Georg J. Schulz/Hamburger Abendblatt

MAASTRICHT Die meistzitierte Stadt Europas kennt fast jeder, aber nur wenige waren schon dort. Dabei ist sie historisch, schön und lebensfroh.

Siggi Weidemann

Maastricht

Eines schönen Tages kam Helmut Kohl in diese Stadt. Sehr zufrieden sah er aus, denn er traf sich hier mit seinen europäischen Kollegen, um mit ihnen ein bedeutendes Ereignis zu feiern. Vor den Stadttoren, im Restaurant von Schloss Neercanne, 1698 erbaut, tafelten sie auf Einladung von Königin Beatrix. Es war die Geburtsstunde des Euros.

Noch heute stehen auf der Speisekarte jene Gerichte, die damals beim Eurotop 1991 serviert wurden. Und im in den Naturstein gehauenen Weinkeller, in dem 14 000 Flaschen lagern, haben die Königin der Niederlande, die Premiers Mitterand, Major sowie Kohl auf all unser Wohl getrunken und ihre Unterschriften auf die Wand gekrakelt.

Erzählt man noch zwölf Jahre später: "Ich besuche Maastricht", ruft das meist Ratlosigkeit hervor. Als Engländer einmal befragt wurden, was ihnen bei "Maastricht" einfalle, antworteten sie "Käsemarke", "Parfüm", "Fernsehserie". Dabei handelt es sich um die älteste niederländische Stadt mit uralten Holpergassen, romantisch in der Hügellandschaft an der Maas gelegen, in der Wirte ihre Hotels "Alpenblick" oder "Edelweiß" nennen

Maastricht, eine Stadt, die überhaupt nicht ins verbreitete Hollandklischee von Tulpen und Käse, von Windmühlen und Drehorgeln, von Hochnäsigkeit und Bioindustrie passt. Eine römische Gründung mit mehr als 1200 denkmalgeschützten Gebäuden, ein Freilichtmuseum für Architektur und Lebensqualität.

Das Leben ist hier ausgelassener als im Rest von Holland, die Menschen sind zugänglicher, und es braucht nur einen geringen Anlass, um zu feiern. Dank dieser positiven Einstellung zum Leben hat die Universitätsstadt bei Niederländern einen besonders hohen Stellenwert: Sie ist die Stadt , in der Holländer am liebsten wohnen möchten - wenn man denn das Geld dazu hätte.

Der Name der südlichsten und attraktivsten Stadt der Niederlande ist bekannt wie VW, Cola oder Adidas. In Maastricht wurde der Euro geboren, der "Vertrag von Maastricht" unterzeichnet. Damit wurde im Dezember 1991, als sich die zwölf Regierungschefs an der Maas trafen, eine gemeinsame Wirtschafts-, Währungs- und Außenpolitik beschlossen. Dadurch geriet die Hauptstadt der Provinz Limburg ins Scheinwerferlicht - für Tourismusmanager ein Glücksfall.

Maastricht birgt zahlreiche Symbole europäischer Geschichte. Die Türme, Festungsmauern, Gassen und Giebel legen ein beredtes Zeugnis davon ab, dass die Stadt - etwa eine halbe Stunde von Aachen entfernt - wie kaum eine andere europäisches Schicksal widerspiegelt. Maastricht war zu allen Zeiten beliebt und begehrt. 22-mal wurde der strategische Platz belagert. Hier starb Graf d'Artagnan, einer der drei Musketiere. Es floss viel Blut, aber auch der heilige Servatius predigte hier. In Maastricht hat man früh gelernt, sich zu arrangieren. So baute man dem Herzog und dem Bischof eine Mühle, mit Treppen und Aufgängen rechts und links, damit es keinen Streit um den Vortritt gebe.

Maastricht ist im puritanischen Holland eine Insel der Sinnlichkeit. Nur 55 Kirchen, aber rund 400 Kneipen und Cafés gibt es hier. An Sonnentagen ist das autofreie Zentrum zwischen Liebfrauenplatz und Maasufer ein einziger Biergarten. Die Gastwirte lassen sich auch allerlei lukullische Abenteuer einfallen. Wer hierher fährt, der verknüpft das Angenehme mit dem Kulinarischen, wozu eine seit Generationen zuverlässige Hotellerie ihren Teil beiträgt. "Mestreecher", so nennen sich die Leute hier, leben auf der Sonnenseite. Kein Wunder, dass der kalvinistische Norden den lebensfrohen Süden mit seiner Lust am Feiern und Leben immer wieder tadelt.

In Maastricht gibt es die elegantesten und geschmackvollsten Läden und die besten Restaurants Hollands. Wie jede Stadt, die etwas auf sich hält, hat auch Maastricht sein Trastevere, sein St. Georg, sein Kreuzberg oder seine East Side, kurz, sein "In"-Zentrum. Hier heißt es Wyck und liegt dort, wo Stararchitekt Aldo Rossi in den Maas-Auen das Bonnefanten-Museum erbaut hat mit einer Sammlung von Brueghel-Bildern. Anfang des vergangenen Jahrhunderts ließen hier noch die Fayencen- und Porzellanmanufakturen die Schornsteine rauchen. Heute steht dort ein neues Viertel mit Wohnungen, Büros, Hotels und Restaurants.

Da die alte Innenstadt für junge Künstler, Galeristen oder Köche zu teuer geworden war, zogen sie und anderes Volk nach Wyck. Eine kunterbunte Szene tummelt sich in diesem Viertel. Auf der anderen Seite der Maas, die man über eine einst römische Brücke überquert, locken die schicke Einkaufsgasse Stokstraat oder am Onze Lieve Vrouwekerkplein vor der romanischen Kirche Terrassencafés. Die Altstadt ist für den Autoverkehr gesperrt.

Auch eine andere Szene ist aktiv. Der Verkauf von weichen Drogen, wie Haschisch und Marihuana, hat einen wirtschaftlichen Effekt von 25 Millionen Euro jährlich. Das ergab eine Untersuchung der Universität Maastricht. Etwa eine Millionen Menschen kommen jährlich nur nach Maastricht, um Hasch einzukaufen. Deutsche sollen das meiste Geld ausgeben. Auch die Studentenszene lebt damit.

Rund um die Stadt erstreckt sich eine kulturhistorische Landschaft. Im Boden warten römische Gutshöfe noch darauf, ausgegraben zu werden. Links und rechts der Maas zahlreiche Burgen und Schlösser, die zu Hotels oder Restaurants ausgebaut sind. Etwa St. Gerlach in Houthem, das Kastell in Rullingen oder Schloss Erenstein. Und kein Schlagbaum, der ein Hindernis darstellt.

So kann es passieren, dass man einer Straße in Maastricht folgend plötzlich im belgischen Hasselt ist. Nehmen Sie sich Zeit, denn auch diese Stadt des Dreiländereckes ist keine staubtrockene Angelegenheit hinter alten Fassaden, sondern ein Erlebnis: etwa das Genevermusem mit Schnapsprobe oder das Modemuseum in einem ehemaligen Kloster von Hasselt. Groß ist die Auswahl an Restaurants, Kneipen und Bistros. Am Freitagmorgen kann man den Wochenmarkt besuchen, auf den Terrassen wunderschön vor sich hinträumen.

Ein besonderes Kleinod, verborgen im sanften Hügelland ist die ehemalige Landkommandatur des Deutschen Ritterordens von Alden Biesen, der 1190 zur Zeit des dritten Kreuzzuges gegründet wurde. Umgeben wird die sehenswerte Wasserschlossanlage - das größte Schloss nördlich der Loire - von einem zweihundert Jahre alten Park im englischen Landschaftsstil. Die Anlage kann man besichtigen.

Spannend ist es auch unter der Erde von Maastricht. In den rund 80 Millionen Jahre alten Höhlen verfestigten sich Muscheln und Sand zu weichem Stein. Die Römer bauten bereits davon ihre Paläste und Häuser, später entstanden in den Grotten unterirdische Kunstgalerien. Etwa im St. Pietersberg oder im Jesuitenberg, ein Denkmal, das auf die Weltkulturliste der Unesco kommen soll. Bis zu fünf Kilometer erstreckt sich ein Labyrinth von 300 Gängen im Mergelberg. Eine große Anziehungskraft übt diese Schattenwelt auf Abenteurer und Forscher aus. Kein Geräusch ist dort zu hören, nicht einmal eine aufgeschreckte Fledermaus zu sehen. In dieser absoluten Stille lässt sich ungestört über den Euro und die Folgen fantasieren.