jedenfalls sehr betroffen von allem!
In der modernen "Les Territoires de la Mémoire"-Schau, im "Centre d'Éducation à la Tolérance
et à la Résistance" direkt im Stadtzentrum, wird dann wieder ein ganz anderes Bild der miltärischen Vergangenheit Lüttichs
gezeigt und zwar vorwiegend des Zweiten Weltkriegs und seiner Widerstandsbewegung ("maquis") - wer sich noch näher mit allem beschäftigen
will, kann dies auf der Website www.memoire.be tun. Hierzu sei gesagt, dass der militärische Aspekt der städtischen Geschichte genauso
wichtig für das Bild Lüttichs von heute sein dürfte wie die zu Anfang diese Kapitels aufgezeigten fürstbischöflichen
und industriellen Reminiszenzen - auch hier finden wir das Bild Lüttichs als "Stadt der Kontraste" zurück und der "Bienvenue
à Liège"-Slogan der Lütticher Stadtverwaltung dürfte deswegen auch in diesem Sinne die Einladung zu einem echten
"Abenteuer der Entdeckungen" darstellen!
Ein Stadtheiliger namens Saint Lambert
Der Lütticher Stadtheilige St.Lambertus (635-705) wurde in Maastricht, unweit des Vrijthofs, geboren und noch heute
erinnert auf der Ecke Bredestraat-Hondstraat eine Nische mit einer Statue des St.Lambertus daran, das dieser hier als Landbert und Sohn adliger
Eltern zur Welt kam. St.Lambertus hat - zusammen mit seinem Nachfolger St.Hubertus - viel dazu beigetragen, dass nach den ersten südeuropäisch-angelsächsischen
Missionierungswellen auch eine solche mit einheimischen, fränkischen Predigern sich entwickeln konnte.
Erzogen wurde der junge Landbert/Lambertus (hier wieder die n/m-Vertauschung!) in einem kirchlichen Internat in der Herrlichkeit
Wintershoven (zwischen Maastricht und Tongeren), wo die Lambertusquelle aus der Legende noch immer fliesst, während er seine abschliesende
Erziehung und Bildung in der königlichen Pfalz zu Maastricht erhielt - dort war bereits in frühen Zeiten eine Hofschule integriert,
in der junge Männer von Adel zu kirchlichen bzw. weltlichen Würdeträgern ausgebildet wurden. Unter der Leitung seines Mentors Bischof
Theodardus wurde Landbert/Lambertus, der von ansehnlicher, athletischer Gestalt gewesen sein soll, in Maastricht als dessen Nachfolger auserkoren
und aufgebaut - dort erwarb er - neben einer entsprechenden kirchlichen Bildung - auch umfassende weltliche Kenntnisse, nichtzuletzt bezüglich
Staatskunde, Lehnsverwaltung und Kriegsführung. Und als Bischof Theodardus auf dem Wege zum merowingischen König Childerich II in Landau
(Pfalz) ermordet wurde, war es die Maastrichter Bevölkerung, die den noch jungen Landbert/Lambertus - anfänglich gar gegen dessen Willen
- als Kandidat für die Nachfolge nach vorne schob - darauf sollte St.Lambertus als neuer Bischof von Maastricht bestätigt werden. Hierzu
sei gesagt, dass auch König Childerich II die Qualitäten des jungen Adligen erkannt hatte und ihn bereits bald nicht nur zu einem seiner
wichtigsten Ratgeber sondern auch zu einem seiner engsten Vertrauten machen sollte. Dadurch wurde St.Lambertus jedoch gleichzeitig einbezogen
in die politischen Intrigen am Hofe Childerichs und dies sollte fatale Konsequenzen haben, als dessen Hofmeier, der brüchtigte Ebroïn,
die Macht ergriff - es gelang diesem, St.Lambertus aus seinem Amt als Bischof von Maastricht zu jagen und einen gewissen Faramandus als neuer
Bischof zu installieren, während St.Lambertus Zuflucht fand in der Doppelabtei von Stavelot-Malmédy (wo er sieben Jahre als einfacher
Mönch leben sollte). Nach einem sehr unruhigen und kriegerischen Zeitalter im gesamten Frankenreich sollte es schliesslich dem Hausmeier
Pippin der Mittlere (635-714), Vater Karl Martells, gelingen, die Ordnung wiederherzustellen, den irregulären Bischof Faramandus zu verjagen
und St.Lambertus nach Maastricht zurückzuholen. Dieser hatte sich inzwischen jedoch derart am mönchischen Leben gewöhnt, dass er
nur auf massiver Druck seiner Maastrichter Anhänger bereit war, wieder als Bischof zu amtieren - doch einmal im Amte, sollte St.Lambertus
dann jedoch während mehr als fünfundzwanzig Jahren das Bistum führen und seine Missionstätigkeit entsprechend ausweiten (auf
seinen vielen Reisen sollte es beispielsweise zu einer dauerhaften freundschaftlichen Zusammenarbeit mit St.Willibrord kommen).
Als im Jahre 691 St.Lambertus seine bischöfliche Residenz vorwiegend auf die uns bereits bekannt Lütticher Maasinsel
verlagerte, um dort seiner mönchischen Lebensweise - er hatte dort eine Kapelle zu Ehren seines Lehrmeisters Theodardus errichten lassen
- nachzugehen, wurde er dort wieder in politische Intrigen (diesmal am Herstaler Hof) einbezogen. Bei einem nächtlichen Ueberfall auf die
Insel wurde St.Lambertus vom Hofmeier Dodo, dem er in die Quere gekommen war, beim knieenden Gebet von oben mit einer Lanze erstochen - St.Lambertus,
der sich nicht mit dem Schwert gewehrt hatte, sollte durch die darauf einsetzende Legendenbildung schon bald zum Märtyrer werden und die
Todesstelle zum weitbekannten Pilgerort. Bereits nach kurzer Zeit wurde dort eine Kirche zu Ehren von St.Lambertus errichtet, doch der Leichnam
des Bischofs wurde per Schiff zurück nach Maastricht gebracht und ins elterliche Familiengrab beigesetzt - am Ufer der Maas (unten am St.Pietersberg)
befindet sich - etwas zurückversetzt wegen des späteren Maastricht-Lüttich-Kanals - an jener Stelle des ehemaligen Familiengrabs
eine (kleine) St.Lambertuskapelle.
Es war Bischof Hubertus, Lehrling und Nachfolger von St.Lambertus, der im Jahre 718 sich entschloss - aufgrund von Visionen
und Himmelszeichen, wie der Glaube jener Tage implizierte - die sterblich Ueberreste des St.Lambertus wieder nach Lüttich zu bringen. Der
Legende nach soll der Leichnam des Bischofs - wie es dies auch später bei Karl dem Grossen heissen sollte - völlig unversehrt gewesen
sein und wurde dieser in einem prächtigen Reliquienschrein auf den Schultern einer Vielzahl von Maastrichtern entlang der Maas nach Lüttich
getragen. Dort wurde der ermordete Bischof erneut beigesetzt - diesmal jedoch an einer Stelle im "Coeur Historique" - und sollte diese
neue Grabstelle des St.Lambertus (dort wo Bischof Notker später die prächtige St.Lambertuskathedrale errichten sollte) einbezogen werden
in das immer stärker ausufernde Pilgertum zu seiner Todesstelle auf der "Insel" - dorthin pilgerten insbesondere Gläubige
mit beispielsweise Lähmungs- und Krampferscheinungen, Epilepsie als auch Augenleiden.
Die Verehrung von St.Lambertus sollte allerdings nicht auf Lüttich und Maastricht beschränkt bleiben und dehnte
sich schon bald über das gesamte Bistum aus (die Skala der zu heilenden Gebrechen war hierfür sehr förderlich) - es wurden in der
Folge vor allem in Limburg und Brabant viele Kirchen, Kapellen und Gilden nach ihm benannt, doch in Maastricht sollte dies bis 1914 (!) dauern.
Da erst wurde am damaligen Stadtrand (heute Koningin Emma Plein) die St.Lambertuskirche (ein sehr schöner Bruchsteinbau mit byzantinischem
Einschlag) gebaut und sollte dorthin im Jahre 1938 - wiederum in einem Triumphzug, doch jetzt in umgekehrte Richtung - einen Schenkelknochen von
St.Lambertus als Reliquie überführt werden. Dieselbe befindet sich in einem prächtigen goldenen Brustreliquiar der Utrechter Edelschmiede
Brom in der direkt neben der Kirche gelegenen St.Lambertuskapelle (seit die St.Lambertuskirche als solche 1985 wegen baulicher Mängel geschlossen
werden musste) - dieses neuzeitliche Reliquiarbrustbild des St.Lambertus wird bei sämtlichen Prozessionen in Maastricht durch eine spezielle
St.Lambertus-Trägergilde ebenbürtig mit St.Servatius durch die Stadt getragen...!
Ein weiterer interessanter Sachverhalt dürfte noch sein, dass es über die zeitlichen Daten im Leben von St.Lambertus
unterschiedliche Auffassungen zwischen Lüttich und Maastricht gab bzw. gibt - denn der Lüticher Jesuit Gilles de Bouchier, der zu einer
Gruppe von Jesuiten gehörte, die behaupteten, dass Maastricht niemals Bischofssitz gewesen sei, legte 1612 - unter Bezugnahme auf die in
der "Vita Huberti" genannten Daten - das Sterbedatum von St.Lambertus auf den 6. September 696 fest (und nicht im Jahre 705 nach der
Maastrichter Version). Und so feierte Lüttich in 1696 das Millennium des Märtyrertodes von St.Lambertus, sowie in 1896 und 1996 die
entsprechenden Jahrhundertfeste - nur im Jahre 1796 sollte die Gedächtnisfeier wegen der Ereignisse um die "cathédrale de Saint-Lambert"
ausfallen... Aber auch über die Gründe der Verlegung des Bischofssitzes von Maastricht nach Lüttich - und nicht, wie die Lütticher
Jesuiten behaupteten, direkt von Tongeren nach Lüttich - besteht weiterhin Unklarheit - fest steht nur, dass die in Maastricht bzw. Lüttich
residierenden Bischöfe weiterhin die Bezeichnung "Episcopus Tungrensis" (Bischof von Tongeren) trugen und die Lütticher Bischöfe
später den abgewandelten Titel "Episcopus Tungrensis vel Leodinensis" verwendeten ( bis dieser Terminus aus der Lütticher
Bischofstitulatur verschwand, sollten allerdings noch viele Jahrhunderte vergehen).
Jedenfalls zeigt sich - wie auch bereits im Kapitel "Maastricht" dargelegt - aus den zugrundeliegenden Gegebenheiten
mehr als deutlich, dass es zwischen Maastricht und Lüttich nicht nur enge staatsrechtliche Bindungen ("tweeherigheid") gegeben
hat, sondern zudem weit zurückgehende, kirchliche Gemeinsamkeiten - die beiden Städte können in jeder Hinsicht (auch wenn dies
heute nicht (mehr) so aussieht) als echte "Zwillingstöchter der Maas" angesehen werden...!
Eine Stadtlegende namens Tschantchès
Obwohl Karl der Grosse (Charlemagne) wallonischer Herkunft war und in Herstal (Chertal)/Jupille, direkt bei Lütich,
zur Welt kam, ist es eigentlich aussschliesslich Aachen, das mit seinem (kaiserlichen) Ruhm assoziiert wird - obwohl, wie wir gesehen haben, der
Herrscher im Städtedreieck Maastricht-Aachen-Lüttich viele überaus interessante Spuren zurückgelassen hat. In Lüttich
erinnern an ihn nicht nur die im Parc d'Avroy afgestellte, imposante Reiterstatue Karls des Grossen - mit der rechten Hand huldvoll zum Gruss
erhoben - sondern vor allem auch die mit der Legendenbildung um Karl den Grossen eng verwobenen Figur des "Tschantchès" (wallonisch
für François (Franz)), die als Inkarnation der aufständischen, unabhängigen Seele Lüttichs betrachtet werden kann.
Als gutmütiger Nörgler, als Verteidiger der Armen und Schwachen und als vorlauter Repräsentant des rebellischen Lüttichers
par excellence wird er durchwegs dargestellt mit grosser (roter) Nase, blauem Bauernkittel, rotem Taschentuch um den Hals sowie einer schwarzen
Kappe auf dem Kopf - nichtzuletzt im typischen, auf ihn abgestimmten, Lütticher (Stangen-)Marionettenspiel. Diesbezüglich gibt es in
Lüttich und Umgebung eine regelrechte Kultur des Marionettenspiels mit fast zwanzig kleinen Marionettentheatern sowie ein "Centre européen
de la Marionette section francophone" (mit entsprechendem Schulungszentrum und einer (jährlichen) "Marionettes en Fête"-Biennale)
- eine ähnliche Zielstellung verfolgt auch die "Unima Belgique Section francophone du Centre Belge". Für die Figur des Tschantchès
selber gibt es ein spezielles "Tschantchès"-Museum ("pour le plus vieux citoyen de Djusd 'là") sowie im Stadtviertel
Outremeuse, auf der rechten Maasseite direkt dem "Coeur Historique"gegenüber, ein typisches Monument dieses "grossen Lüttichers".
Aber auch in den weiteren Lütticher Spielstätten, die mit der Tschantchès-Figur zu tun haben, geht es immer um Ereignisse rundum
Karl den Grossen (Charlemagne) - dieser wird darin allerdings immer als französischer König bezeichnet (seit 768 König der Franken!)
und ist im jeweiligen Spielplan "François de Liège" alias Tschantchès meistens derjenige, der den Sieg Charlemagnes
retten muss. Die Marionettenfigur des Tschantchès wurde übrigens erst 1860 von einem toskanischen Puppenspieler kreiert, zusammen
mit den ihn begleitenden Figuren der Nanesse (seine Frau), Polchinelle und Guignol - in der Erzählung "La Légende de Tschantchès"
wird schliesslich die (literarische) Legendenbildung um dieses einmalige Stadtsymbol entsprechend vertieft.
Zu letzterer gehört, das Tschantchès angeblich zwischen zwei Pflastersteinen von "Djus-d'la-Moûse"
(Outremeuse) geboren wurde und sein erster Schrei nach einem "pèkèt" (Lütticher Genever) gewesen sein soll - dieser
sollte auch in seinem weiteren Leben die (flüssige) Nahrung bleiben. Die legendäre Tschantchès-Figur verfügte - wie bereits
angemerkt - über eine riesige Nase ("pif cyranesque") sowie über die einmalige Fähigkeit mittels gezielter Kopfstösse
("soukeus") seine Gegner ausser Gefecht zu setzen - ausserdem konnte er seinen Kopf nicht drehen und auch nicht nach unten oder oben
bewegen. Trotz diese Handicaps soll Tschantchès jedoch immer das Bad in der Menge gesucht haben, da er gemerkt hatte, dass seine typische
Kombination von äusserer Hässlichkeit, wachem Geist und offenem Herzen von seinen Mitbürgern überaus geschätzt wurde
- als "prince de Djus-d'la-Moûse" ("jenseit der Maas") liess sich der Aussenseiter gar - immer der Legende nach - in
einer Sänfte durch Outremeuse tragen.
Als Tschantchès eines Tages am Ufer der Maas spazieren ging, soll er dort Bischof Turpin und Charlemagnes Lieblingsneffen
Roland begegnet sein, die als Mentor und Lehrling in einem tiefen Gespräch verwickelt waren - er mischte sich ungeniert ein, was dem Bischof
veranlasste - wegen seiner geistreichen Bewortungen - ihn am Hofe Charlemagnes zu introduzieren. Dort sollte Tschantchès bald zum Vertrauten
und Beschützer sowohl des Kaisers als dessen Neffen aufsteigen: Er war sozusagen Tag und Nacht um beide herum, um sie beizustehen mit seinen
klugen Ratschlägen oder - falls erforderlich - mittels seiner gefürchteten Kopfstössen freie Bahn zu schaffen...
Die Legende erzählt weiter, dass Tschantchès im Krieg sogar ohne Schwert oder Lanze kämpfte und nur mit
seinem roten Halstuch als Banner und seinem blauen Bauernkittel als Schild in den Kampf zog - nichtzuletzt durch den Nimbus seiner grossen Nase
und seiner einmaligen Kampftechnik der gezielten Kopfstösse galt er jedoch als unüberwindlich und soll er jeden Gegner haben verzweifeln
lassen...
Als während des Feldzuges Karl des Grossen (alias Charlemagne) gegen die Sarazenen, Tschantchès in der Schlacht
von Roncesvalles (nach der Schlacht bei Cordoba) im Jahre 778 (siehe hierzu auch Kapitel "Aachen", Abschnitt "Kulturdenkmal Aachener
Rathaus") Tausende von Gegnern mit seinen Kopfstössen erschlagen hatte, übermannte ihn jedoch die Müdigkeit und schlief er
ein - der waghalsige Roland musste alleine weiterkämpfen. Darauf wurde dieser prompt getötet und zusammen mit Charlemagne soll Tschantchès
den toten Roland tagelang beweint und betrauert haben - das um 1100 in Frankreich, bzw. um 1170 in Deutschland, entstandene Roland-Lied besingt
diese tragischen Ereignisse um den Markgrafen Hruodlandus von der Bretagne, der Karl dem Grossen als einer seiner zwölf Paladine besonders
ans Herz gewachsen war. Auch in der sogenannten Roland-Säule als überlebensgrosse Standfigur eines Ritters auf städtischen Plätzen
- wahrscheinlich als Rechtssymbol und Sinnbild städtischer Marktfreiheit - finden wir eine Reminiszenz an damalige Zeiten ("Bremer Roland"
als bekanntestes Monument). Nach der Belagerung von Saragossa wieder zurückgekehrt am Hofe zu Aachen soll der Kaiser Tschantchès jedoch
wegen seines Schlafens in der Schlacht von Roncesvalles schwere Vorwürfe gemacht haben und zog sich dieser untröstlich - aber immer
noch unbesiegt - nach Lüttich zurück. Dort soll Tschantchès der Legende nach schliesslich im Alter von nur vierzig Jahren an
den Folgen der spanischen Grippe - ùnd am gebrochenen Herzen - gestorben sein - er wurde in seinem geliebten Outremeuse (dort wo heute
am "Place de l'Yser" sein Denkmal steht) begraben und seither läuft die Legendenbildung um ihn und sein Verhältnis zu Karl
dem Grossen bzw. Charlemagne, das - wie bereits angemerkt - ein sehr enges gewesen sein soll. Wir finden somit auf dieser "legendarischen"
Ebene eine weitere interessante Verbindung Lüttichs zum berühmten Kaiser und gleichzeitig eine Reminiszenz an der Tatsache, dass Karl
der Grosse als Charlemagne ja auch Herrscher im westlichen Frankenreich ("Frankreich") war.
Tschantchès ist nach seinem von ganz Lüttich beweinten Tod zum typischen Stadtsymbol aufgestiegen, das mit seinem
sturen Kopf, aufsässigem Geist und einer Abkehr von allem Prunkvollen über einen unbändigen Freiheitswillen und ein goldenes Herz
verfügt, stets bereit für alle guten Dinge zu entflammen - und das unermüdlich, wie es den Lüttichern nun mal eigen ist...!
Zu diesem Bild eines aufständischen, freien Lüttichs gehört nichtzuletzt, dass Outremeuse, als "Heimat"-Viertel von Tschantchès,
bereits 1633 das Recht der Selbstbstimmung einforderte und in 1927 von traditionsbewussten Lüttichern - in Anlehnung an die Pariser "Commune
libre de Montmartre - die "Republique libre d'Outre-Meuse" ausgerufen wurde - in 1959 folgte dann noch die Gründung der "Commune
libre de Saint-Pholien-des-Prés" (beide "Communes" im Bereich der entsprechenden Kirchengemeinden errichtet).
Die "Freie Republik Outremeuse" feiert übrigens jedes Jahr vom 14.-16. August (15.August Maria Himmelfahrt)
ein riesiges Stadtfest mit vielen auswärtigen Besuchern, auf dem gleichzeitig die Ehre bewiesen wird an die Jungfrau Maria ("La Vierge"-Statuen
überall in den "potales" genannten Häuserwandkapellen) und an den Freiheitshelden Tschantchès. Bei dieser Gelegenheit
kann man dann einige der vielen Lütticher Spezialitäten kennenlernen wie beispielsweise "rodge tripe" (rote Blutwurst in Apfelfrikassee),
"matoufet" (Pfannengericht aus Mehl, Eiern und Speck) oder auch den berühmten "salade Liégeoise" ("Lütticher
Salat" mit Speck, grünen Bohnen, Kartoffeln, Zwiebeln und Essig), jeweils abgerundet mit einem herzhaften "pèkèt-Genever
oder einem echten "café Liégeois" mit "doveyes"-Kuchen dazu.
Zur auf Frankreich ausgerichteten Tradition Lüttichs der letzten Jahrhunderte ( im Mittelalter war die Stadt eher auf
das Rheinland ausgerichtet) gehört übrigens auch, dass am französischen Feiertag des "quatorze juillet" (14. Juli) diese
Affinität mit einem wahrhaft spektakulären Feuerwerk an und auf der Maas sowie mit dem Abspielen der französischen Nationalhymne
"Marseillaise" jedes Jahr erneut unter Beweis gestellt wird - "das kleine Frankreich an der Maas" sozusagen...! Aber wer im
Shopping-Viertel von "Le Carré" unterwegs ist, meint sowieso in der französischen Hauptstadt zu sein - ein solch unverwechselbares
Ambiente à la Paris (und das während des ganzen Jahres) ist schon etwas aussergewöhnliches für die Euregio Carolus Magnus...!
Zwei Söhne Lüttichs
Das Stadtviertel Outremeuse war gleichfalls Geburtsort zweier der berühmtesten Söhne Lüttichs und zwar des
Schriftstellers Georges Simenon (1903-1989) und des Komponisten André-Modeste Grétry (1741-1813) - beide sind herausragende Repräsentanten
des ungeheuer reichhaltigen Kulturspektrums der Stadt Lüttich im Laufe der Jahrhunderte und stehen stellvertretend für die vielen anderen,
weniger berühmten Kulturschaffenden in der "cité ardente". Diesbezüglich erinnern wir nichtzuletzt an das Wirken des
unweit von Aachen (in Völkerich) geborenen Organisten César Franck, an den berühmtesten Vertreter der "Lütticher Violineschule"
Eugène Ysaye (Initiator des internationalen Brüsseler Musikfestivals "Concours Reine Elisabeth"), das einzigartige Jazz-Festival
Lüttichs sowie die renommierte Lütticher Comics-Zeichentrickschule, die zu den weiteren auffälligen Repräsentanten der Kulturstadt
an der Maas zählen.
Georges Simenon, der bereits al Neunzehnjähriger nach Paris zog, wuchs somit auf in jenem kleinen rührigen Kosmos
"Djus-d'la-Moûse"("jenseits der Maas") auf der Lütticher "rive droite" und dieser Umstand sollte sein
späteres Wirken in hohem Masse beeinflussen: Hier entstanden die vielen Erfahrungen und Erinnerungen, die in seinen insgesamt 192 (!) Werken
verarbeitet worden sind. Hierzu hat Simenon einst gesagt: "Jeder weiss, dass wir unsere wichtigsten Lebenserfahrungen in der Kindheit und
Jugend machen. Sie beeinflussen unser ganzes Leben. Mit siebzig Jahren handele, denke und führe ich mich auf wie ein Kind von Outremeuse"-
wie recht Simenon mit dieser Binsenwahrheit doch hat...!
Das Lütticher "Office du Tourisme" hat in der Broschüre "Simenons Heimatstadt" einen höchst
interessanten Erlebnisparcours durch Outremeuse beschrieben, in dem viele Plätze aus dem Leben Georges Simenons nachgespürt werden können
- der inzwischen erneuerte Parcours, der individuell mit Audiobegleitung oder in der Gruppe mit einem Führer absolviert werden kann, führt
gar zu solchen persönlichen Plätzen Simenons, wie beispielsweise die geheimnisvolle "Caque"(Heringstonne), die als Inspiration
gedient hat für die tragische Episode im Roman "Le Pendu de Saint-Pholien". In der Broschüre heisst es weiter: "Diese
Kind wuchs am "rechten" Maasufer auf, es spielte in den ehemaligen "Prés Saint-Denis" (Wiesen von Saint-Denis). Dort
wurde ein neues Krankenhaus, das Bayernkrankenhaus, gebaut und schnurgerade, vom Kongressplatz ausgehende Strassen wurden angelegt. Es war ein
ganz gewöhnlicher Platz, dieser Kongressplatz, der dann lange Jahre hindurch das "Abenteuerland", das "kindliche Universum"
von Georges Simenon wurde. Rechtes Maasufer, linkes Maasufer, von ruhigen Strassen bis zum lebhaften Zentrum: mit der Zeit wird die Sammlung der
Lütticher Atmosphärebilder des zukünftigen Romanciers immer grösser. Vom St.André-Institut bis zur Impasse de Houpe,
einer Sackgasse, die hinter der St.Pholienkirche liegt: Hier trifft sich eine gewisse Lütticher Bohème, um zu trinken, und um sich
zu betäuben (!), hier versucht ein junger Mann unter vielen anderen, seinen Weg zu finden. Er war ein wissenshungriger Mann, der alles sehen
wollte. Er wollte das Leben verstehen, es hören, es einatmen, es kosten und es ganz in sich aufsaugen. Ja, er war ein richtiger "Lebensgourmand"
mit weit offenen Poren..."
Georges Simenon, mit sechzehn Jahren bereits Reporter (Georges Sim!) bei der "La Gazette de Liège"-Zeitung,
"emigrierte" im jugendlichen Alter von neunzehn Jahren nach Paris, wo er seinen ersten Roman "Pont des Arches" schrieb und
1931 debütierte mit seiner berühmten Kriminalromanserie um den Kommissar Jules Maigret ("PJ du quai des Orfèvres")
- hier sollte er von 1925-1927 gar eine Liaison mit der berühmten (Nackt-)Tänzerin Josephine Baker haben... Im Jahre 1989 in Lausanne
verstorben, wird das Andenken Simenons in Lüttich auf vielerlei Art hochgehalten - so in der Simenon-Bibliothek und im Simenon-Fonds zur
Konservierung seiner Werkesammlung im Schloss von Colonster (Sart-Tilman) und auf dem "place du Congrès" mit einer Büste
des grossen Schriftstellers (allerdings ohne Pfeife, da diese zu oft von Souvenirjägern entfernt wurde). Von hier aus zweigt auch die "rue
Georges Simenon" (früher "rue Pasteur") ab, wo von 1905-1911 im Hause Nr. 25 die Familie Simenon wohnte - das Geburtshaus
von Georges Simenon liegt übrigens auf der "Rive gauche" an der "rue Léopold" Nr. 24, zweiter Stock. Im Hause
Nr. 2 der "rue Georges Simenon" ist weiter die "Auberge de Jeunesse Georges Simenon" untergebracht, wo in der Eingangshalle
eine gigantische Pfeife an den grossen Sohn Lüttichs erinnert - sehr zum Ärger aller Tabakgegner (da ja Jugendherberge!). Interessant
ist auch, dass Georges Simenon - um seine Lütticher Wurzeln zu demonstrieren - seine im Ausland geborenen Kinder immer ins Geburtsregister
seiner Vaterstadt hat beischreiben lassen - wer sich über die Veranstaltungen aus Anlass des hundertsten Todestages von Georges Simenon im
Jahre 2003 informieren möchte (es wird über seine Episode mit Josephine Baker seitens der "Opéra Royal de Wallonie"
sogar ein entsprechendes Musical aufgeführt) , kann dies im Internet auf den Webseiten www.ftpl.be/simenon bzw. www.simenon2003.be tun. Eine
interessante Besonderheit dürfte schliesslich sein, dass nicht nur am 14. Juli 2002 ("quatorze juillet") - neben den beiden bereits
bestehenden über sechs Meter grossen Riesenfiguren von Tschantchès und Nanesse - die Riesenfigur der (französischen!) Marianne
introduziert wurde, sondern am 15. August des gleichen Jahres - anlässlich des bereits vermerkten Outremeuse-Folkloreumzugs - gleichfalls
eine solche vom berühmten Simenon-Figur Kommissar Jules Maigret (mit Pfeife natürlich...) - "der Kommissar" dürfte hiermit
wohl endgültig von "seinen" Lüttichern angenommen worden sein.
Vom gleichfalls sehr bekannten Lütticher Komponisten André-Modeste Grétry gibt es sowohl die eindrucksvolle
Statue direkt vor der "Opéra Royal de Wallonie" als auch das "Musée Grétry" in Outremeuse - hier, an
der "rue des Récollets" Nr. 34 wurde der zweite grosse Sohn Lüttichs (und einer der Väter der komischen Oper) geboren
und wird die Erinnerung an sein Wirken im Museum mit zahlreichen Manuskripten und Gebrauchsgegenständen dieses von den Lüttichern hochverehrten
Komponisten gehegt. In seinem Roman "Mémoires Intimes" notiert Georges Simenon hierzu: "Das Grétry-Haus ist schmal
und es hat zwei Etagen - geblieben sind die bleigerahmten Butzenscheiben. Ein Haus, wie man es in den Gemälden von flämischen Malern
findet: ein Helldunkelbild - mit einfachen, polierten Möbeln. Solch ein Haus hätte ich gern gehabt..."
Die Familie Grétry stammte ursprünglich aus der Ortschaft Berneau (Bolland) im Land von Herve und bereits der
Vater von André-Modeste Grétry war als Geigenspieler in der Lütticher St.Martinkirche wie auch in der St.Deniskirche musikalisch
tätig. Gefördert von Lütticher Domherren, die seine musikalische Begabung entdeckt hatten, ging der junge Grétry bereits
im jugendlichen Alter nach Rom, wo er zusammen mit anderen Lütticher Musikern in der Kapelle des Lateran-Palastes eine weitere musikalische
Ausbildung erhalten sollte - anschliessend übersiedelte er nach Genf, wo er sich u.a. mit Jean Jacques Rousseau und Voltaire anfreundete.
Dann zog er - wie Simenon - nach Paris, wo er die Oper "Le Mariage des Samnites" schrieb, die jedoch ein Flop werden sollte - bei der
nachfolgenden Oper "Le Huron" war dies ganz anders: Das Werk wurde ein Riesenerfolg und Grétry darauf gar am Hofe Ludwigs XV
introduziert - ab da sollte seine musikalische Karriere nur noch steil nach oben gehen. In 1803 erwarb er das ehemalige Anwesen Rousseaus in Montmorency
bei Paris, wo er 1813 verstarb - nachdem André-Modeste Grétry in Père-Lachaise begraben worden war, sollte seine Vaterstadt
Lüttich schliesslich die Herausgabe seines Herzens erreichen, das anschliessend im Sockel seines Standbildes vor der "Opéra Royal
de Wallonie" eingemauert wurde: Eine doch wohl reichlich theatralische Inszenierung...!
Die "Opéra Royal de Wallonie" als "Centre lyrique de la Communauté française de Belgique"
ist übrigens eine sehr schöne Spielstätte, die über eine überaus hohe künstlerische Reputation verfügt (wie
auch das daran verbundene "Orchestre Philharmonique de Liège") - sie ist sozusagen ein Wahrzeichen Lüttichs im musikalischen
Sinne. Vom bekannten französischen Schriftsteller Paul Claudel stammt in diesem Zusammenhang das Zitat: "Lüttich hat dem glücklichen
Belgien die Musik gegeben wie Antwerpen und Gent die Malerei; noch heute übertönt der helle und ergreifende Klang der Violine das Krachen
der Hüttenarbeiten" - ja, in dieser Stadt an der Maas, in dieser "cité ardente", ist wahrhaft Musik drin: überall
und immer...!
L I È G E - D I E F E U R I G E S T A D T D E R
W A L L O N E N
Lüttich, auch "Tochter der Maas" genannt, ist eine nur schwer zu beschreibende Stadt - nicht nur wird sie
in den drei Euregiosprachen unterschiedlich tituliert (Liège, Lüttich, Luik, zurückgehend auf das heute verschwundene Flüsschen
Legia), sondern sie ist vor allem ein Gemeinwesen der Kontraste bzw. der Extreme: man weiss gar nicht wo anfangen. Denn Lüttich will in erster
Linie entdeckt werden und "mal eben" Lüttich kennenlernen gibt es nicht - dafür muss man sich schon Zeit nehmen und zwar sehr
viel...! Wer sich jedoch diese Mühe nimmt, ja, dem offenbart sich Lüttich als eine überaus faszinierende Stadt mit unendlich reichem
Erbgut und einer überaus wechselvollen Vergangenheit, die auf ihrer Art wohl einzigartig in Europa sein dürfte. Lüttich besuchen
heisst in der Folge verloren gehen in einem Labyrinth der Reminiszenzen an einer mehr als acht Jahrhunderte langen Epoche des Fürstbistums
Lüttich und gleichzeitig konfrontiert zu werden mit der harten, alltäglichen und kompromisslosen Realität eines sich auflösenden
Industriereviers. Denn die Lütticher Agglomeration (mehr als eine halbe Million Einwohner heute) war einst, lange bevor das Ruhrgebiet diese
Funktion übernehmen sollte, die brodelnde Wiege der kontinentalen Industrialisierung - nur in England kam die Industrielle Revolution wesentlich
früher in Gang, bzw. schwappte von dort anschliessend auf das Festland über.
Lüttich (zu Fuss!) durchkreuzen, heisst zudem sich Rechenschaft darüber geben, wie diese rührige kontrastreiche
Vergangenheit sich auswirkt auf das Alltagsleben dieser Metropole von heute, d.h. wie sich das unruhige, "spöttische" und knallharte
Lüttich der "Jetztzeit" sich übergangslos mischt mit den allernorts unvermutet sichtbaren Ueberreste jener fürstbischöflichen
und industriellen Glanzzeiten der Vergangenheit. Nichtzuletzt passt hierzu, was der französische Historiker Jules Michelet (1798-1874) einst
(frei übersetzt) von Lüttich sagte: "Lüttich ist eine Stadt, die sich unentwegt auflöst und wieder neu entsteht, ohne
zu ermüden" - wie wahr ...! Bezeichnenderweise erschien 2002 in Maastricht ein sehr schönes Buchwerk über die Stadt Lüttich
mit dem Titel "Bloed zweet en treinen", in welchem fünfzehn Autoren über ihre diesbezüglichen Eindrücke Lüttichs
("De menselijke gedaante van de stad Luik" als Untertitel) im ähnlichen Sinne berichten: "De grandeur, het verval, de afbraak,
de grote (staal) industrie, de taal en de "verrijzenis" van de stad met de nieuwbouw van o.a. Place Saint-Lambert en het toekomstig
TGV station Liège-Guillemins. Al lezend en foto's kijkend beseft men, dat de steden Luik en Maastricht meer gemeen hebben dan menigeen
zou denken" hiess es in einem Artikel dazu - und wiederum sehr treffend beobachtet...!
Ja, Lüttich war in den achtziger Jahren fast bankrott und ja, man sieht es der Stadt an, dass sie immer noch zu knabbern
hat - aber sie kämpft - wie früher auch - und siehe da: Lüttich ist sichtbar auf dem Wege der Besserung. Ueberall werden kühne
Projekte aus dem Boden gestampft und die Stadt kann ihre grossartigen Visionen eines wichtigen europäischen Gemeinwesens immer gezielter
verwirklichen. Hierzu gehört nichtzuletzt eine reibungslose Anbindung an das (europäische) Verkehrsnetz, wie sich diese u.a. manifestiert
mit der kürzlichen Eröffnung der beiden Autobahntunnel von Cointe ("Liaison E 40-E 25 à Liège), dem Neubau des TGV-Bahnhofs
Guillemins sowie dem Kahlschlag quer durch die Stadt (im Stadtteil Grivegnée vor allem) für die TGV-Betonstrecke Brüssel-Lüttich-Köln,
den Autoschnellstrassen entlang den Ufern von Maas, "Dérivation"-Kanal und Ourthe oder auch dem unentwegten Ausbau des (vorerst
noch) Fracht-Grossflughafens Bierset. Und nicht zu vergessen die Modernisierung des Lütticher Hafens, der mit einer (Kai-)Gesamtlänge
von mehr als achtundzwanzig Kilometer entlang der Maas immerhin - nach Duisburg - der zweitgrösste europäische Binnenhafen ist - eng
damit verknüpft ist hiermit auch der Ausbau des Albertkanals für die Schubschiffahrt bis 9000 to. Dieser für Lüttich immens
wichtige Kanal wurde am 30. Juli 1939 offiziell für die Schiffahrt eröffnet und mit einer am Eingang des Kanals im Hafengebiet von Moncin
aufgestellten, riesigen Statue (mehr als acht Meter hoch) des in Belgien hochverehrten Königs Albert I (1875-1934, stürzte 1934 tödlich
ab an einem Maasfelssen bei Marche-les-Dames) eindrucksvoll markiert. Dieser steinerne Riese weist übrigens in ihrer wahrhaftigen Monumentalität
eine verblüffende Affinität auf zu den überaus vielen Ardennen- und Stadtriesen der Wallonie - denn die Belgier - und hier ganz
besonders die Wallonen - lieben das "grosse Theater"...! Dies dürfte auch zutreffen für die etwas weiter flussabwärts
gebaute gigantische "Pont de Wandre", wo gleichfalls einen weiteren Beweis der bereits angesprochenen belgischen Ingenieurskunst geliefert
worden ist - die abends angestrahlte Hängebrücke hängt an einem einzigen 70 m hohen Y-Pylon und hat - da sie Maas und Albertkanal
zusammen überspannt - eine Länge von nicht weniger als 524 m.
Ja, in Lüttich ist was los und das merkt man vor allem, wenn man sich der Stadt aus Richtung Maastricht auf der "Autoroute
du Soleil" (E 25) nähert: Nach der Grenzpassage, wo das typische gelbrote (wallonische) Willkomensschild "Wallonie: terre d'accueil"
(mit dem gallischen Hahn) bereits Neugierde weckt (weil dort eigentlich durch einen schmalen Streifen "Voerstreek" zuerst Region Flandern
ist), tauchen ab Visé, direkt neben der gestauten Maas, bereits die ersten einstigen und gegenwärtigen Zeignisse Lüttichs als
Industriestadt auf. Am Horizont wird die typische Silhouette der Hügelkette rundum Lüttich allmählich sichtbar: es sollen, wie
in Rom, sieben Hügel sein, aber hinzugekommen sind die diversen (künstlichen) Steinberge ("terrils") des ehemaligen Kohlenreviers
auf der "rive gauche" bei Herstal (Chertal) - der riesige Steinberg bei Seraing, im Süden der Stadt, wurde dagegen bereits vor
längerer Zeit völlig abgetragen. Und der riesige Stahlwerkkomplex von "Cockerill-Sambre Site de Chertal" (inzwischen vom spanischen
Stahlmulti Arcelor übernommen) zeigt mit seiner hoch aufsteigenden Rauch- und Dampffahne über den riesigen Fabrikkasten an, dass hier
die (industrielle) Vergangenheit Lüttichs (noch) nicht vorbei ist.
Haftenbleiben tun in diesem Zusammenhang auf der "rive droite" auch die Ruinen der S.C.A.R.-Fabrik direkt an der
E 25-Autobahn sowie das riesige, verfallene Zechengebäude samt massivem Betonfahrstuhlschacht in Cheratte, gleichfalls direkt neben der "Autoroute
du Soleil". Auffälliger Blickfang auf dieser Seite der Maas sind hier auch das wie ein mittelalterliche Burg am Maashang gebaute Verwaltungsgebäude
(mit Zinnen!) der einstigen Zeche sowie etwas weiter der massive Kasten der Jupiler-Brauerei in Jupille, die übrigens - wie sein Kastenpendant
auf der anderen Maaseite - jetzt gleichfalls im Globalisierungprozess einbezogen worden ist (Interbrew-Multi als neuer Eigner). Der Versuch allerdings
an dieser Stelle die beiden Industriekathedralen von Herstal und Jupille sowie den Geburtsort Karls des Grossen hier irgendwo (die Maas verlief
im frühen Mittelalter anders) im gedanklichen Sinne zu koordinieren ist und bleibt immer wieder eine logistische Herausforderung par excellence
- aber es ist die Wahrheit: Hier (in der direkten Nähe Lüttichs) erblickte Karl der Grosse (Charlemagne, Carolus Magnus) einst am 2.
April 747 das Licht der Welt...!
Wer dann ins alte Zentrum Lüttichs ("Coeur Historique") hinein möchte, fährt am besten über
die "Pont de l'Atlas V"-Brücke auf das linke Maasufer (Achtung: entlang der Maas zwei unterschiedliche Schnellstrassen verbindungslos
nebeneinander) und versucht bereits hier einen Parkplatz auf der "rive gauche" zu finden - beispielsweise am "Quai de la Batte",
wo am Sonntagmorgen immer der berühmte "La Batte"-Flohmarkt (angeblich der längste Europas) abgehalten wird. Diese einzigartige
Manifestation eines Marktes, wo es wirklich alles mögliche zu kaufen gibt - von Trödelkram und Antikem über Früchten und Blumen
bis zu lebenden Tieren - wird in niederländischen Gefilden als "Luikse markt" tituliert bzw. beworben und ist seit einigen Jahrhunderten
als Synoniem par excellenc für die Eigenart Lüttichs bekannt. Denn da findet man auch wieder in konzentrierter Form das undefinierbare
"Etwas", das "je ne sais quoi"-Gefühl zurück, dass so typisch ist für die Atmosphäre in dieser Stadt:
laut, aufbrausend, unberechenbar aber immer herzlich und aufgeschlossen - wie die Wallonen in dieser ihrer "cité ardente" ("feurige
Stadt") nun mal sind. Diese uralte Bezeichnung Lüttichs geht übrigens zurück auf die schrecklichen Ereignisse in 1468, als
der burgundische Herzog Karl der Kühne Lüttich völlig zerstört und plattgebrannt hatte - die Stadt soll noch wochenlang gelodert
haben... Aber auch während der Glanzzeiten der Industriellen Revolution mit iheren vielen Feuern der Hoch- und Cokesöfen konnte eine
solche Assoziation durchaus aufgekommen sein: die "feurige Stadt der Wallonen" eben...!
Beim Ueberqueren der Maas wird weiter klar, dass Lütich eine sozusagen vertikale Stadt ist, jedenfalls direkt links
und rechts der Maas und des "Dérivation"-Kanals, wo - nur durch Schnellstrassen vom Wasser getrennt - zahlreiche Hochhäuser
(manchmal bis 24 Stockwerke hoch) ein überaus "städtisches" Bild vermitteln - ganz anders als im behäbigen Maastricht
mit seiner flachen baulichen Struktur. In davorliegenden Zeiten strebte Lüttich zudem nicht nur mit der gewaltigen St.Lambertuskathedrale
in die Höhe, sondern auch mit zahllosen anderen Kirchbauten, die ihr im Mittelalter den Titel "Stadt der hundert Kirchtürme"
eintrugen - heute sind es eben die Hochhäuser ihren Wasserstrassen entlang, die Lüttich eine so unverwechselbare städtische Silhouette
vermitteln. Zwar macht die Stadt - so sagen viele ihrer "Kritiker" - einen nicht gerade harmonischen Eindruck (auch das Adjektiv "hässlich"
wird gerne mit Lüttich verbunden), aber das nimmt nicht weg, dass Lüttich dennoch ein sehr besonderes, apartes Ambiente ausstrahlt,
das schon sehr eigen ist. Nichtzuletzt wenn man von oben - beispielsweise von der hoch über der Stadt gelegenen Zitadelle, bzw. von den Anhöhen
des angrenzenden "Coteaux de la Citadelle" oder auch vom Interalliierten-Monument auf dem Cointe-Hügel - herabblickt, bietet sich
ein faszinierendes Panorama von Stadt und Maas: Besonders bei Nacht sollte man sich diesen einmalige Genuss der "Lichterstadt an der Maas"
gönnen. Nicht umsonst wird Lüttich auch als "Paris an der Maas" tituliert und der französische Schriftsteller Alexandre
Dumas (1802-1870) meinte gar (frei übersetzt): "Lüttich, ein Stückchen Frankreich verloren in Belgien" - schön gesagt...!
Gleichzeitig haben wir mit den vorstehenden Ausführungen einen weiteren Beitrag geliefert zu unseren ersten Behauptung,
Lüttich sei eine "Stadt der Kontraste", denn im alten Stadtzentrum ("Coeur Historique"), wo der "Place Saint-Lambert"-Platz
den historischen und vorallem traditionellen Kern der Stadt darstellt, herrscht eine wesentlich flachere Bausubstanz vor. Hier stand einst das
riesige Bauwerk der St.Lambertuskathedrale ("la Cathédrale Saint-Lambert"), die - ähnlich gross wie die Pariser Notre Dame
- in 1792 von den Lüttichern selbst (also nicht von den französischen Revolutionstruppen!) in Schutt und Asche gelegt worden war - sozusagen
als symbolische Enthauptung des entkommenen Fürstbischofs.
Die riesige Freifläche, die fast zweihundert Jahre lang als "historische Narbe" im (alten) Zentrum Lüttichs
zurückgeblieben war, wurde niemals überbaut aber in den letzten Jahren räumlich "renoviert" und verkehrstechnisch "geordnet"
- wahrlich keine architektonische Glanzleistung, denn irgendwie fehlt dem Platz eine eigene Austrahlung, das gewisse "etwas", das beispielsweise
den Maastrichter "Vrijthof"-Platz so unverwechselbar atmosphärisch macht. Wir finden hier die gleiche Problematik vor wie beim
Berliner Schlossplatz mit seiner riesigen Freifläche (DDR-Zerstörung des Berliner Stadtschlosses) und - ähnlich wie in der Stadt
an der Spree - fand 2000 in der Stadt an der Maas ein entsprechendes "Nachbau"-Projekt statt. Hier wurde auf dem "Place Saint-Lambert"-Platz
unter dem Motto "Le Choeur de Liège au Coeur de Liège" (der Chor Lüttichs im Herzen Lüttichs) die einstige Kathedrale
teilweise rekonstruiert und zwar mit einer Stahlgerüstkonstruktion samt weisser Kunststoffverkleidung à la Christo - bei der abendlichen
Anstrahlung ein wahrhaft märchenhafter Anblick...! Wer sich allerdings für die ganze Kathedrale interessiert, kann sich einen Eindruck
verschaffen im "Museum für Religiöse und Maasländisch Kunst" unweit des "Place Saint-Lambert"-Platzes: dort
findet sich ein detailliertes Modell der "Cathédrale Saint-Lambert" sowie eine reichhaltige Dokumentation über den Lütticher
Stadtheiligen St.Lambertus. Interessant dürfte sein, dass auf einem Gemälde der Gebrüder van Eyck aus dem Jahre 1418 die St.Lambertuskathedrale
eine überaus dominierende Position im abgebildeten Stadtpanorama einnimmt - man erkennt weiter deutlich die malerische Lage der (Alt-)Stadt
mit der majestätischen "Pont des Arches"-Brücke über die breite Maas sowie die unglaubliche Anzahl von Kirchen ("Stadt
der hundert Kirchen"). Im Berliner Kunstmuseum hängt das "Van Eyck"-Bild "Madonna in der Kirche", wo ganz offensichtlich
das Interieur der St.Lambertuskathedrale abgebildet ist - und wer nun wirklich noch mehr wissen möchte über diese einstige Kirche von
europäischem Format, kann dies im Artikel Pierre Lavedans "Les Van Eyck, peintres de Liège et de sa cathédrale" (Liège
1956), publiziert in der Zeitschrift "La Vie Urbane" (Université de Paris 1957), nachlesen. Denn es darf zweifellos festgestellt
werden, dass die Kathedrale für die Stadt Lüttich zumindest genauso bedeutsam gewesen ist wie die St.Servatiusbasilika für Maastricht,
bzw. der Aachener Dom für Aachen - im Städtedreieck Maastricht-Aachen-Lüttich finden wir somit auch über die Grösse und
die Bedeutung der kirchlichen Bauten eine grosse Affinität der drei Gemeinwesen.
Ein anderes riesiges, jedoch wesentlich flächeres Bauwerk, das der "Place Saint-Lambert"-Platz bis heute den
historischen Bezug gegeben hat, ist der einstige, mächtige Palast der Fürstbischöfe, in dem heute die Justizbehörde (u.a.
durch den Untersuchungsrichter zuständig für den "Fall Dutroux!) und die Provinzregierung residieren. Das im 16. Jahrhundert neu-
bzw. wiederaufgebaute und später vergrösserte Gebäude ist eines der meist typischen baulichen Monumente Europas nördlich der
Alpen und erinnert in seiner Massivität, mitten im Zentrum, höchst eindrucksvoll an die einstige, enge Verzahnung von Staat und Religion
in dieser Stadt bzw. im Fürstbistum. Der uns bereits bekannte französische Exil-Schriftsteller Victor Hugo (1802-1885) sagte bei einem
damaligen Besuch des Palastes: "Nirgendwo habe ich ein architektonisch befremdlicheres, verdriesslicheres (!) und prachtvolleres Ganzes gesehen"
- und zielte dabei sicherlich nicht nur auf die hier vorhandene Mischung diverser Baustile wie Gotik und Renaissance, sondern auch auf die Abgeschiedenheit
und Stille der beiden völlig in sich gekehrten Innenhöfe, die wie eine (digitale) Acht aneinander gebaut sind. Der erste, grössere
Innenhof weist diesbezüglich mit seinen Galerien nach italienischer Art insgesamt sechzig Säulen mit unterschiedlichen Motiven auf,
während der zweite, kleinere und dadurch intimer wirkende Palasthof gerne von den jeweiligen Fürstbischöfen zu klösterlichen
Meditation genutzt wurde - beide Innenhöfe sind heute nur begrenzt zugänglich.
Im angrenzenden "Quartier du Nord" finden wir sodann eine kilometerlange Parallelstrasse zur Maas, die in Coronmeuse
beginnt und beim fürstbischöflichen Palast endet - sie ist unterteilt in der "Rue Saint-Léonard" und der berühmten
"Féronstrée"-Strasse und erweitert sich vor dem Palast zum Marktplatz, wo mit dem "Perron" (Freitreppe) und
dem Rathaus "La Violette" (das Veilchen) die beiden Symbole der städtischen bzw. bürgerlichen Freiheiten angesiedelt sind.
Beide Objekte sind unauflöslich verbunden mit dem unbändigen Freiheitswillen der Lütticher durch die Jahrhunderte hindurch, was
im rot-goldenen Stadtwappen zusätzlich demonstriert wird durch die beiden Grossbuchstaben "L" un "G" links und rechts
des Perronsymbols: "L(IBERTAS) G(ENTIS)" oder (frei übersetzt) "Volkes Freiheit".
Die Féronstrée war ein echter (mittelalterlicher) Verkehrsader zum Zentrum Lütichs, der von vielen, teils
noch erhalten gebliebenen Bauten umsäumt wurde und seinen Namen den vielen Feuerstellen der Schmieden entlang der Strasse entlehnte. Heutzutage
jedoch machen die "Rue Saint-Léonard" aber auch die Féronstrée einen sehr widersprüchlichen Eindruck, wozu
nichtzuletzt das äusserst kontrastreiche, typische Fassadenbild von alt und neu nebeneinander (meistens ohne jegliche Abstimmung aufeinander!)
und die oft heruntergekommene (historische) Bausubstanz das ihrige beitragen. Dieser Sachverhalt dürfte jedoch gleichzeitig einen Beitrag
liefern zum bereits erwähnten Lüttich-Bild als "Stadt der Kontraste" - diesmal somit das mehr scheinbare als wirkliche Chaos
von alt und neu, speziell im als "Coeur Historique" bzw. "Quartier du Nord" bezeichneten (alten) Stadtzentrum. Wer allerdings
Gefühl hat für eine solcherart durcheinander gewirbelte "städtische Struktur im Umbau", findet in Lüttich ein wahres
Dorado an baulichen Schätzen, die nichtzuletzt in den angrenzenden Seitengässchen mehr oder weniger vor sich hindämmern - bis sie
irgendwann entweder renoviert oder gnadenlos abgerissen werden...!
Die Stadt wird dadurch - wie bereits zu Anfang dieses Kapitels gesagt - zu einer einzigen Entdeckungsreise, auch für
die Lütticher selbst, von der ein (gelungener) Tourismus-Slogan einst verkündete, dass auch diese immer "Touristen in der eigenen
Stadt blieben" - wie wahr...! Man muss sich jedoch die Zeit nehmen alle jene Schätze eines einzigartigen geschichtlichen und baulichen
Erbguts erst mal zu finden und anschliessend auf sich einwirken zu lassen: die Stadt Lüttich ist es jedenfalls wert auf einer solchen Trasse
der Neugierde allmählich erkundet zu werden und damit anzufangen geht am besten im (alten) Zentrum. Schade ist nur, dass das Gebiet - wie
auch auf der anderen Maasseite im "Longdoz"-Viertel - zum Tummelplatz gesellschaftlicher Randgruppen geworden ist und das touristische
Ambiente dadurch nicht gerade gefördert wird - obwohl ein wenig "Bronx" ja auch zur Attraktivität einer Stadt beitragen kann
(in Lüttich jedoch leider etwas zuviel des Guten!).
Wir finden in diesem "Coeur Historique"- bzw. "Quartier du Nord"-Viertel überaus viele hochinteressante
Museen (von denen Lüttich mehr als zwanzig besitzt) aber nichtzuletzt auch Kirchen, von denen insbesondere die "collégiale Saint-Barthélemy"
am nördlichen Ende der Féronstrée über eine echte Rarität verfügt - hier steht das weltberühmte Messingtaufbecken
von Renier de Huy ("les fonts baptismaux de l'ancienne collégiale romane Saint-Barthélemy" - man achte auf die Mehrzahl...).
Dieses Taufbecken, das bis heute noch immer zum Taufen gebraucht wird, stand ursprünglich in der zur St.Lambertuskathedrale gehörenden,
kleinen Pfarrkirche "Notre-Dame-aux-Fonts" und bei den Ereignissen der Französischen bzw. Lütticher Revolution wurde nicht
nur die Kathedrale, sondern auch diese "Taufkapelle der Stadt" verwüstet - das Taufbecken jedoch konnte (teilweise) vor der Zerstörung
gerettet werden, wobei allerdings der Deckel und zwei der Ochsenfiguren der Sockelkonstruktion verloren gingen. Nach dem 1801 mit Konsul Napoleon
abgeschlossenen Konkordat über die Wiedereinsetzung der katholischen Kirche in den gesellschaftlichen Bereich, gelangte das in einer Privatwohnung
versteckte Taufbecken dann 1804 in die jetzt als Pfarrkirche bestimmte Bartholmäusstiftskirche.
Ueber die Herkunft des Beckens sind durch die Anwendung moderner materialtechnischer Untersuchungsmethoden inzwischen erhebliche
Zweifel entstanden - denn die in 1993 ausgeführten Laborforschungsarbeiten haben bewiesen, dass das in der Metallmischung enthaltene Blei
aus dem spanischen Mittelmeerraum stammt, während andere eindeutig maasländische Messingarbeiten immer nur Blei aus der Umgebung enthalten.
Während die (bisherige) Theorie besagt, dass es sich beim Lütticher Taufbecken um ein maasländisches Meisterwerk vom Goldschmied
Renier de Huy (auch der Kupferschläger Lambert Patras wird manchmal genannt) handelt, das unter Umständen im Maasland mit Hilfe oder
unter Einfluss byzantinischer Künstler in der Periode 1107-1118 gegossen wurde (die kulturelle Ausstrahlung Konstantinopels im Heiligen Römischen
Reich Deutscher Nation war zu jenen Zeiten enorm), sieht eine (neue) Theorie dies jetzt anders. Diese geht davon aus, dass das Taufbecken Ende
des 10. Jahrhunderts im Auftrage des Kaisers Otto III von byzantinischen Künstlern gegossen wurde und zu Anfang des 12. Jahrhunderts von
Lütticher Soldaten geraubt und in die Taufkirche "Notre-Dame-aux-Fonts" gebracht worden ist. Von diversen Kunstwissenschaftlern
der Universität Lüttich (u.a. Pierre Colman, Berthe Lhoist-Colman und Joseph Philippe) sind übrigens diverse Publikationen über
dieses Meisterwerk maasländischer Kunst (eines der sieben Wunder Belgiens) erschienen, die auch u.a. in den "Aachener Kunstblätter"
(v. 52, 1984, p.151-186 und v. 53, 1985, p.77-104) nachzulesen sind.
Auf dem Platz direkt vor der Kirche finden wir, im schrillen Gegensatz zum mittelalterlichen Kleinod innendrin, das aus gewalztem
Stahl gefertigte Kunstwerk "Les Principautaires" (1992) von der renommierten Lütticher Künstlerin Mady Andrien: Auf einer
abschüssigen Fläche aus Stahlplatten sind auf der oberen Seite zwölf aus dem gleichen Material geschnittenen, majestätischen
Bischofsfiguren mit Mitra und Krummstab aufgestellt , während auf der unteren Seite etwa zwanzig (kleinere) Figuren (mit Hund) in tanzenden
Positionen das Volk Lüttichs darstellen. In der dargestellten Formation soll das Herrschaftsverhältnis der Fürstbischöfe zu
ihrem Volk versinnbildlicht werden oder wie es auf der daneben aufgestellten Tafel heisst: "Les Principautaires, met en scène de notables
ecclésiastiques contemplant hiératique la liesse exprimé par la farandole des gens du peuple usw."). Aufgestellt wurde
das rostige Kunstwerk durch die "Groupe Cockerill Sambre", die damit 1992 den 175-sten Jahrestags des Kommens von John Cockerill in
die Stadt Lüttich dokumentieren wollte - zudem sollten damit die Lütticher Eisen- und Stahlwerker geehrt werden. Die Frage sei jedoch
erlaubt ob die Stadt Lüttich nicht einen anderen, besser geeigneten Platz hätte anbieten können, bzw. die Cockerill-Gruppe nicht
besser ein nicht-rostendes Stahlkunstwerk hätte bestellen können - so wird man unangenehm berührt vom heruntergekommenen, verrosteten
Anblick des (originellen) Kunstwerks (und wird man sofort erinnert an das gleichfalls unzulänglich gefertigte bzw. aufgestellte Euro-Monument
Maura Biavas in Maastricht...).
An der "Rue Hors-Château", einer Parallelstrasse zur Féronstrée unmittelbar am Fusse des Zitadelle-Hügels,
finden wir sodann die berühmte Treppenstrasse "Montagne de Bueren" (373 Stufen), auf der die - wie bereits an anderer Stelle vermerkt
- 1468 die Kohorte von sechshundert Franchimontern ihren aussichtslosen Kampf gegen die Uebermacht der Truppen Karls des Kühnen geliefert
hatte. Oben auf dem Berg befinden sich heute ein riesiger Krankenhauskomplex sowie ein eindrucksvolles Kriegsmonument, das mit seiner gigantischen
Engelsfigur sowohl an die Gefallenen beider Weltkriege als auch an die zahlreichen im Zitadellegraben erschossenen Widerstandskämpfer ("Enclos
des Fusillés") erinnert - von hieraus kann man zudem - wie bereits zu Anfang gesagt - einen wirklich atemberaubenden Blick über
die Stadt werfen, sowohl am Tage als in der Nacht...!
Eine andere Besonderheit an der "Rue Hors-Château" ist schliesslich noch die alte Redemptoristenkirche ("ancienne
église Saint-Gérard"), die mit ihrer üppigen roten Barockfassade immerhin eine äusserlich Reminiszenz an die bayerische
Vergangenheit Lüttichs aufweist: Im Wappenschildrelief über das Eingangstor (heute ist das (christliche)Gebäude ein Buddhistentempel!)
finden wir das blauweisse, bayerische Rautenmotiv angebracht. An die Tatsache, dass viele der Lütticher Fürstbischöfe aus Bayern
kamen, hat lange in Outremeuse, auf der anderen Maaseite, das Bayern-Krankenhaus erinnert, das inzwischen abgerissen worden ist (nur noch eine
Kapelle erhalten geblieben) - ansonsten gibt es nur noch wenige Erinnerungen an die bayerischen Wurzeln Lüttichs (wie beispielsweise der
als "Oktoberfest" bezeichnete grosse Herbstjahrmarkt im Stadtzentrum)
Auch die im Publémont hoch über die Stadt ragende, hellgraue "basilique Saint-Martin" (Martinsbasilika)
ist eine echte Lütticher Besonderheit: Es ist dies eine ehemalige, im 10. Jahrhundert gegründete Stiftskirche, die 1312 - anlässlich
der als "Mal Saint-Martin" in der Lütticher Chronik eingegangenen Schlacht zwischen Adel und Volk - von letzterem in Brand gesteckt
wurde. Beim allmählichen Wiederaufbau der Kirche entstanden Schiff und Chor in der gotischen Periode und der massive Turm zu Anfang des 15.
Jahrhunderts - im Innern gibt es zudem ausserordentlich vielfaltige religiöse Darstellungen und Monumente, für die man sich Zeit nehmen
sollte: sie sind es wirklich wert in Ruhe erkundet zu werden.Ebenso sind in der Martinsbasilika Reminiszenzen hinsichtlich des hier entstandenen
Fronleichnamsfestes aufzufinden, insbesondere über die daran zugrundeliegende Vision der Nonne Juliana von Lüttich im Jahre 1246 - anschliessend
wurde das Fronleichnamsfest (2. Donnerstag nach Pfingsten) als hoher katholischer Feiertag weltweit eingeführt, nichtzuletzt auch durch Zutun
des Papstes Urbanus IV, der in Lüttich Erzdiakon gewesen war.
Selbstverständlich ist es unmöglich im Rahmen dieses Lüttich-Kapitels auf sämtliche Kirchen der Stadt
Bezug zu nehmen - obwohl es sehr interessant wäre, da sie ein ungemein vielfältiges (kunst-)geschichtliches Bilderbuch der Vergangenheit
Lüttichs darstellen. So beispielsweise bei der imposanten "la Cathédrale Saint-Paul" im (neuen) Stadtzentrum, wo auf dem
Türsturz über dem Eingang die (übersetzte) Inschrift "Lüttich, Tochter der römischen Kirche" steht. Diese erinnert
daran, dass Lüttich mehr als achthundert Jahre Hauptstadt eines kirchlichen Fürtstentums war, was wiederum überaus tiefe Spuren
in Geschichte und Landschaft zurückgelassen hat: "Paradies der Priester" und - wie wir bereits wissen - "Stadt der hundert
Kirchtürme" waren nur einige Bezeichnungen für das "Athen des Nordens". Die St.Paulskathedrale selbst hat dabei eigentlich
die Funktion der St.Lambertuskathedrale übernommen und wurde 1801 ( nach dem Konkordat) von einer ehemaligen Stiftskirche zum Dom erhoben
- gegründet wurde die Kirche im 10. Jahrhundert, während in der gotischen Periode ein Neubau erfolgte, der Mitte des 19. Jahrhunderts
nochmals völlig restauriert worden ist. Sie beinhaltet viele Kunstschätze, u. a. Kirchenfenster aus dem 16. Jahrhundert, erlesenes Mobiliar
aus dem 19. Jahrhundert sowie eine barocke Christusfigur aus weissem Carrara-Marmor von Jean Del Cour - in der inzwischen völlig erneuerten
und vollständig in die Kirchenbauten integrierte Domschatzkammer ("Trésor de la Cathédrale de Liège") gibt
es auf drei Etagen einen wunderbaren Querschnitt durch die Geschichte und die Kunst des ehemaligen Fürstbistums Lüttich. Wir finden
hier u. a. Elfenbeinarbeiten aus dem 11. Jahrhundert, eine sehr schöne Reliquiarbüste des St.Lambertus (vom Aachener Goldschmiedemeister
Hans von Reutlingen) sowie - neben weiteren kostbaren Goldschmiedearbeiten - ein merkwürdiges Goldreliquiar, das einst geschenkt wurde vom
burgundischen Herzog Karl dem Kühnen - wohl aus den gleichen Schuldgefühlen wie dies hundert Jahre später auch Alexander von Farnese
mit dem goldenen Brustreliquiar von St.Servatius in Maastricht tun würde...
Auf dem "Place de la Cathédrale" hat man einen schönen Blick auf den Dom, allerdings wird man auch
hier - genauso wie in Aachen mit dem potthässlichen Bau der Stadtverwaltung auf dem Katschhof zwischen Dom und Rathaus - irritiert durch
einen geradezu auf die Kirche gesetzten Geschäftsbau mit vertikalen Fassadenrippen - von Harmonie und bauliche Abstimmung ist hier wenig
zu spüren. Versöhnt wird man dann allerdings wieder mit einem mit der Jungfrau Maria und dem Jesuskind geschmückten Brunnen von
Jean Del Cour aus dem Jahre 1695, der diesem Zentrumsplatz - zusammen mit dem riesigen, runden Blumenbeet vor der Kathedrale und den vielen Cafè-
und Bistrot-Terrassen - ein überaus attraktives "dolce far niente"-Ambiente verschafft.
Uebrigens ist das Viertel um die St.Paulskathedrale herum nicht nur das Shopping- und Amusementsviertel Lüttichs par
excellence, sondern verfügt über eine überaus interessante bauliche Geschichte - hier befand sich einst im Mittelalter eine von
der restlichen Stadt getrennte Insel zwischen einem (runden) Nebenarm der Maas und dem Hauptfluss selbst. Die im 19. Jahrhundert nach dem Zuschütten
des Nebenarms entstandenen, heutigen Boulevards ("Boulevard d'Avroy" und "Boulevard de la Sauvenière") folgen dem früheren
Laufe dieses Nebenflusses (in einem Bogen rundum die Insel) genau, während auch einige Strassennamen noch auf diese früher Insellage
hinweisen (wie beispielsweise "Vinâve d'Île" (Inselviertel) oder "Pont d'Île" (Inselbrücke)). Ebenso
erinnern etliche Strassennamen an religiöse Orden, da sich hier seit dem Mittelalter zahlreiche Klöster und Stifte angesiedelt hatten
und weisen die Fassaden der Häuser, in denen heute viele Geschäfte und Gastronomiebetriebe untergebracht sind, gleichfalls auf diese
alte (mittelalterliche) Vergangenheit hin. Diese ältere Bausubstanz braucht sich dabei durchaus nicht hinter den luxuriösen, jüngeren
Bauten der Nachbarschaft, die vom reichen Bürgertum des 19. Jahrhundert errichtet wurden, zu verstecken - allerding bestätigt Lüttich
auch hier wiederum seinen Ruf als "Stadt der Kontraste" (wie wir gesehen haben leider auch in der unmittelbaren Nachbarschaft der Kathedrale).
Nichtzuletzt auch, da in diesem "Le Carré"-Viertel etliche Kriminalromane des grossen Lütticher Schriftstellers Georges
Simenon und seines pfeifenrauchenden Kommissars Maigret spielen - es haftet diesem (geschäftigen) Zentrumsviertel somit auch noch eine (welt-)literarische
Komponente an. Nebenher sei noch erwähnt, dass sich hier mit der "Passage Lemonnier" die allererste Einkaufspassage Belgiens befindet
und die dortige Fussgängerzone einst über längere Zeit als die grösste Europas galt - immerhin...!
Wer Lüttich besucht, sollte jedoch auch Kenntnis nehmen von der allgegenwärtigen Industriestruktur vor allem im
Süden der Stadt - denn hier, in Seraing und Ougrée, trifft man die vielen anderen Industrie-Kathedralen des Stahlgiganten Cockerill-Sambre,
die das Bild Lüttichs besonders in dieser Ecke seit mehr als hundertfünfzig Jahren prägen. Hier befinden sich die Hochöfen,
die das Herzstück der wallonischen Stahlindustrie bilden und das Gussstahl liefern für das hochmoderne Breitbandwalzwerk in Herstal
(Chertal) im Norden der Stadt. Hierzu fährt etwa zwanzig Mal pro Tag der "acier-express" mit fünf "torpedo"-Waggons,
gefüllt mit insgesamt hundertzwanzig Tonnen glühendem Gussstahl von 1450° C Hitze, bereits seit vielen Jahrzehnten quer durch die
(dichtbevölkerte) Stadt und Proteste dagegen gibt es keine - denn Lüttich ist noch immer eine echte Stahlstadt und die Einwohner haben
sich gewöhnt an den "acier-express" mit seinen Thermoswaggons und dem siedendheissen Frachtgut. Hierzu sei erklärend gesagt,
dass sich in Herstal ein auch im europäischen Vergleich hochmoderner Walz- und Giesserei-Komplex befindet, wo im hochproduktiven Breitbandwalzwerk
das angelieferte Rohprodukt bei einer Temperatur von etwa 1000° C zurückgebracht wird auf eine Plattenstärke von 30 mm. Nach diesem
sogenannten "Warmwalzen" werden diese Stahlplatten dann zu 1.2 bis 15 mm starkem Stahlblech weitergewalzt für die Fertigung vieler
alltäglicher, industrieller "Gebrauchsartikel" (Autos, Haushaltmaschinen, Kühlschränke aber auch Leitplanken usw.) -
einen Arbeitsprozes, über den der an Endprodukten gewohnte Mensch sich heutzutage kaum noch Gedanken macht...
In 2002 hat der spanische Stahlgigant Arcelor, der als europäische Nr. 1 über Niederlassungen in Spanien, Deutschland,
Frankreich, Luxemburg und Belgien verfügt, die wallonische Stahlindustrie von Charleroi und Lüttich übernommen - und jetzt ist
Rationalisierung angesagt! Denn es wird immer noch zuviel Stahl in Europa produziert und nach dieser Vorgabe sollen demnächst auch Produktionsanlagen
von Cockerill-Sambre in der Wallonie endgültig dichtgemacht werden - und damit voraussichtlich auch wohl in der Agglomeration Lüttich.
Jedenfalls hat Arcelor, entstanden aus der Fusion der französischen Usinor (als Muttergesellschaft von Cockerill-Sambre), der luxemburgischen
Arbed und der spanischen Arcelia, schon mal mit einer massiven Personalbestandsreduzierung von zwanzig Prozent das Messer in die wallonische Stahlindustrie
gesetztz. Von den insgesamt 10'000 Arbeitnehmern in den Hochöfen und Stahlfabriken von Cockerill-Sambre müssen in der Folge mindestens
2'000 - teilweise über Frühpensionierungsregelungen mit staatlicher Unterstützung bereits ab 52 (!) Jahren - ihren Hut nehmen und
derart scheint sich das aus den achtziger Jahre bereits bekannte Stahldrama der Wallonie nochmals zu wiederholen - dies, obwohl seit Ende der
fünfziger Jahre - als die Wallonie ein Synoniem für Eisen und Stahl war - bereits die vielfältigsten, oft knallharten Rationalisierungs-,
Umstrukturierungs- als auch Stilllegungspläne realisiert worden sind.
Cockerill-Sambre - 1817 mit staatlicher und auch privater Finanzhilfe seitens König Wilhelm I von Oranien-Nassau vom
schottischen Unternehmersohn John Cockerill im ehemaligen prinzbischöflichen Sommerschloss zu Seraing gegründet - wurde im Laufe der
Zeit zum Begriff in der europäischen Eisen- und Stahlindustrie - das Unternehmen entwickelte sich zu einem der grössten Konzernen Europas
mit vielen Hochöfen, Cokesfabriken, Giessereien, Walzwerken und Stahlfabriken und mit einer überaus langen Tradition. Interessant in
diesem Zusammenhang dürfte der Umstand sein, dass in den fünfziger und sechziger Jahren - als die Montanindustrie boomte - auch viele
Fremdarbeiter geholt werden mussten, allen voran die Italiener, sodass damals mehr als vierzig Prozent der Bevölkerung Seraings Italienisch
sprach. Heute, zwei Generationen später, ist dies immer noch mehr als fünfundzwanzig Prozent und damit eine interessante soziologische
Brücke zu den italienischen Wurzeln der Lütticher (Staats-)Kirche geschlagen - wir erinneren an die Inschrift "Lüttich, Tochter
der römischen Kirche" über den Eingang der St.Paulskathedrale.
In den sechziger und siebziger Jahren wurde Cockerill-Sambre logischerweise auch zum Symbol des Verfalls der einst so starken
wallonischen Stahlindustrie - Massenentlassungen ind Stilllegungen waren an der Tagesordung. In den achtziger Jahren sollte sich im Maastal allerdings
ein kleines "Wirtschaftswunder" ereignen, als es dem französischen Krisenmanager Jean Gaudois gelang - im Rahmen eines (erneuten)
Umstrukturierungskonzept und durch die Spezialisierung auf hochwertiges Stahlblech (Stahlverkleidung) - mit nur noch 10'000 Mitarbeitern (von
einst 22'000!) wieder schwarze Zahlen zu schreiben - Cockerill-Sambre schien (vorerst) gerettet...! Doch weltweiter Ueberproduktion und zunehmende
Billigkonkurrenz aus Japan und Südkorea sollten schon bald wieder die Erfolge der wallonischen Stahlindustrie an der Maas zunichte machen
- Ende der achtziger Jahre kam Cockerill-Sambre gar - allerdings gegen Auflagen - in die Hände der französischen Usinor (die für
einen Kaufpreis von 0.65 Milliarden Euro u.a. "Hoogovens" (Niederlande) und ThyssenKruppStahl (Deutschland) ausgebootet hatte. Nachdem
die wallonische Regierung - die noch Ende des neunziger Jahre fünfundachtzig Prozent der Anteile an Cockerill-Sambre hielt - damit ihre staatlichen
Interessen nahezu völlig abgebaut hatte, ist das Sanieren für den neuen Eigentümer Arcelor heute nochmals wesentlich vereinfacht
worden: "shareholder value"-Interessen und machtlose Gewerkschaften werden wohl bald das Aus für den "acier-express"
einläuten... Genauso wie dies bereits vor Jahren geschehen ist mit dem Steinkohlebergbau in der Agglomeration Lüttich - von dieser einstigen
"schwarzen Vergangenheit" zeugen nur noch wenige "terrils" sowie im Raume Seraing-Ougrée ständige Versackungen
des Bodens, was dazu geführt hat, dass die dortigen Maasdeiche fortwährend erhöht werden müssen. Man findet somit nahezu keine
Erinnerungen mehr an diesen einst für die Agglomeration Lüttich äusserst wichtigen Wirtschaftszweig und man muss heute bis nach
Blegny-Mine, nordöstlich von Lüttich im Land von Herve gelegen, fahren um "fündig" zu werden: Hier ist eine voll funktionsfähige
Steinkohlengrube erhalten geblieben, in der allerdings nur noch touristische Führungen stattfinden. Alle Besucher fahren mit Arbeitsanzug
und Helm im Original-"Käfig" bis tief ins Erdinnere hinunter, wo die alten Förder-, Wasch- und Sortieranlagen alle originalgetreu
besichtigt werden können. Im "Schaumuseum Marienschacht" ("Musée spectacle du Poits-Marie") werden mittels audiovisueller
Technik die dreihundert Millionen Jahre alte Entstehungsgeschichte der Steinkohle sowie der über achthundert Jahre alte Steinkohlenbergbau
in Lütticher Gefilden nochmals vor Augen geführt - lang, lang ist's her...!
Ein gleichfalls überaus bemerkenswerter Einschnitt in die Lütticher Stadtentwicklung war sodann der von 1853-1865
erfolgte Bau des geschwungenen "Dérivation"-Kanals auf der "rive droite", dort wo einst die stark meandernde Ourthe
in die Maas mündete - und dabei immer gut war für massive Ueberschwemmungen, wenn sich beispielsweise Flutwellen beider Flüsse
sich hier trafen. Bereits im frühen Mittelalter war unter Bischof Notker deshalb bereits der Nebenarm der Maas rundum die Insel auf der gegenüberliegenden
Maasseite zum Flutwellenausgleich ausgebaut worden - wobei anzunehmen ist, dass dieser Nebenarm der Maas wohl gerade wegen des meandernden Strömungsverhaltens
der Ourthe dort entstanden ist. Das bis dahin mehr oder weniger gut funktionierende Ausgleichssystem wurde jedoch ausser Kraft gesetzt, als zu
Anfang des 19. Jahrhunderts dieser Nebenarm gedämpft wurde (jetzt verlaufen dort in einem grossen Bogen der "Boulevard d'Avroy"
und der "Boulevard de la Sauvenière"): Die Folge war eine Serie von grösseren Überschwemmungen und gravierenden Verwüstungen
beidseits der Maas mit viel Unmut bei der betroffenen Bevölkerung. Nach vielen (europäischen) Lösungsvorschlägen und nach
der verheerenden Flutkatastrophe von 1851 sollte schlieslich der Plan des Wasserbauingenieurs Kümmer in Angriff genommen werden: Von 1853-1865
wurde der um Longdoz und Outremeuse geschwungene "Dérivation"-Kanal angelegt und das Maasbett durch die Stadt neu konzipiert.
Doch die ausufernden Ueberschwemmungen von 1880, 1920 und vor allem 1925/26 machten erneut massive wasserbauliche Anpassungen - auch im Zusammenhang
mit dem geplanten Bau des Albertkanals - erforderlich: Hierbei wurde das Maasbett nochmals vertieft und wannenartig einbetoniert, sodass die aus
Frankreich oder den Ardennen kommenden Flutwellen sozusagen ungebremst - und bis heute ohne Schäden - durch die Stadt schiessen - seither
sind Ueberschwemmungen nur noch etwas für die Ardennen-"Bauern" oder etwas für "les Hollandais" da irgendwo im Norden:
Die Lütticher haben damit nichts mehr zu tun...!
Für die Lütticher Weltausstellung (immerhin!) von 1905 war auch die meandernde Ourthe in ihrem Mündungsgebiet
bereits endgültig gebändigt und - nachdem in Longdoz Hochofen, Gasfabrik und Bahnhof geschleift worden waren - einen direkten Zugang
vom Zentrum aus geschaffen worden zum "Les Viennes"-Viertel, wo die Weltaussstellung stattfand. Hierzu wurde über die Maas die
weltberühmte "pont de Fragnée" gebaut - diese Brücke war der Zeit entsprechend natürlich aus Eisen und bezüglich
der äusseren Gestaltung ein echtes Kunstwerk: sie war grösstenteils der "Alexandre III"-Brücke in Paris nachempfunden,
die seinerzeit für die Pariser Weltausstellung von 1900 gebaut worden war. Die 165 m lange und 16 m breite "pont de Fragnée",
die als riesiger Stahlkasten von der "Société John Cockerill" übrigens gefertigt worden war, zeichnete sich nicht
nur durch überaus üppige Eisenornamente aus, sondern auch durch die auf jeder Brückenecke stehenden Granitpfeiler, die wiederum
gekrönt wurden durch die als "les Renommées" bekantgewordenen, vergoldeten Engel-mit-Posaune-Figuren. Ein sehr schöner
Brückenschmuck sind auch die am jeweiligen Säulenfuss aufgestellten bronzenen Statuen, die im allegorischen Sinne konzipiert worden
sind, und von denen beispielsweise "le vieux monde" (die alte Welt) mit einer kräftigen, zeusähnlichen Männerfigur und
"le nouveau monde" von einer jungen üppigen Frauengestalt dargestellt werden.
Die "Fragnée"-Brücke hatte den Ersten Weltkrieg unbeschädigt überstanden, doch als sie im
Zweiten von den Belgiern selbst - nach Entfernung aller schmückenden Ornamenten - gesprengt wurde, sollten nur die Brückenauflager und
die Granitsäulen intakt bleiben - Lüttich sollte bis zum Letzten verteidigt werden...! Die heutige, nach dem Krieg etwas verbreiterte
"Fragnée"-Brücke ist in der Folge eine Replik der alten Weltausstellungs-Brücke, doch dieselbe bleibt auch heute eine
eindrucksvolle Erinnerung an jenen Glanzzeiten des Lütticher Industriezeitalters - gleichfalls im Rahmen der Lütticher Weltausstellung
wurde zwischen Maas und Dérivation-Kanal damals auch der "parc de Boverie" konzipiert, der auch heute noch im geschäftigen
Lüttich - trotz der 1958 gebauten "gläsernen" Kongresshalle - eine Oase der Ruhe bildet. Auf der anderen Maasseite, zwischen
dem Bahnhof Guillemins und der "pont de Fragnée" hatte sich damals übrigens auch der bis heute in der Euregio Carolus Magnus
einmalige Lütticher "Rotlicht"-Bezirk entwickelt, wo die Bordsteinschwalben "serveuses" heissen und es bereits in der
Mittagszeit munter zugeht - dorthin pflegte auch, in früheren Zeiten jedenfalls, die brave (katholische) Kundschaft aus Maastricht "zum
Frisör" nach Lüttich zu fahren...
Eine weitere Reminiszenz an der Lütticher Weltausstellung von 1905 ist sodann das imposante Casinogebäude mitten
im "parc de Boverie", in dem das "Museum für moderen und zeitgenössische Kunst" ("Musée de l'Art Moderne
- Cabinet des Estampes" untergebracht ist - dieses 1993 renovierte Museum gilt als eines der schönsten Museen weit und breit und beherbergt
zahllose Meisterwerke von Weltformat. Schliesslich erinnern die Hennebique-Brücke und der griechische Tempel von Agrigente im "parc
de Boverie" noch an den Erfinder des Spannbetons François Hennebique (1842-1921), dessen revolutionäres Bausystem damals noch
viel Argwohn hervorrief (siehe hierzu auch Kapitel "Voerstreek" wegen SMV-Viadukt).
Hinsichtlich der Museen in der Maasstadt sei an dieser Stelle noch festgehalten, dass Lüttich über mehr als zwanzig
überaus hochkarätige Museen auf jeglichem Gebiet verfügt: Hierzu zählt im touristischen Sinne nichtzuletzt der Komplex "Zoologisches
Universitätsmuseum-Haus der Wissenschaften", dem das sogenannt "Aquarium" angegliedert ist, wo sich in 46 Becken mit insgesamt
150'000 ltr Süss- und Meereswasser über 2'500 Exemplare von Meeresbewohnern jeglicher Art tummeln - darunter ein wahrhaft riesiges Aquarium
nur für Haie und insofern ein einmaliges Erlebnis direkt an der (bis heute jedenfalls) "hailosen" Maas...! Aber auch das Waffenmuseum
("Musée d'Armes") am "Quai de Maastricht" ist einen Besuch wert - aus einer Sammlung von über 13'000 Exponaten
wird eine Uebersicht geboten über die Vielzahl tragbarer Waffen aus sämtlichen Epochen, sodass die Lütticher Feuerwaffenabteilung
zu den reichhaltigsten der Welt gerechnet werden kann. Nichtzuletzt kann man hier die Qualität der Lütticher Waffenschmiedetechnik und
der damit verbundenen Gravurkunst bewundern - die weltberühmte, 1889 in Herstal (Chertal) errichtete "Fabrique Nationale d'Armes de
guerre" existiert noch immer und ist mit vielen in ihrer Art einmaligen Stücken vertreten. Diesbezüglich dürfte es höchst
interessant sein, darauf hinzuweisen, dass es diesbezüglich in den "ancien régime"-Zeiten Europas durchaus Parallele gegeben
hat zwischen dem Fürstbistum Lüttich und der Schweizerischen Eidgenossenschaft: Beide beanspruchten für sich einen neutralen Status
und beide verdienten mittels ihrer florierenden Waffenindustrie ganz kräftig an den Kriegen rundherum, bzw. in der Welt - "pecunia non
olet"-Standpunkt offensichtlich auch im Vatikan ("Lüttich, Tochter der römischen Kirche")...!
Eine weitere Besonderheit der Stadt Lüttich ist sodann die wechselvolle Geschichte der militärischen Verteidigungsanlagen
rundum die Stadt - angefangen hatte diese mit der Einnahme der Raubritterburg auf dem Hügel von Chèvremont im Jahre 988 durch Bischof
Notker (dort wo heute die imposante Basilika von Vaux sous Chèvremont hoch über das Tal der Vesdre (gegenüber Chaudfontaine)
thront). Bei den "festivités du millénaire de Chèvremont 988-1988" haben die Einwohner von Chèvremont gar
zwei mittelalterliche Wehrtürme mit Zinnen neu errichtet - sozusagen als kriegerische Reminiszenz direkt neben der 1688 von Jesuiten gegründeten
"Chapelle dédiée à Notre Dame" am Ende des steilen Kreuzwegs vom Vesdretal zum Hügel hoch. Von der mächtigen
Zitadelle hoch auf dem "Publémont"-Hügel direkt im Zentrum der Stadt, wo heutzutage ein grosses Krankenhaus untergebracht
ist, war schon die Rede und auch das "Fort de la Chartreuse" auf der anderen Maasseite hat schon bessere (militärische) Zeiten
gekannt - die gewaltige Anlage, direkt neben dem grossflächigen Friedhof von Robermont-Bressoux gelegen, wurde 1817-1823 vom Vereinigten
Königreich der Niederlande ("les Hollandais") gebaut, um -wie in Huy - als Bollwerk gegen eventuelle Angriffe Frankreichs dienen
zu können ("trau, schau, wem"...!) Auch auf die zahlreichen Forts in der Verteidigungslinie rundum die Stadt Lüttich - die
in beiden Weltkriegen die deutsche Invasion wenn nicht zu stoppen, dann doch wenigstens zu verzögern zur Aufgabe hatten - ist an anderer
Stelle bereits vereinzelt eingegangen - das in 1888 gebaute Fort von Embourg, südlich der Vesdre bei Chaudfontaine, hat beispielsweise sowohl
den deutschen Angriffen von 1914 als auch von 1940 getrotzt und kann in Originalzustand besichtigt werden.
Eine sehr tragische Komponente beinhaltet diesbezüglich die Geschichte des Forts von Loncin auf der "rive gauche"
hoch über dem Maastal (bereits auf dem Hesbaye-Plateau), das gleichfalls 1888 vom berühmten "Festungsgeneral" Brialmont zur
Verteidigung der "Grand Route" nach Brüssel gebaut worden war. Denn hier explodierte am 15. August 1914 - während einer achttägigen
Belagerung durch deutsche Truppen - das Pulvermagazin des Forts nach einem (Zufalls-)Treffer mit einer 42 cm-Artillerie-Granate ("Dicke Bertha")
- das Fort von Loncinwurde völlig verwüstet und von den 550 Verteidigern fanden 350 den Tod: das restliche Militär überlebte
schwer verletzt und verteidigte sich sogar noch in den rauchenden Trümmern gegen die anrückenden Deutschen. Im Parc d'Avroy befindet
sich - unweit des Reiterstandbildes Karls des Grossen - noch eine Reminiszenz (ein mit Ketten abgesetztes Viereck mit einem Baum mittendrin) an
der damaligen Abschussrampe der "Dicke Bertha"-Geschosse auf das Fort.
Das Fort von Loncin ist auch heutzutage noch im genau gleichen Zustand wie nach der Explosion zu besichtigen und zusammen
mit dem imposanten, typisch-belgischen Kriegsdenkmal und dem kleinen, angegliederten Museum entsteht ein überaus deutliches Bild des damaligen
kriegerischen Fanatismus auf beiden Seiten (denken wir nur an die damaligen deutschen Represalien in Visé und Moelingen). Auf dem Monument
steht geschrieben: "Monument Inauguré le 15 Août 1923. Aux Héros de Loncin. Morts pour la Patrie 15 Août 1914.
Le fort en ruines est leur tombeau. Groupe allégorique à la base du monument". Mag dieser monumentale Pathos vielleicht noch
verständlich erscheinen, so sind die Texte im kleinen, auch heute noch zu kaufenden Begleitheft zur Geschichte des Forts, geschrieben im
Jahre 1920 durch den damaligen Artilleriekommandanten "Kolonel Naessens" geradezu erschütternd - es war ein solcher menschenverachtender,
hohler Fanatismus des (Helden-)Todes, der offensichtlich entscheidend beigetragen hat zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Im betreffenden Begleittext
finden wir solche Passagen wie "opruk der barbaren" (Aufmarsch der Barbaren(!)), "vechten tot de laatste man dood is" (Widerstand
bis zum letzten Mann) sowie - auf Seite 16 vermerkt - die Vorfreude auf den Mann-zu-Mann-Kampf (und damit auf den sicheren Tod...) mit den Bewortungen:
""Jongens, maakt uwe bajonetten gereed: er gaat gelachen (!) worden" sowie - als Bedauern darüber, dass es durch den "Dicken
Bertha"-Beschuss wohl nicht mehr zu Mann-zu-Mann-Kämpfen kommen wird - "Zullen we ze dan toch niet van dichtbij zien, die smerige
varkens (!)" (werden wir sie dann leider nicht aus der Nähe sehen, diese dreckigen Säue) usw...! Man sollte sich dieses französisch-niederländischsprachige
Büchlein, das vor allem aufzeigt, wie sehr sich das heutige Europa vom damaligen inzwischen unterscheidet, wirklich antun: Der darin gehuldigte
Pathos der Hohlheit ist gleichzeitig unerträglich und entlarvend, wenn nicht sogar - nach heutigen Massstäben jedenfalls - ausgesprochen
lächerlich, nichtzuletzt auch wegen des dort aufgezeigten, fürsorglichen "Vaterbildes" des Kommandanten...! Dennoch bleibt
Loncin in den Zeiten der heutigen touristischen "Aufmärsche" (statt der damaligen militärischen) ein eindrucksvolles Mahnmal
der Erinnerung an "früher" und nur durch Kenntnisnahme solcher kriegerischen Relikte aus gar nicht so lange zurückliegenden
Zeiten kann die Europa-Gedanke von heute auch wirklich verstanden werden - die Autorin war jedenfalls sehr betroffen von allem!
In der modernen "Les Territoires de la Mémoire"-Schau, im "Centre d'Éducation à la Tolérance
et à la Résistance" direkt im Stadtzentrum, wird dann wieder ein ganz anderes Bild der miltärischen Vergangenheit Lüttichs
gezeigt und zwar vorwiegend des Zweiten Weltkriegs und seiner Widerstandsbewegung ("maquis") - wer sich noch näher mit allem beschäftigen
will, kann dies auf der Website www.memoire.be tun. Hierzu sei gesagt, dass der militärische Aspekt der städtischen Geschichte genauso
wichtig für das Bild Lüttichs von heute sein dürfte wie die zu Anfang diese Kapitels aufgezeigten fürstbischöflichen
und industriellen Reminiszenzen - auch hier finden wir das Bild Lüttichs als "Stadt der Kontraste" zurück und der "Bienvenue
à Liège"-Slogan der Lütticher Stadtverwaltung dürfte deswegen auch in diesem Sinne die Einladung zu einem echten
"Abenteuer der Entdeckungen" darstellen!
Ein Stadtheiliger namens Saint Lambert
Der Lütticher Stadtheilige St.Lambertus (635-705) wurde in Maastricht, unweit des Vrijthofs, geboren und noch heute
erinnert auf der Ecke Bredestraat-Hondstraat eine Nische mit einer Statue des St.Lambertus daran, das dieser hier als Landbert und Sohn adliger
Eltern zur Welt kam. St.Lambertus hat - zusammen mit seinem Nachfolger St.Hubertus - viel dazu beigetragen, dass nach den ersten südeuropäisch-angelsächsischen
Missionierungswellen auch eine solche mit einheimischen, fränkischen Predigern sich entwickeln konnte.
Erzogen wurde der junge Landbert/Lambertus (hier wieder die n/m-Vertauschung!) in einem kirchlichen Internat in der Herrlichkeit
Wintershoven (zwischen Maastricht und Tongeren), wo die Lambertusquelle aus der Legende noch immer fliesst, während er seine abschliesende
Erziehung und Bildung in der königlichen Pfalz zu Maastricht erhielt - dort war bereits in frühen Zeiten eine Hofschule integriert,
in der junge Männer von Adel zu kirchlichen bzw. weltlichen Würdeträgern ausgebildet wurden. Unter der Leitung seines Mentors Bischof
Theodardus wurde Landbert/Lambertus, der von ansehnlicher, athletischer Gestalt gewesen sein soll, in Maastricht als dessen Nachfolger auserkoren
und aufgebaut - dort erwarb er - neben einer entsprechenden kirchlichen Bildung - auch umfassende weltliche Kenntnisse, nichtzuletzt bezüglich
Staatskunde, Lehnsverwaltung und Kriegsführung. Und als Bischof Theodardus auf dem Wege zum merowingischen König Childerich II in Landau
(Pfalz) ermordet wurde, war es die Maastrichter Bevölkerung, die den noch jungen Landbert/Lambertus - anfänglich gar gegen dessen Willen
- als Kandidat für die Nachfolge nach vorne schob - darauf sollte St.Lambertus als neuer Bischof von Maastricht bestätigt werden. Hierzu
sei gesagt, dass auch König Childerich II die Qualitäten des jungen Adligen erkannt hatte und ihn bereits bald nicht nur zu einem seiner
wichtigsten Ratgeber sondern auch zu einem seiner engsten Vertrauten machen sollte. Dadurch wurde St.Lambertus jedoch gleichzeitig einbezogen
in die politischen Intrigen am Hofe Childerichs und dies sollte fatale Konsequenzen haben, als dessen Hofmeier, der brüchtigte Ebroïn,
die Macht ergriff - es gelang diesem, St.Lambertus aus seinem Amt als Bischof von Maastricht zu jagen und einen gewissen Faramandus als neuer
Bischof zu installieren, während St.Lambertus Zuflucht fand in der Doppelabtei von Stavelot-Malmédy (wo er sieben Jahre als einfacher
Mönch leben sollte). Nach einem sehr unruhigen und kriegerischen Zeitalter im gesamten Frankenreich sollte es schliesslich dem Hausmeier
Pippin der Mittlere (635-714), Vater Karl Martells, gelingen, die Ordnung wiederherzustellen, den irregulären Bischof Faramandus zu verjagen
und St.Lambertus nach Maastricht zurückzuholen. Dieser hatte sich inzwischen jedoch derart am mönchischen Leben gewöhnt, dass er
nur auf massiver Druck seiner Maastrichter Anhänger bereit war, wieder als Bischof zu amtieren - doch einmal im Amte, sollte St.Lambertus
dann jedoch während mehr als fünfundzwanzig Jahren das Bistum führen und seine Missionstätigkeit entsprechend ausweiten (auf
seinen vielen Reisen sollte es beispielsweise zu einer dauerhaften freundschaftlichen Zusammenarbeit mit St.Willibrord kommen).
Als im Jahre 691 St.Lambertus seine bischöfliche Residenz vorwiegend auf die uns bereits bekannt Lütticher Maasinsel
verlagerte, um dort seiner mönchischen Lebensweise - er hatte dort eine Kapelle zu Ehren seines Lehrmeisters Theodardus errichten lassen
- nachzugehen, wurde er dort wieder in politische Intrigen (diesmal am Herstaler Hof) einbezogen. Bei einem nächtlichen Ueberfall auf die
Insel wurde St.Lambertus vom Hofmeier Dodo, dem er in die Quere gekommen war, beim knieenden Gebet von oben mit einer Lanze erstochen - St.Lambertus,
der sich nicht mit dem Schwert gewehrt hatte, sollte durch die darauf einsetzende Legendenbildung schon bald zum Märtyrer werden und die
Todesstelle zum weitbekannten Pilgerort. Bereits nach kurzer Zeit wurde dort eine Kirche zu Ehren von St.Lambertus errichtet, doch der Leichnam
des Bischofs wurde per Schiff zurück nach Maastricht gebracht und ins elterliche Familiengrab beigesetzt - am Ufer der Maas (unten am St.Pietersberg)
befindet sich - etwas zurückversetzt wegen des späteren Maastricht-Lüttich-Kanals - an jener Stelle des ehemaligen Familiengrabs
eine (kleine) St.Lambertuskapelle.
Es war Bischof Hubertus, Lehrling und Nachfolger von St.Lambertus, der im Jahre 718 sich entschloss - aufgrund von Visionen
und Himmelszeichen, wie der Glaube jener Tage implizierte - die sterblich Ueberreste des St.Lambertus wieder nach Lüttich zu bringen. Der
Legende nach soll der Leichnam des Bischofs - wie es dies auch später bei Karl dem Grossen heissen sollte - völlig unversehrt gewesen
sein und wurde dieser in einem prächtigen Reliquienschrein auf den Schultern einer Vielzahl von Maastrichtern entlang der Maas nach Lüttich
getragen. Dort wurde der ermordete Bischof erneut beigesetzt - diesmal jedoch an einer Stelle im "Coeur Historique" - und sollte diese
neue Grabstelle des St.Lambertus (dort wo Bischof Notker später die prächtige St.Lambertuskathedrale errichten sollte) einbezogen werden
in das immer stärker ausufernde Pilgertum zu seiner Todesstelle auf der "Insel" - dorthin pilgerten insbesondere Gläubige
mit beispielsweise Lähmungs- und Krampferscheinungen, Epilepsie als auch Augenleiden.
Die Verehrung von St.Lambertus sollte allerdings nicht auf Lüttich und Maastricht beschränkt bleiben und dehnte
sich schon bald über das gesamte Bistum aus (die Skala der zu heilenden Gebrechen war hierfür sehr förderlich) - es wurden in der
Folge vor allem in Limburg und Brabant viele Kirchen, Kapellen und Gilden nach ihm benannt, doch in Maastricht sollte dies bis 1914 (!) dauern.
Da erst wurde am damaligen Stadtrand (heute Koningin Emma Plein) die St.Lambertuskirche (ein sehr schöner Bruchsteinbau mit byzantinischem
Einschlag) gebaut und sollte dorthin im Jahre 1938 - wiederum in einem Triumphzug, doch jetzt in umgekehrte Richtung - einen Schenkelknochen von
St.Lambertus als Reliquie überführt werden. Dieselbe befindet sich in einem prächtigen goldenen Brustreliquiar der Utrechter Edelschmiede
Brom in der direkt neben der Kirche gelegenen St.Lambertuskapelle (seit die St.Lambertuskirche als solche 1985 wegen baulicher Mängel geschlossen
werden musste) - dieses neuzeitliche Reliquiarbrustbild des St.Lambertus wird bei sämtlichen Prozessionen in Maastricht durch eine spezielle
St.Lambertus-Trägergilde ebenbürtig mit St.Servatius durch die Stadt getragen...!
Ein weiterer interessanter Sachverhalt dürfte noch sein, dass es über die zeitlichen Daten im Leben von St.Lambertus
unterschiedliche Auffassungen zwischen Lüttich und Maastricht gab bzw. gibt - denn der Lüticher Jesuit Gilles de Bouchier, der zu einer
Gruppe von Jesuiten gehörte, die behaupteten, dass Maastricht niemals Bischofssitz gewesen sei, legte 1612 - unter Bezugnahme auf die in
der "Vita Huberti" genannten Daten - das Sterbedatum von St.Lambertus auf den 6. September 696 fest (und nicht im Jahre 705 nach der
Maastrichter Version). Und so feierte Lüttich in 1696 das Millennium des Märtyrertodes von St.Lambertus, sowie in 1896 und 1996 die
entsprechenden Jahrhundertfeste - nur im Jahre 1796 sollte die Gedächtnisfeier wegen der Ereignisse um die "cathédrale de Saint-Lambert"
ausfallen... Aber auch über die Gründe der Verlegung des Bischofssitzes von Maastricht nach Lüttich - und nicht, wie die Lütticher
Jesuiten behaupteten, direkt von Tongeren nach Lüttich - besteht weiterhin Unklarheit - fest steht nur, dass die in Maastricht bzw. Lüttich
residierenden Bischöfe weiterhin die Bezeichnung "Episcopus Tungrensis" (Bischof von Tongeren) trugen und die Lütticher Bischöfe
später den abgewandelten Titel "Episcopus Tungrensis vel Leodinensis" verwendeten ( bis dieser Terminus aus der Lütticher
Bischofstitulatur verschwand, sollten allerdings noch viele Jahrhunderte vergehen).
Jedenfalls zeigt sich - wie auch bereits im Kapitel "Maastricht" dargelegt - aus den zugrundeliegenden Gegebenheiten
mehr als deutlich, dass es zwischen Maastricht und Lüttich nicht nur enge staatsrechtliche Bindungen ("tweeherigheid") gegeben
hat, sondern zudem weit zurückgehende, kirchliche Gemeinsamkeiten - die beiden Städte können in jeder Hinsicht (auch wenn dies
heute nicht (mehr) so aussieht) als echte "Zwillingstöchter der Maas" angesehen werden...!
Eine Stadtlegende namens Tschantchès
Obwohl Karl der Grosse (Charlemagne) wallonischer Herkunft war und in Herstal (Chertal)/Jupille, direkt bei Lütich,
zur Welt kam, ist es eigentlich aussschliesslich Aachen, das mit seinem (kaiserlichen) Ruhm assoziiert wird - obwohl, wie wir gesehen haben, der
Herrscher im Städtedreieck Maastricht-Aachen-Lüttich viele überaus interessante Spuren zurückgelassen hat. In Lüttich
erinnern an ihn nicht nur die im Parc d'Avroy afgestellte, imposante Reiterstatue Karls des Grossen - mit der rechten Hand huldvoll zum Gruss
erhoben - sondern vor allem auch die mit der Legendenbildung um Karl den Grossen eng verwobenen Figur des "Tschantchès" (wallonisch
für François (Franz)), die als Inkarnation der aufständischen, unabhängigen Seele Lüttichs betrachtet werden kann.
Als gutmütiger Nörgler, als Verteidiger der Armen und Schwachen und als vorlauter Repräsentant des rebellischen Lüttichers
par excellence wird er durchwegs dargestellt mit grosser (roter) Nase, blauem Bauernkittel, rotem Taschentuch um den Hals sowie einer schwarzen
Kappe auf dem Kopf - nichtzuletzt im typischen, auf ihn abgestimmten, Lütticher (Stangen-)Marionettenspiel. Diesbezüglich gibt es in
Lüttich und Umgebung eine regelrechte Kultur des Marionettenspiels mit fast zwanzig kleinen Marionettentheatern sowie ein "Centre européen
de la Marionette section francophone" (mit entsprechendem Schulungszentrum und einer (jährlichen) "Marionettes en Fête"-Biennale)
- eine ähnliche Zielstellung verfolgt auch die "Unima Belgique Section francophone du Centre Belge". Für die Figur des Tschantchès
selber gibt es ein spezielles "Tschantchès"-Museum ("pour le plus vieux citoyen de Djusd 'là") sowie im Stadtviertel
Outremeuse, auf der rechten Maasseite direkt dem "Coeur Historique"gegenüber, ein typisches Monument dieses "grossen Lüttichers".
Aber auch in den weiteren Lütticher Spielstätten, die mit der Tschantchès-Figur zu tun haben, geht es immer um Ereignisse rundum
Karl den Grossen (Charlemagne) - dieser wird darin allerdings immer als französischer König bezeichnet (seit 768 König der Franken!)
und ist im jeweiligen Spielplan "François de Liège" alias Tschantchès meistens derjenige, der den Sieg Charlemagnes
retten muss. Die Marionettenfigur des Tschantchès wurde übrigens erst 1860 von einem toskanischen Puppenspieler kreiert, zusammen
mit den ihn begleitenden Figuren der Nanesse (seine Frau), Polchinelle und Guignol - in der Erzählung "La Légende de Tschantchès"
wird schliesslich die (literarische) Legendenbildung um dieses einmalige Stadtsymbol entsprechend vertieft.
Zu letzterer gehört, das Tschantchès angeblich zwischen zwei Pflastersteinen von "Djus-d'la-Moûse"
(Outremeuse) geboren wurde und sein erster Schrei nach einem "pèkèt" (Lütticher Genever) gewesen sein soll - dieser
sollte auch in seinem weiteren Leben die (flüssige) Nahrung bleiben. Die legendäre Tschantchès-Figur verfügte - wie bereits
angemerkt - über eine riesige Nase ("pif cyranesque") sowie über die einmalige Fähigkeit mittels gezielter Kopfstösse
("soukeus") seine Gegner ausser Gefecht zu setzen - ausserdem konnte er seinen Kopf nicht drehen und auch nicht nach unten oder oben
bewegen. Trotz diese Handicaps soll Tschantchès jedoch immer das Bad in der Menge gesucht haben, da er gemerkt hatte, dass seine typische
Kombination von äusserer Hässlichkeit, wachem Geist und offenem Herzen von seinen Mitbürgern überaus geschätzt wurde
- als "prince de Djus-d'la-Moûse" ("jenseit der Maas") liess sich der Aussenseiter gar - immer der Legende nach - in
einer Sänfte durch Outremeuse tragen.
Als Tschantchès eines Tages am Ufer der Maas spazieren ging, soll er dort Bischof Turpin und Charlemagnes Lieblingsneffen
Roland begegnet sein, die als Mentor und Lehrling in einem tiefen Gespräch verwickelt waren - er mischte sich ungeniert ein, was dem Bischof
veranlasste - wegen seiner geistreichen Bewortungen - ihn am Hofe Charlemagnes zu introduzieren. Dort sollte Tschantchès bald zum Vertrauten
und Beschützer sowohl des Kaisers als dessen Neffen aufsteigen: Er war sozusagen Tag und Nacht um beide herum, um sie beizustehen mit seinen
klugen Ratschlägen oder - falls erforderlich - mittels seiner gefürchteten Kopfstössen freie Bahn zu schaffen...
Die Legende erzählt weiter, dass Tschantchès im Krieg sogar ohne Schwert oder Lanze kämpfte und nur mit
seinem roten Halstuch als Banner und seinem blauen Bauernkittel als Schild in den Kampf zog - nichtzuletzt durch den Nimbus seiner grossen Nase
und seiner einmaligen Kampftechnik der gezielten Kopfstösse galt er jedoch als unüberwindlich und soll er jeden Gegner haben verzweifeln
lassen...
Als während des Feldzuges Karl des Grossen (alias Charlemagne) gegen die Sarazenen, Tschantchès in der Schlacht
von Roncesvalles (nach der Schlacht bei Cordoba) im Jahre 778 (siehe hierzu auch Kapitel "Aachen", Abschnitt "Kulturdenkmal Aachener
Rathaus") Tausende von Gegnern mit seinen Kopfstössen erschlagen hatte, übermannte ihn jedoch die Müdigkeit und schlief er
ein - der waghalsige Roland musste alleine weiterkämpfen. Darauf wurde dieser prompt getötet und zusammen mit Charlemagne soll Tschantchès
den toten Roland tagelang beweint und betrauert haben - das um 1100 in Frankreich, bzw. um 1170 in Deutschland, entstandene Roland-Lied besingt
diese tragischen Ereignisse um den Markgrafen Hruodlandus von der Bretagne, der Karl dem Grossen als einer seiner zwölf Paladine besonders
ans Herz gewachsen war. Auch in der sogenannten Roland-Säule als überlebensgrosse Standfigur eines Ritters auf städtischen Plätzen
- wahrscheinlich als Rechtssymbol und Sinnbild städtischer Marktfreiheit - finden wir eine Reminiszenz an damalige Zeiten ("Bremer Roland"
als bekanntestes Monument). Nach der Belagerung von Saragossa wieder zurückgekehrt am Hofe zu Aachen soll der Kaiser Tschantchès jedoch
wegen seines Schlafens in der Schlacht von Roncesvalles schwere Vorwürfe gemacht haben und zog sich dieser untröstlich - aber immer
noch unbesiegt - nach Lüttich zurück. Dort soll Tschantchès der Legende nach schliesslich im Alter von nur vierzig Jahren an
den Folgen der spanischen Grippe - ùnd am gebrochenen Herzen - gestorben sein - er wurde in seinem geliebten Outremeuse (dort wo heute
am "Place de l'Yser" sein Denkmal steht) begraben und seither läuft die Legendenbildung um ihn und sein Verhältnis zu Karl
dem Grossen bzw. Charlemagne, das - wie bereits angemerkt - ein sehr enges gewesen sein soll. Wir finden somit auf dieser "legendarischen"
Ebene eine weitere interessante Verbindung Lüttichs zum berühmten Kaiser und gleichzeitig eine Reminiszenz an der Tatsache, dass Karl
der Grosse als Charlemagne ja auch Herrscher im westlichen Frankenreich ("Frankreich") war.
Tschantchès ist nach seinem von ganz Lüttich beweinten Tod zum typischen Stadtsymbol aufgestiegen, das mit seinem
sturen Kopf, aufsässigem Geist und einer Abkehr von allem Prunkvollen über einen unbändigen Freiheitswillen und ein goldenes Herz
verfügt, stets bereit für alle guten Dinge zu entflammen - und das unermüdlich, wie es den Lüttichern nun mal eigen ist...!
Zu diesem Bild eines aufständischen, freien Lüttichs gehört nichtzuletzt, dass Outremeuse, als "Heimat"-Viertel von Tschantchès,
bereits 1633 das Recht der Selbstbstimmung einforderte und in 1927 von traditionsbewussten Lüttichern - in Anlehnung an die Pariser "Commune
libre de Montmartre - die "Republique libre d'Outre-Meuse" ausgerufen wurde - in 1959 folgte dann noch die Gründung der "Commune
libre de Saint-Pholien-des-Prés" (beide "Communes" im Bereich der entsprechenden Kirchengemeinden errichtet).
Die "Freie Republik Outremeuse" feiert übrigens jedes Jahr vom 14.-16. August (15.August Maria Himmelfahrt)
ein riesiges Stadtfest mit vielen auswärtigen Besuchern, auf dem gleichzeitig die Ehre bewiesen wird an die Jungfrau Maria ("La Vierge"-Statuen
überall in den "potales" genannten Häuserwandkapellen) und an den Freiheitshelden Tschantchès. Bei dieser Gelegenheit
kann man dann einige der vielen Lütticher Spezialitäten kennenlernen wie beispielsweise "rodge tripe" (rote Blutwurst in Apfelfrikassee),
"matoufet" (Pfannengericht aus Mehl, Eiern und Speck) oder auch den berühmten "salade Liégeoise" ("Lütticher
Salat" mit Speck, grünen Bohnen, Kartoffeln, Zwiebeln und Essig), jeweils abgerundet mit einem herzhaften "pèkèt-Genever
oder einem echten "café Liégeois" mit "doveyes"-Kuchen dazu.
Zur auf Frankreich ausgerichteten Tradition Lüttichs der letzten Jahrhunderte ( im Mittelalter war die Stadt eher auf
das Rheinland ausgerichtet) gehört übrigens auch, dass am französischen Feiertag des "quatorze juillet" (14. Juli) diese
Affinität mit einem wahrhaft spektakulären Feuerwerk an und auf der Maas sowie mit dem Abspielen der französischen Nationalhymne
"Marseillaise" jedes Jahr erneut unter Beweis gestellt wird - "das kleine Frankreich an der Maas" sozusagen...! Aber wer im
Shopping-Viertel von "Le Carré" unterwegs ist, meint sowieso in der französischen Hauptstadt zu sein - ein solch unverwechselbares
Ambiente à la Paris (und das während des ganzen Jahres) ist schon etwas aussergewöhnliches für die Euregio Carolus Magnus...!
Zwei Söhne Lüttichs
Das Stadtviertel Outremeuse war gleichfalls Geburtsort zweier der berühmtesten Söhne Lüttichs und zwar des
Schriftstellers Georges Simenon (1903-1989) und des Komponisten André-Modeste Grétry (1741-1813) - beide sind herausragende Repräsentanten
des ungeheuer reichhaltigen Kulturspektrums der Stadt Lüttich im Laufe der Jahrhunderte und stehen stellvertretend für die vielen anderen,
weniger berühmten Kulturschaffenden in der "cité ardente". Diesbezüglich erinnern wir nichtzuletzt an das Wirken des
unweit von Aachen (in Völkerich) geborenen Organisten César Franck, an den berühmtesten Vertreter der "Lütticher Violineschule"
Eugène Ysaye (Initiator des internationalen Brüsseler Musikfestivals "Concours Reine Elisabeth"), das einzigartige Jazz-Festival
Lüttichs sowie die renommierte Lütticher Comics-Zeichentrickschule, die zu den weiteren auffälligen Repräsentanten der Kulturstadt
an der Maas zählen.
Georges Simenon, der bereits al Neunzehnjähriger nach Paris zog, wuchs somit auf in jenem kleinen rührigen Kosmos
"Djus-d'la-Moûse"("jenseits der Maas") auf der Lütticher "rive droite" und dieser Umstand sollte sein
späteres Wirken in hohem Masse beeinflussen: Hier entstanden die vielen Erfahrungen und Erinnerungen, die in seinen insgesamt 192 (!) Werken
verarbeitet worden sind. Hierzu hat Simenon einst gesagt: "Jeder weiss, dass wir unsere wichtigsten Lebenserfahrungen in der Kindheit und
Jugend machen. Sie beeinflussen unser ganzes Leben. Mit siebzig Jahren handele, denke und führe ich mich auf wie ein Kind von Outremeuse"-
wie recht Simenon mit dieser Binsenwahrheit doch hat...!
Das Lütticher "Office du Tourisme" hat in der Broschüre "Simenons Heimatstadt" einen höchst
interessanten Erlebnisparcours durch Outremeuse beschrieben, in dem viele Plätze aus dem Leben Georges Simenons nachgespürt werden können
- der inzwischen erneuerte Parcours, der individuell mit Audiobegleitung oder in der Gruppe mit einem Führer absolviert werden kann, führt
gar zu solchen persönlichen Plätzen Simenons, wie beispielsweise die geheimnisvolle "Caque"(Heringstonne), die als Inspiration
gedient hat für die tragische Episode im Roman "Le Pendu de Saint-Pholien". In der Broschüre heisst es weiter: "Diese
Kind wuchs am "rechten" Maasufer auf, es spielte in den ehemaligen "Prés Saint-Denis" (Wiesen von Saint-Denis). Dort
wurde ein neues Krankenhaus, das Bayernkrankenhaus, gebaut und schnurgerade, vom Kongressplatz ausgehende Strassen wurden angelegt. Es war ein
ganz gewöhnlicher Platz, dieser Kongressplatz, der dann lange Jahre hindurch das "Abenteuerland", das "kindliche Universum"
von Georges Simenon wurde. Rechtes Maasufer, linkes Maasufer, von ruhigen Strassen bis zum lebhaften Zentrum: mit der Zeit wird die Sammlung der
Lütticher Atmosphärebilder des zukünftigen Romanciers immer grösser. Vom St.André-Institut bis zur Impasse de Houpe,
einer Sackgasse, die hinter der St.Pholienkirche liegt: Hier trifft sich eine gewisse Lütticher Bohème, um zu trinken, und um sich
zu betäuben (!), hier versucht ein junger Mann unter vielen anderen, seinen Weg zu finden. Er war ein wissenshungriger Mann, der alles sehen
wollte. Er wollte das Leben verstehen, es hören, es einatmen, es kosten und es ganz in sich aufsaugen. Ja, er war ein richtiger "Lebensgourmand"
mit weit offenen Poren..."
Georges Simenon, mit sechzehn Jahren bereits Reporter (Georges Sim!) bei der "La Gazette de Liège"-Zeitung,
"emigrierte" im jugendlichen Alter von neunzehn Jahren nach Paris, wo er seinen ersten Roman "Pont des Arches" schrieb und
1931 debütierte mit seiner berühmten Kriminalromanserie um den Kommissar Jules Maigret ("PJ du quai des Orfèvres")
- hier sollte er von 1925-1927 gar eine Liaison mit der berühmten (Nackt-)Tänzerin Josephine Baker haben... Im Jahre 1989 in Lausanne
verstorben, wird das Andenken Simenons in Lüttich auf vielerlei Art hochgehalten - so in der Simenon-Bibliothek und im Simenon-Fonds zur
Konservierung seiner Werkesammlung im Schloss von Colonster (Sart-Tilman) und auf dem "place du Congrès" mit einer Büste
des grossen Schriftstellers (allerdings ohne Pfeife, da diese zu oft von Souvenirjägern entfernt wurde). Von hier aus zweigt auch die "rue
Georges Simenon" (früher "rue Pasteur") ab, wo von 1905-1911 im Hause Nr. 25 die Familie Simenon wohnte - das Geburtshaus
von Georges Simenon liegt übrigens auf der "Rive gauche" an der "rue Léopold" Nr. 24, zweiter Stock. Im Hause
Nr. 2 der "rue Georges Simenon" ist weiter die "Auberge de Jeunesse Georges Simenon" untergebracht, wo in der Eingangshalle
eine gigantische Pfeife an den grossen Sohn Lüttichs erinnert - sehr zum Ärger aller Tabakgegner (da ja Jugendherberge!). Interessant
ist auch, dass Georges Simenon - um seine Lütticher Wurzeln zu demonstrieren - seine im Ausland geborenen Kinder immer ins Geburtsregister
seiner Vaterstadt hat beischreiben lassen - wer sich über die Veranstaltungen aus Anlass des hundertsten Todestages von Georges Simenon im
Jahre 2003 informieren möchte (es wird über seine Episode mit Josephine Baker seitens der "Opéra Royal de Wallonie"
sogar ein entsprechendes Musical aufgeführt) , kann dies im Internet auf den Webseiten www.ftpl.be/simenon bzw. www.simenon2003.be tun. Eine
interessante Besonderheit dürfte schliesslich sein, dass nicht nur am 14. Juli 2002 ("quatorze juillet") - neben den beiden bereits
bestehenden über sechs Meter grossen Riesenfiguren von Tschantchès und Nanesse - die Riesenfigur der (französischen!) Marianne
introduziert wurde, sondern am 15. August des gleichen Jahres - anlässlich des bereits vermerkten Outremeuse-Folkloreumzugs - gleichfalls
eine solche vom berühmten Simenon-Figur Kommissar Jules Maigret (mit Pfeife natürlich...) - "der Kommissar" dürfte hiermit
wohl endgültig von "seinen" Lüttichern angenommen worden sein.
Vom gleichfalls sehr bekannten Lütticher Komponisten André-Modeste Grétry gibt es sowohl die eindrucksvolle
Statue direkt vor der "Opéra Royal de Wallonie" als auch das "Musée Grétry" in Outremeuse - hier, an
der "rue des Récollets" Nr. 34 wurde der zweite grosse Sohn Lüttichs (und einer der Väter der komischen Oper) geboren
und wird die Erinnerung an sein Wirken im Museum mit zahlreichen Manuskripten und Gebrauchsgegenständen dieses von den Lüttichern hochverehrten
Komponisten gehegt. In seinem Roman "Mémoires Intimes" notiert Georges Simenon hierzu: "Das Grétry-Haus ist schmal
und es hat zwei Etagen - geblieben sind die bleigerahmten Butzenscheiben. Ein Haus, wie man es in den Gemälden von flämischen Malern
findet: ein Helldunkelbild - mit einfachen, polierten Möbeln. Solch ein Haus hätte ich gern gehabt..."
Die Familie Grétry stammte ursprünglich aus der Ortschaft Berneau (Bolland) im Land von Herve und bereits der
Vater von André-Modeste Grétry war als Geigenspieler in der Lütticher St.Martinkirche wie auch in der St.Deniskirche musikalisch
tätig. Gefördert von Lütticher Domherren, die seine musikalische Begabung entdeckt hatten, ging der junge Grétry bereits
im jugendlichen Alter nach Rom, wo er zusammen mit anderen Lütticher Musikern in der Kapelle des Lateran-Palastes eine weitere musikalische
Ausbildung erhalten sollte - anschliessend übersiedelte er nach Genf, wo er sich u.a. mit Jean Jacques Rousseau und Voltaire anfreundete.
Dann zog er - wie Simenon - nach Paris, wo er die Oper "Le Mariage des Samnites" schrieb, die jedoch ein Flop werden sollte - bei der
nachfolgenden Oper "Le Huron" war dies ganz anders: Das Werk wurde ein Riesenerfolg und Grétry darauf gar am Hofe Ludwigs XV
introduziert - ab da sollte seine musikalische Karriere nur noch steil nach oben gehen. In 1803 erwarb er das ehemalige Anwesen Rousseaus in Montmorency
bei Paris, wo er 1813 verstarb - nachdem André-Modeste Grétry in Père-Lachaise begraben worden war, sollte seine Vaterstadt
Lüttich schliesslich die Herausgabe seines Herzens erreichen, das anschliessend im Sockel seines Standbildes vor der "Opéra Royal
de Wallonie" eingemauert wurde: Eine doch wohl reichlich theatralische Inszenierung...!
Die "Opéra Royal de Wallonie" als "Centre lyrique de la Communauté française de Belgique"
ist übrigens eine sehr schöne Spielstätte, die über eine überaus hohe künstlerische Reputation verfügt (wie
auch das daran verbundene "Orchestre Philharmonique de Liège") - sie ist sozusagen ein Wahrzeichen Lüttichs im musikalischen
Sinne. Vom bekannten französischen Schriftsteller Paul Claudel stammt in diesem Zusammenhang das Zitat: "Lüttich hat dem glücklichen
Belgien die Musik gegeben wie Antwerpen und Gent die Malerei; noch heute übertönt der helle und ergreifende Klang der Violine das Krachen
der Hüttenarbeiten" - ja, in dieser Stadt an der Maas, in dieser "cité ardente", ist wahrhaft Musik drin: überall
und immer...!
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