Homophobie und Transsexualität

Das Phänomen der Transsexualität bewegt die Gemüter ganz besonders, seit es nach dem zweiten Weltkrieg gelungen ist über Hormone und Chirurgie die (angebliche) Auswechselbarkeit der Geschlechter zur gesellschaftlichen Tatsache werden zu lassen - so ist es in Deutschland seit dem 1.1.1981 möglich über das Transsexuellengesetz TSG die Vornamensänderung (§1) bzw. die Personenstandsänderung (§8) auf Antrag gutachtlicherseits realisieren zu lassen und so ein nahtloser Identitätswechsel - zumindest auf Papier - zur (meistens allerdings nur scheinbar) vollendete Realität werden zu lassen. "Künstliche Geschlechter" eben...., den "natürlichen" völlig gleichgestellt (Heirat!).
Nach den vielen überaus einschneidenden, vor allem gesundheitlichen Konsequenzen für die Betroffenen fragt allerdings nahezu niemand - es zählt nur noch die möglichst reibungslose, rasche Realisierung des "Endziels"= Operation und kaum noch der so wichtige "Weg" dorthin: "Ich weiss nicht wohin, aber ich bin schneller dort" ist das Motto vieler Transsexuellen heute geworden. Die Kastration des Menschen - und damit die Unfruchtbarkeit - droht zur Routine, zur üblichen "Normalität", zu werden und alle applaudieren...
Es kann und darf jedoch nicht gelingen ein derart glattes Geschlechtsumwandlungsritual "einfach so" auf Dauer zu etablieren, da sich in unserem Zeitalter der Molekularbiologie die propagierte (angebliche) Auswechselbarkeit der Geschlechter als Künstlichkeits-Chimäre allerersten Ranges erwiesen hat: Es gibt keine "falschen Körper", nur falsche Denkmodelle.
Und in diesem (patriarchalischen) Denkmodell der unbedingten Homosexualitäts-Vermeidungs-Strategie findet sich dann auch zufälligerweise eine ausgeprägte TS-Homophobie wieder, sowohl seitens der (patriarchalischen) "Machern" als seitens der (transsexuellen) "Betroffenen": Alle scheinen sich unisono und vorbehaltlos nach dem offensichtlich fest und tief eingeschliffenen "Im falschen Körper"- Konzept zu richten um dadurch bloß nicht als homosexuell eingestuft werden zu können: "Trans-Sein" definiert sich vorwiegend so über die "Nicht-Homosexualität" (wobei vergessen bzw. verdrängt wird, daß vor 100 Jahren es für die Homosexualität hieß: "weibliche Seele im männlichen Körper"!). Was nicht sein darf, kann auch nicht sein....!
Nichtzuletzt die Medien tun sich hervor, das Phänomen Transsexualität zum (homophob gesteuerten) Lächerlichkeitsspektakel verkommen zu lassen und die absonderlichsten wissenschaftlichen bzw. gesellschaftlichen Nonsens aufzufahren. So wenn beispielsweise im "Spiegel" berichtet wird über "transsexuelle Fische" (20/94) bzw. "schwule Fliegen" (9/95) oder es über die transsexuelle Prostitutionsszene in Singapur heißt "lauwarmes Tuntenballett" bzw. es über die transsexuelle Prostitution generell heißt "unterwürfige Männer" bzw. "hochservile Transvestiten und Transsexuelle" oder im entsetzlichen S-Zett-Magazin im Vox-Fernsehen Anfang März 95 den Kastrationswahn eines Irrenden aus der Fremdenlegion und seines Münchner Exekutors präsentiert wurde. "Illusio virilis" - Überheblichkeit und homophobes Irrationalitäts-Denken: Quo vadis? Transsexuelle Götterdämmerung, wo bleibst Du?
Und was geht das alles den Schwulen an? Sehr viel, sagt Johanna Kamermans in ihrem neuen Sachbuch "Künstliche Geschlechter" (edition hathor, 308 Seiten, DM 34,00 überall im Buchhandel) und bringt eine Vielzahl von Fakten, Realitäten, Fiktionen, Klischees und Vorurteile zur Sprache, welche die Grauzone zwischen den Phänomenen Transsexualität und Homosexualität (als die beiden Seiten der gleichen biologischen Medaille) kennzeichnen. Dieses Buch bringt alle wieder auf den Boden der Tatsachen zurück - "back to the roots" ist die künftige Devise der homosexuellen und transsexuellen Realität. Warum auch nicht?


Down-Town Mai 1996