"WENN DER HOMO ZWEIMAL KLINGELT..........."

Gay Pride in Mosae Trajectum- "de stad met de zachte g(ay)"

"Vor einigen Monaten von Berlin (und davor Hamburg) nach Maastricht (das wurde schliesslich aus dem römischen "Mosae Trajectum" von vor 2000 Jahren) umgezogen, hatte ich es nicht für möglich gehalten, jemals über eine CSD - Veranstaltung in der (holländischen) Provinz zu berichten: Allzusehr sind mir die imposanten grossstädtischen Paraden in Erinnerung geblieben. Als eine solche dann am 8. Juli hier in Maastricht stattfand, war der Gesamteindruck dann doch wieder derart ungewöhniich und einfach ganz anders, dass es zum nachfolgenden Bericht gekommen ist.

Ich melde mich hierbei aus einer überaus bemerkenswerten Stadt, mitten in Europa an der französisch - belgisch - holländischen Maas gelegen und vor allem bekannt geworden als Geburtsort des Euros (1992 Vertrag von Maastricht) ünd des inzwischen weltberühmten "Stehgeigers" André Rieu (1949). Auch das "Maastrichtien ", als Bezeichnung für das Zeitalter des ominösen Dinosauriersterbens am Ende der Kreidezeit, ist- u. A durch Fundstellen des mehr als 20 m langen "Mosasaurus" im Mergelgestein - auf die Stadt zurück zu führen. Dieser aktuell - europäische Aspekt wird jedoch in einer noch immer erdrückenden Art und Weise durch eine zutiefst traditionalistisch - katholische, in der Folge stockkonservative Grundhaltung überlagert: Maastricht ist deshalb ein Gemeinwesen voller oftmals skurriler Gegensätze, geradezu abweisend gegen alles Nichtpassende, alles Fremde - hier weitmännisch -offen, dort eigenbrötlerisch - kleinkariert. Es ist einfach (noch) vieles, wenn nicht alles anders in dieser von Touristen überlaufenen Stadt, auch wohl als holländisches "Ausland" tituliert: die Vergangenheit ist allgegenwärtig. Hierzu gehört u.A., dass noch heute aus der Tiefe der Maas die hölzernen (!) und steinernen Reste der damaligen drei "Mosae Trajectum"- Brücken der Römerzeit, also vor gut 2000 jahren, geborgen werden (ausgestellt im Bonnefanten-Museum) - hier kreuzten römische Heerbahnen zur Küste die Maas.

Aber ebenso bemerkenswert dürfte auch die Tatsache sein, dass die altehrwürdige Festungsstadt Maastricht - als Hauptstadt der (niederländischen) Provinz Limburg mit etwas mehr als 120.000 Einwohnern - erst 1839 widerwillig - frustriert zum Königreich der Niederlande einverleibt wurde, eigentlich auf der "faischen", d.h. belgischen Seite der Maas als eine Art Enklave liegt und eine wahrhaft ereignisvolle, vor allem kriegerische römisch - deutsch - spanisch - französisch - belgische Vergangenheit aufweist - mit allen verbliebenen geschichtlichen Spuren. Noch heute nennen die Maastrichter die übrigen Niederiänder ("die da van oben") etwas abschätzig "Holländer' und schotten sich von diesen durch einen überaus lauten und vöiiig unverständlichen "Mestreech" - Dialekt als Umgangssprache ab - der "Holländer'hat sich gefäliigst anzupassen .... !

Und eine der hervorstechendsten Merkmale dieses ausgesprochenen Kauderweisch, das auch im übrigen Limburg, örtlich jeweils leicht abgewandelt (inklusive belgisch Limburg) gang und gäbe ist (es hat mal jemand gesagt: "Limburg, bevöikert durch eine Art deutschsprechende Flamen"), ist sein (mergel-)weiches" g "(daher das Wortspiel als Stadt mit dem weichen g(ay"), im trefflichen Gegensatz zum geschrapten, harten "g" der Holländer. Von denen sagen die Limburger dann allerdings wieder, sie redeten als "verkouden Arabieren" (erkältete Araber ... )- wie dann auch....

Und zu allen diesen Eigenheiten jetzt also auch noch offen zur Schau getragene Homosexualität, mitten in der Stadt, im Altstadt - Zentrum vor den Rathaus, zur besten (Samstags-)Geschäftszeit und mit wahrlich enormem Aufwand und Brimborium allernorts angekündigt: schon tagelang vorher war die Stadt zugepflastert worden mit blauweissen (wg. des Sponsors Bavaria Brauerei) Gay Pride-Plakaten. Wäre es vielleicht sogar möglich, dass die Maastrichter es ähniich halten würden, wie es Reinhard Mey in seiner "Musikanten" Ballade besingt: "Holt die Wäsche und die Kinder rein und schliesst die Türen: Musikanten sind in der Stadt"-Sodom und Gomorrha sozusagen direkt vor der Haustür".?

Auch mir schien - aus diesen sich aufdrängenden Gesichtpunkten- das Ganze, in Hinblick auf dieses vorhandene städtische Bollwerk an Tradition, lntrovertiertheit und Religiosität, dann doch reichlich gewagt - obwohl, wie mir gesagt wurde vom örtlichen COC (Cultureel Ontspannings Centrum), es bereits im Jahre 1993 eine ähniiche Veranstaltung gegeben hatte, allerdings unter dem Etikett "Roze Zaterdag"(jähriich in wechselnden Städten stattfindend). Hierbei geht der genannte Begriff "Roze Zaterdag" zurück auf das Jahr 1979, als Tausende von Homosexuellen in Roermond, direkt an der deutschen Grenze, gegen die diskriminierenden Äusserungen des damaligen Bischoffs van Roermond Gijssen protestierten - eine Art niederiändischer Stonewall (1969) somit und obwohl diese Protestbewegung im Laufe der Zeit wieder abgeklungen ist, ein Trost ist allerdings - wie auch in Deutschland - geblieben: die Bischöfe kommen und gehen, die Paraden (wie dann auch genannt) bleiben .....!

Dass die Umbenennung des "Roze Zaterdag"" in Gay Pride erstmals hier in Maastricht stattfand, war wohl eher aus kommerziellen Gründen veranlasst - denn im Zeitalter der Globalisierung sollte ja auch möglichst ein internationales Teilnehmer - bzw. Publikumsumfeld angezogen werden. Dies obwohl bereits in Amsterdam, Europas "gay capital", der Stadt mit dem wahrhaft geballten schwulen Sub, ein jährlich wiederkehrende Gay Pride - Veranstaltung (dieses Jahr übrigens am 5. August) stattfindet. Und da ja auch am gleichen 8. Juli die Pariser Gay Pride, die World Pride Roma 2000 und nicht zu vergessen die Berliner Love Parade vonstatten ging, war der spezielle Gay Pride - IC aus Amsterdam und Den Haag Richtung Maastricht (Retourticket nur hfl 30,00!) nur zu weniger als die Hälfte gefüllt - die unbedarften Maastrichter Organisatoren hatten dies alles wohl nicht ausreichend bedacht. Für das unangenehme und windige ("Herbst"-)Wetter konnten sie allerdings nichts.

So würde, teilnehmermässig jedenfalls, auf Sparflamme gekocht und mit viel Einsatz und Begeisterung versucht das geplante Programm entsprechend durchzuziehen: oekumenischer Gottesdienst in der katholischen Koepelkerk zu Anfang, darauf anschliessend eine Tropy Gay Parade durch das Stadtzentrum, ein Show - und Musik - Programm auf dem Rathausmarkt mit vielen lnfoständen sowie abends diverse grössere Party - Veranstaltungen. Sogar einen Darkroom gab es, allerdings (wir sind ja in den Niederlanden mit ihren Gleichbehandiungs - und Anti - Diskriminierungs- Gesetzen!) für alle zugänglich, ob nun Homos, Lesben, Bisexuelie oder Transen - wie im Jahre 1993 war de Zuspruch (deswegen?) minimalst. Denn Maastricht ist nun mal nicht Amsterdam bzw. Den Haag und die angebliche homosexuelie Toleranz in den Niederlanden ist ausserhalb der "Randstad Holland", in der Provinz somit, nur Firnis - unter der Oberfläche ist noch immer eine überaus virulente Abneigung gegen alles Gleichgeschlechtliche vorhanden: Homosexualität ist auch in den Niederlanden noch immer ein tabubeladenes Thema, von Transsexualität ganz zu schweigen.

Dies zeigt sich nicht zuletzt und beispielsweise aus der niederländischen Sprache, in welcher es nicht nur von genitalen Schimpfworten wimmelt, sondern auch etliche homosexuell - initiierten Kraftausdrücke gang und gäbe sind, wie "opsodemitern", "opflikkern" und "opmietern" im Sinne eines" Hau ab, verschwinde". Wobei der Vollständigkeit halber erwähnt sei, dass in der niederländischen Umgangssprache "flikker', "mietje" en "nicht" als tuntig - schwule Synonieme für homosexuelle Männer gebräuchlich sind, während die Lesben (hier als "lesbiennes bezeichnet) sich selbst ironischerweise als "potten" (Töpfe) titulieren (1 000 Töpfe in Hamburg dürfte trotzdem nicht als lesbisches Kaufhaus gelten!)

Um auf das eigenfliche "event", den Umzug, die Tropy Gay Parade zurück zu kommen: das erstaunliche daran war, dass die übergrosse Mehrzahl aller Teilnehmer-Innen Frauen waren - die Lesben waren in der absoluten Ueberzahl, sicherich 3:1, während die männlichen "Mitläufer erst mehr wurden, als das Endziel des Umzugs, der Marktplatz in Sicht kam. Denn da war dannauch nicht mehr genau ersichtlich, wer nun mit oder auch nur durch den Umzug lief - die Schwulen liessen den Lesben den schon sehr auffälligen Vortritt. Keine Ledermänner, nahezu keine Glatzen, keine Aids -Aktvisten, fast keine Tunten jedenfails keine schrille ... ) und auch keine brüsteschwingende, arschwackelnde Transen: "Normalos " waren mehrheitlich angesagt, zwar gut drauf, aber eben auch nur das .... !

Dafür gab es also, wie bereits gesagt ein massives, munteres Lesbenaufgebot, mit Pappkartonschildern aus ganz Holland (Groningen, Arnhem, Breda, Rotterdam usw.) angereist, das mit zahlreichen lautstarken Salsa - und Trommelgruppen sowie farbenfrohen Themenwagen den Haupterfolg des dadurch im Endeffekt eher karnevalistisch anmutenden Umzugs ausmachte. Durch das Mitmarschieren etlicher offensichtlich "stinknormaler' Musikvereine (mit sogar Kindern darunter) ergab sich derart eine überaus bunte Mischung, wobei der Partyeffekt eindeutig im Vordergrond stand, weit weg van jeglichem Demoanspruch. Die Regenbogenfahnen - Idee des Gay Pride wurde darin übrigens stilvoll hochgehalten durch einen lange Luftballonschiange in den entsprechenden Farben, bewegt nach Art chinesischer Drachenspiele - ein sehr farbiger und gut beim Publikum ankommender Umzugsteil.

Wie sehr allerdings die Kommerzialisierung dieses Maastrichter Gay Pride bereits Wirklichkeit geworden war, zeigte sich im imposanten 6 Pferde - Gespann der Bavaria Brauerei vor einem gewaltigen Bierwagen, welches den Umzug anführte. Hierbei wurde es sogar ein Moment recht gefährlich als in einer Kurve des Onze Lieve Vrouwenplein die beiden vordersten schweren belgischen Kaltblüter auf dem glatten, Maastricht - typischen Kopfsteinpflaster in Stolpern gerieten - es hätte dies bei den vielen dichtgedrängten Zuschauern auch leicht anders ausgehen können. Deutsche Umzugsteilnehrner wurden übrigens nicht gesichtet, dafür die schwulen Gesangsgruppen die Taktlosen aus Köln sowie die Warmen Wellen aus Aachen beim internationalen Chorfestival am Vorabend - immerhin.

Dann gab es noch die erstaunliche, wohl holland - typische Tatsache zu berichten, dass in der Parade nicht nur etliche schwule Polizisten sowje lesbische Polizistinnen in voller Uniform mitmarschierten, sondern auch - beim nachherigen Treiben auf dern Rathausmarkt - am Stand der "Politie Haaglanden" (das ist der Bezirk des niederländischen Regierungssitzes Den Haag) in aller Offenheit geworben wurde für einen lesbischwulen Eintritt in die Polizei. Und dies in die entsprechende lnteressengemeinschaft "Secretariaat Homoseksuelen m/v van de Nederlandse Politiebond NPB" . Eine überaus attraktive Polizistin mit hüftlangen, blonden Rasta - Haaren nach Curucao - Art im Info - Stand sowie eine martialische Motorradshow erweckten gleichfalls den Eindruck einer doch noch immer ungewohnten "Normalität" polizeilicher Homosexualität.

Wie bereits gesagt war beim ganzen Spektakel (es sollen insgesamt fast 10.000 Teilnehmer-Innen gewesen sein.) die schwule Männerwelt nur minderheitlich vertreten: es dürfte dies wohl letztendlich mit der Tatsache zusammenhängen, dass in einer solch stockkonservativen und strengkatholischen Stadt wie Maastricht es noch immer sehr riskant sein mag, sich öffentlich in einem Umzug zu "outen" - da wird lieber im Verborgenen agiert oder sich "nach auswärts" verzogen ......

Denn es bewahrheitet sich immer wieder im gesellschaftlichen Leben der Niederlande, dass die vorgehend erwähnte, latent - soziale Anti - Homosexualität nicht zuletzt auf kirchliche Einfiüsse zurück zu führen ist, allen voran die Katholische Kirche. Es sei in diesem Zusammenhang nochmals ausdrücklich verwiesen auf die wohl nicht - hinnehmbaren Äusserungen des Papstes anlässlich der World Pride Roma 2000 im Sinne von "Beleidigung des päpstliches Jubeljahres 2000", "Schändung christlicher Werte", "Homosexualität gegen die menschliche Natur' und "eine objektive Störung" (was das dann auch sein soll) Die typische niederländische, traditionell - religiöse "verzuiling" (Versäulung) der Gesellschaft und eine sprichwörtliche Doppelmoral tun das ihrige dazu, Vorurteile und Klischees über die Runden zu heffen. Derart is das homosexuelie Leben in Maastricht äusserst introvertiert angelegt und orientiert man/frau sich nach vorwiegend Amsterdam bzw. Den Haag oder auch nach dem nur 90 Autobahnkilometer entfernten Köln mit seinem geballten Sub. Nur "wenn der Homo zweimal klingelt", wie an diesem 8 Juli geschenen, darf er/sie durch die Stadt ziehen und den Rathausmarkt für sich beanspruchen - da gehen die braven Maastrichter Bürger-Innen auch mal genadigst vor die Tür und schauen sich - fast wie im Zoo - das bunte Treiben in aller Ruhe an - "irgendwie Karneval, oder "

Und dass der Maastrichter Bürgermeister (der angeblich keine Homosexuellen mag .... ) partout nicht - wie in Hamburg Ortwin Runde dies tat - die Parade anführen mochte, wurde dann wieder in bewährter "Poldermodell"- Art dadurch kompensiert, dass es dem (schwulen) "stadsbeiardier'erlaubt wurde auf dem städtischen "carillon" (Glockenspiel) des Rathausturms, einige bekannte "nichtenliedjes" zu klimpern. Wobei es sich hier übrigens um den netten, etwas möiiig wirkenden, immer lächeinden jungen Mann mit der Geige aus André Rieus Johann Strauss Orchester handelt - ja genau dèr, mit der Brille!

Abschliessend sei noch vermerkt, das es in den Niederlanden eigentlich nichts mehr gibt - jedenfalls im benachteiligenden Sinne - wofür es sich lohnen würde auf die Strasse zu gehen: demonstrieren wofür oder wogegen? Denn das lnstitut der Registrierten Partnerschaft gibt es seit 1998 und im Lande der Gleichbehandiungs - und Anti - Diskriminierungsgesetzen lagern bereits die Gesetzesvorlagen zur Offnung der (Hetero-) Ehe auch für Schwule und Lesben ab 2001 - sogar unter Beibehaltung des lnstituts der Registrierten Partnerschaft., ... !

Nicht mal die befürchteten internationalen Verwicklungen bezüglich der zu erwartenden Anerkennungsverweigerung "holländischer Verhältnisse" in Sachen Ehe und Adoption wird den Niederlanden daron abhalten, den gesamten Gleichstellungsvorgang in 2001 durchzuziehen. Dafür sind die Amsterdamer und Haager Lobbys bis in die höchsten Hof-, Regierungs - und Verwaltungskreisen einfach zu stark. Und es erscheint in einem solchen Sinne dann auch ganz "normal", wenn in der Boulevardzeitung De Telegraaf ein Bericht erscheint, samt Fotos, über das (schwule) Amsterdam Diner - Event im Zelt vor dem königlichen Palast auf dem Dam (mit spezieller Zustimmung van Köningin Beatrix) und beispielsweise der Vize - Präsident der Raad van State (Erste Kammer) mr. Tjeenk Willink mit Freund oder auch der "hoofd officier van justitie' (leitender Staatsanwalt) mr. Jan Wolter Wabeke mit Freund lakonisch ins Blickfeld der Offentlichkeit gerückt werden -und nicht gegen deren Willen .....

In Deutschiand wäre dies jedenfails undenkbar und in den Niederlanden wohl auch nichtzuletzt auf die Tatsache zurückzuführen, dass es in und urn das Köningshaus (Königin Beatrix ist die Präsidentin der Raad van State!) schon immer etwas leichter war homosexuell - und hier vor allem lesbisch - zu sein bzw. problemlos bis in die höchsten Staatskreisen aufzusteigen- homosexuele "Verfilzung" allernorts sozusagen .....! Aber dennoch wird es hier in Mosae Trajectum noch lange kein Rosae Trajectum (nur einen schwulen Volleybal - Klub gleichen Namens - immerhin!) geben: Amsterdam und den Haag sind weit weg, die Limburger noch lange keine "Holländer'. Die "Alte Dame Maastricht" hat sich nur kurz gewundert - mehr nicht.

Maastricht, den 14.07.2000, verfasst von Thomas Hoffmann.


Regenbogen und "nichtenliedjes" Achtung, Achtung: hier spricht die Polizei, Männer unter sich ......, Regenbogen auf chinesisch, Sonst noch Fragen ?, Eine Tunte läuft pinkamok ......