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ZWISCHEN DEN GESCHLECHTERN -
EIN KAPITEL
Johanna Kamermans, 56 Jahre, Ingenieur/Tänzerin/Autorin in einem Porträt von Elke Herms-Bohnhoff; Autorin, 1994
"Über die Brücke zwischen Mann und Frau muß man vorsichtig gehen und nicht einfach springen"
Johanna Kamermans ist eine nachdenkliche Frau mit einem philosophischen Blick auf die Dinge des Lebens. Besonders auf jene,
die scheinbar selbstverständlich sind, aber verschwimmen, wenn man genauer hinsieht. Weiblich oder männlich? Mann oder Frau? Was bedeutet
das, wenn man nicht festhängt an der geforderten Eindeutigkeit, sondern den Blick frei hält für die Stufen dazwischen, die Grauzone
zuläßt, wie schon die alten Völker. Johanna Kamermans ist keine gewöhnliche Frau, sondern eine, die sich dazu erklärt
hat. Sie gehört zu der kleinen Gruppe der Transsexuellen, von denen es in Deutschland ca. 8000 gibt. Bis 35 war sie ein Mann.
11. Stock. Ein kleines Appartement hoch über Hamburg. Im Wohnzimmer ein ausladendes Coucharrangement über Eck wie
für viele Gäste. In der Nische eine kleine Bar mit Tresen, darauf Fotos von sich als Tänzerin, als müsse sie sich immer wieder
an sich selbst erinnern. So sah sie damals aus als Stripteasetänzerin wie auf dem großen Foto an der Wand, Stiefel bis übers Knie,
fast nackt, den Busen frei, "wir haben geklebt, alles weg nach hinten, Haare drauf, man sieht ja nichts, die perfekte Täuschung. Aber
viel Arbeit. Und wenn man es wieder abreißt, tut es weh." Sie ist noch immer eine attraktive Frau.
Der Riß, der durch die Identität transsexueller Menschen geht, habe ich irgendwo gelesen, erzeuge auch beim Gegenüber
ein Gefühl der Spaltung. Muß ich in einem gedanklichen Kraftakt beschließen, daß Johanna Kamermans für mich eine Frau
zu sein hat, weil sie es so will oder darf ich auch den Blick "daneben" wagen? Muß ich meine eigene Unsicherheit verbergen oder
darf ich eingestehen, daß ich Neuling bin in dieser ganz speziellen Geschlechterfrage? Sie macht es mir leicht. Weil sie so offen ist und
zugewandt.
Und weil sie so offensichtlich, oder soll ich lieber sagen scheinbar, eine Frau ist mit einem weichen, sensiblen, verletzlichen
Gesicht, fast ungeschminkt, und einer Art, sich zu bewegen und zu geben wie bei jeder anderen Frau. Und noch eine Frage: paßt Johanna Kamermans
überhaupt in mein Buch? Schließlich ist sie biologisch ein Mann und der weibliche Grenzgang geht sozusagen rückwärts. Manchmal
erwische ich mich mit diesem Blick wie bei einem Vexierbild, Mann oder Frau, Frau oder Mann, je nachdem, was ich in den Vordergrund rücke.
Oder bin ich nur eine Voyeuristin, die sich mit einem Anspruch tarnt? Dann hätte Johanna Kamermans mir einiges an Ehrlichkeit voraus. "Ich
habe mich verabschiedet von der Scheinwelt. Endgültig," sagt sie. Ich habe viel von ihr gelernt. "35 Jahre habe ich gedacht, ich
wäre ein heterosexueller Mann. Ich habe einen Sohn, ich war verheiratet, alles mögliche. Das klappte aber nicht. Zu jener Zeit habe
ich nicht gewußt, daß es so etwas wie Homosexualität überhaupt gibt, daß es neben den Mann-Frau Beziehungen auch noch
andere Beziehungen gibt. Ich habe mich ausgerichtet an einem Denken, das nicht meiner Wirklichkeit entsprach. Man übernimmt die Erwartungen
der Eltern, man lebt so wie man glaubt, daß die anderen es möchten. Bis man merkt, das stimmt nicht. Also, ich bin nicht der geborene
Ehemann und Familienvater. Ich konnte aber nicht sagen, wenn du dir nichts aus Frauen machst, dann bist du schwul. Sondern ich habe gedacht, wenn
du nicht auf Frauen stehst, sondern auf Männer, dann kannst du nur selbst eine Frau sein."
Ich gucke erstaunt. Für mich ist dieser Wechsel noch wie ein Dreh mehr als der "nur" homosexuelle Lebenswandel.
Ich muß begreifen, daß es für Johanna Kamermans um Widerstand in einer Welt geht, in der es nur zwei Geschlechter geben darf
und nichts dazwischen oder darüber hinaus. Sie lebt heute als Frau, die weiß, daß sie eigentlich ein homosexueller Mann ist.
Aber 20 Jahre weibliche Sozialisation läßt man nicht einfach hinter sich. Und den Busen auch nicht, obgleich sie die Hormone schon
lange abgesetzt hat. Sie sitzt zwischen den Stühlen. Sie hat sich nicht umoperieren lassen zur Frau, weil sie den gesetzlich abgesicherten
Anspruch vieler Transsexueller auf "Umbau" gefährlich findet und gemessen an den Ergebnissen, oft auch absurd, Zeichen einer starren
Zweigeschlechtlichkeit, die Menschen zwanghaft in zwei Kategorien preßt, statt dem "Dazwischen" Raum zu geben. Die Transsexuellen
zementieren verbissen und oft bis zur Karikatur die alte Geschlechterpolarität, die sich sonst doch immer mehr ausdünnt. Eindeutige
Ansichten darüber, was eine "richtige Frau" ist, haben längst ausgedient. Vom "richtigen Mann" ganz zu schweigen.
Solche Ansichten kann Johanna in den transsexuellen Selbsthilfegruppen nicht verkaufen. Die sind zu sehr mit ihrem Kampf um Eindeutigkeit beschäftigt.
Darüber ist Johanna hinaus.
Der Wandel kam langsam und quälend. Die Ehe ging zu Bruch. "Es hat riesige Verletzungen auf beiden Seiten gegeben.
Das ist etwas, was ich immer noch verdränge. Ich bin immer noch dabei, das aufzuarbeiten. Dabei wäre die Lösung so einfach gewesen.
Wenn meine Frau und ich damals gesagt hätten, ja, du bist schwul. Aber meine Frau konnte es natürlich auch nicht verstehen, warum ich
mich von ihr abgewendet habe und hat das Ganze wohl als Beweis dafür gesehen, daß sie als Frau versagt hat. Sie war auch sehr bürgerlich
erzogen worden. Ich habe damals auch sehr stark meine transvestitische Ader ausgelebt, mit Frauenwäsche. Heute meine ich, das war die Entdeckung
meiner weiblichen Eigenschaften. Aber in dem Moment, wo man das macht, weiß man das natürlich nicht. Denn man ist in diesem Denkmuster
gefangen, ein Mann ist ein Mann und der hat keine weiblichen Eigenschaften. Daß es viele Zwischenlösungen gibt, daß männlich
und weiblich quasi in jedem Moment in jedem Menschen vorhanden sind, habe ich mir mit viel Mühe erst später angelesen. Wenn ein Mann
seine Weiblichkeit auslebt, dann ist er entweder schwul oder ein Softi. Aber Softis gab es vor 20 Jahren noch nicht. Später kamen die Hippies
und die Blumenkinder, Männer mit langen Haaren. Daß es rundherum, bei den Naturvölkern und in vielen alten Kulturvölkern
schon immer so war, dessen wurde ich mir erst viel später bewußt. Das ist die Erkenntnis, daß man so indoktriniert werden kann
durch die Erziehung, daß man ganz bestrebt ist, diesen gesellschaftlichen Normen zu folgen. Man hat dann zwei Möglichkeiten. Entweder
man resigniert oder man rebelliert. Ich habe rebelliert."
Die Rebellion führte sie erst einmal auf die Bühne. "Den Beruf habe ich von heute auf morgen aufgegeben. Ich
hatte aber vorgearbeitet. Ich war damals Verkaufsingenieur und reiste durch ganz Deutschland. Ich lernte eine Tänzerin kennen, die hat mich
gelehrt, wie ich Striptease mache, diagonal über die Bühne. Wenn ich jetzt ein Video hätte, würde ich mich kaputtlachen."
In ihrem Zeugnis steht: Herr Kamermans verläßt uns auf eigenen Wunsch. Wir bedauern seinen Weggang und wünschen ihm Erfolg und
Befriedigung in der neuen Tätigkeit. "Die wußten natürlich nicht, was das für eine Tätigkeit ist. Man ist als Tänzerin
ja auch keine Heilige." Sie erfährt, wie sehr gerade exzessives Machotum auf verdrängter Homosexualität beruhen kann. "Gerade
diese Männer, die sich immer wieder in neue Abenteuer stürzen, eine Frau nach der anderen vernaschen, sind gar nicht, was sie sich zu
beweisen versuchen. Sie sind die beste Kundschaft der transsexuellen Prostituierten. Da können sie homosexuell sein und sich einbilden, sie
wären bei einer Frau."
Johanna genießt die neue Rolle. "Ich habe ein sehr lockeres Leben geführt, was ich nicht bedaure. Es war
ein tolles Leben. Es waren 14 Jahre, die mich geprägt haben und die ich nicht missen möchte. Ich stand im Mittelpunkt und wurde akzeptiert.
Natürlich nur für einen Teil meiner Persönlichkeit als Frau. Im Nachhinein muß ich sagen, also Hut ab vor mir selber, weil
ich da mit einer solchen Selbstverständlichkeit herangegangen bin. Ich habe mich so als Frau gefühlt, ich war so von mir überzeugt,
daß ich gesagt habe, ich gehe auf die Bühne. Ich habe damals auch geschlechsgewandelte Frauen gesehen. Ich fand das toll. Das machst
du auch. Die Operation stand noch gar nicht so im Mittelpunkt wie jetzt. Daß die Transsexuellen sich in der "normalen Gesellschaft"
artikulieren, das gab es damals noch nicht. Der Showbereich war die einzige Möglichkeit, um seine Weiblichkeit überhaupt auszuleben,
sich mit sich selbst identisch zu fühlen. Heutzutage gehen die Leute an die Öffentlichkeit und wollen partout jetzt auch erreichen,
daß man sie im alltäglichen Leben als selbstverständlich nimmt, daß man z.B. bei Karstadt als Transsexuelle arbeiten kann
und jeder weiß das. Da macht man aber die Rechnung ohne den Wirt. Ich sage immer, wer Fisch sein will, braucht auch Wasser, d.h. ich muß
testen, ob mich meine Umgebung als Frau überhaupt akzeptiert. Ich kenne Leute, die von heute auf morgen sagen, ich bin jetzt eine Frau, ich
heiße Sabine, und wehe dir, du sprichst mich nicht mit Sabine an. Ab morgen bin ich hier in Rock und Pumps und wenn du mich rausschmeißt,
verklage ich dich. Also ein Forderungskatalog. Das ist falsch. Weil die Umwelt nicht gezwungen werden kann, indem man einen Spruch von sich gibt.
Man muß durch sein Verhalten überzeugen. Und wenn die Umwelt dann sagt, die hat an sich gearbeitet, die können wir als Frau akzeptieren,
dann hat man gewonnen."
Das Transsexuellengesetz, das seit 1980 existiert, schreibt den "Alltagstest" für ein Jahr zwar vor, ansonsten
fixiert es die betroffenen Menschen ungewollt auf die Operation und eine starre Zweigeschlechtlichkeit. Daß sie möglicherweise "nur"
homosexuell sind, dies aber verdrängen, wie Johanna aus eigener Erfahrung weiß, wird abgewehrt. Die "große Lösung",
d.h. die Änderung des Personenstandes bis in die Geburtsurkunde, wird nicht wie in der Schweiz gewährt durch richterlichen
Augenschein, sondern durch die operative Umwandlung mit Unfruchtbarkeit. Ohne viel Rücksicht auf die körperlichen und psychischen Folgen.
Eine Kastration und immense Hormongaben verkraftet kein Körper unbeschadet.
Willige Mediziner und ein Gesetz, das eigentlich als "Wohltat" gemeint war, erzeugen so ungewollt überhaupt
erst den Wunsch nach geschlechtlichem Umbau. Mancherorts können Transsexuelle den Behindertenstatus erwerben. Sie gelten als arm dran, was
sie sicherlich auch sind in einer Gesellschaft, die sexuelle Abweichungen nur schwer aushalten kann. Ob sie die "psychisch Kranken"
unter den Homosexuellen sind, weist mancher Sexualwissenschaftler inzwischen zurück. Zu deutlich ist die Parallele zur Geschichte der Homosexualität.
Für viele ist Johanna Kamermans keine Frau, weil sie nur die "kleine Lösung", die Änderung des Vornamens
im Paß für sich in Anspruch genommen hat, aber nicht die "große Lösung" der Operation. "Meine Sexualität
ist meine Sache. Ich habe zwei Termine gehabt, einen in London und einen in Frankreich für eine Umwandlung. Ich bin aber nicht hingefahren,
weil ich soviel Elend gesehen habe und weil ich diesen halbbewußten Zweifel hatte und deswegen gesagt habe, nein, mache ich nicht. Da ist
eine innere Warnlampe angegangen." Was für die Transsexuellen so zwanghaft im Mittelpunkt steht, operiert oder nicht operiert, ist für
sie kein Kriterium. Für sie drückt sich darin nur der Größenwahn einer Medizin aus, die alles für machbar hält,
und das Zwangsdenken einer Kultur, die alles nach dem Prinzip Entweder/Oder organisiert. Bei noch soviel operativer Spitzfindigkeit wird aus einem
Mann keine Frau, sondern eine Notlösung, mehr oder minder gelungen. Das mag die seelische Not mancher Transsexueller lindern, als Lösung
für alles ist sie eine genauso große Illusion wie das neue Körpergeschlecht. Der psychische Notstand soll nicht hinweggeleugnet
werden. Die vielen Nachoperationen zeugen jedoch von der Sehnsucht nach einer Perfektion, die nie erreicht werden kann.
Viel wichtiger als der medizinische ist der soziale Geschlechtswandel. "Für mich war die Wirkung nach außen,
die Akzeptanz der Menschen entscheidend. Ich sage, liebe Leute, ihr seid nicht in erster Linie Mann oder Frau, sondern Mensch. Wenn jemand die
Operation als persönliche Krönung haben will, dann ist das seine individuelle Entscheidung, die ihm aber nicht als Lösung für
alles suggeriert werden sollte. In die weibliche Identität hineinzuwachsen ist ein Prozeß und kein Hauruck-Verfahren. Über die
Brücke zwischen Mann und Frau muß man vorsichtig gehen und nicht einfach springen. Dieser Weg ist sehr wichtig für die spätere
Position, die man einnehmen möchte. Wenn man nur springt und den Weg mißachtet, dann sitzt man nachher auf der Position Frau und weiß
gar nicht, was mit einem los ist. Viele lassen sich zu einer Frau umbauen und zu einem Schritt bewegen, auf den sie menschlich und altersmäßig
überhaupt nicht vorbereitet sind."
Die Transsexuellen befinden sich auf einem Kreuzzug wie die Homosexuellen vor einigen Jahrzehnten. Das ist das Los von Minderheiten,
die um Anerkennung kämpfen. Johanna Kamermans muß aufpassen, daß sie sich nicht in einen Kreuzzug gegen die Transsexuellen verstrickt.
Weil sie will, daß sie sich nicht verrückt machen lassen vom kassenbezahlten Wahn nach chirurgischem Umbau und daß sie sich zu
ihrer Homosexualität bekennen.
Die geschlechtliche Identität ist kein simpler Reflex auf eine bestimmte Chromosomenausstattung oder Hormonanlage.
Sie wird nicht nur biologisch, sondern vor allem auch psychisch und sozial erzeugt. Bis ich weiß, daß ich eine Frau bin oder ein Mann,
bedarf es vielfältiger Bestätigung und Selbstvergewisserung. Auch der Normalfall ist erklärungsbedürftig. Schon Sigmud Freud
fand "auch das ausschließliche Interesses des Mannes für das Weib ein der Aufklärung bedürftiges Phänomen und keine
Selbstverständlichkeit." Freud widersetzte sich mit "aller Entschiedenheit den Versuchen, die homosexuellen als eine besonders
geartete Gruppe von den anderen Menschen abzutrennen", weil "alle Menschen der gleichgeschlechtlichen Objektwahl fähig sind und
dieselbe auch im Unbewußten vollzogen haben." Das gilt ebenso für die Transsexuellen. Das Unbewußte ist so anarchisch wie
die orgiastischen Riten und Feste, von denen die Mythen und legenden alter Völker berichten. Dort war das Transsexuelle in die Gesellschaft
integriert. "Das Verrückte am Transsexualismus ist, daß die Transsexuellen nicht verrückt sind", meint der Sexualwissenschaftler
Volkmar Sigusch. Ob man sie als "Irrtum der Natur", krank, störende Abweichler einschätzt oder als Variante sexueller Möglichkeiten
und somit "normal", ist eine Frage der Toleranz und der Einsicht in eigene verdrängte Wünsche.
Johanna Kamermans ist eine nachdenkliche Frau mit einem philosophischen Blick auf die Dinge des Lebens und einem ausgeprägten
Drang, sich selbst immer wieder neu zu orten und zu analysieren. Das Ergebnis ist ein Buch, "Mythos Geschlechtswandel." Sie ist stolz
darauf, daß sie es geschrieben hat. Daten, Fakten, Hintergründe. Material zu Biologie, zu männlich-weiblich, zu Varianten chromosomenbedingt,
hormonbedingt, zu Prägungen und Verdrängungen, zu ritueller Transvestition in alten Kulturen. Im androgynen Archtetyp, der männliche
und weibliche Potenzen in sich vereinigt, scheint die uralte Sehnsucht des Menschen nach Vollkommenheit aufzugehen. Johanna: "es geht einfach
darum, daß diese androgyne Idee des Lebens zu anderen Zeiten und in anderen Kulturkreisen im Leben der Menschen verankert war. Und bei uns
wird diese Doppelgeschlechtlichkeit so wie ich sie erlebe, oben Frau und unten Mann, total verdammt und in die perverse Nische gesteckt. Und jeder
ist darauf aus, dem möglichst rasch wieder abzuhelfen, chirurgisch und chemisch, damit das Eindeutigkeitsprinzip gewährleistet ist."
Hochkomplexes läßt sich nicht auf ein paar Ursachen zurückführen. Weder somatische Irregularitäten
noch psychologische Befunde können die Transsexualität hinreichen erklären. Und man muß sich fragen, ob alles Pathologisieren
nicht mehr dazu dient, die Verwirrung über eigene mögliche Geschlechtsdiffusion zur Seite zu legen, als den "Kranken" zu helfen.
Von den Blicken und dem Geld der Männer in Kabaretts und Bars läßt sich nicht ewig leben. Mit den wachsenden
Zweifeln wächst auch die Irritation. "Mit Mitte 40 ist man dann auch am Ende der Möglichkeiten, irgendwie. Ich habe immer sehr
gut verdient und wenn man dann ins Kabarett kommt mit Riesenkostüm und viel Aufwand und trifft auf eine 18-jährige mit einer Plastiktüte
als Rock, die 20 Mark mehr hat, nur weil sie jung ist, dann fragt man sich, was mache ich hier noch."
Johanna hat viel Geld gespart und will ein Nachtlokal aufmachen in einem feinen bürgerlichen Viertel. Der Traum dauert
drei Jahre. Alles investiert, alles verloren. Eine sechsstellige Summe. "Ich bin da richtig abgezockt worden von allen möglichen Leuten
nach Mafia-Manier." Mit dem Gerichtsvollzieher trinkt sie in ihrer Wohnung Kaffee. Für einen Betrag von 240 DM springt sie huckepack
mit einem Fallschirmspringer aus dem Flugzeug. Freier Fall, auch seelisch. Sie hat davon ein Video. "Das war wie sich in den Arm kneifen
und spüren, man ist noch da." Die Depression kommt hinterher. Sie muß überleben, "Da bin ich auf die Idee gekommen,
mit 47 die quasi schon abgeschriebene Weiblichkeit noch einmal in einem Appartement umzusetzen in Geld. Ich habe annonciert und hatte dann auch
die entsprechende Kundschaft. Ganz wilde Gäste, die ins Studio gingen, bezahlten bis zu 300 Mark, Spezialbehandlung. Die anderen 100. Es
gab Tage, wo absolut nichts los war, im Sommer, bei schönem Wetter. Und an anderen Tagen kamen bis zu 20 Gäste. Wir hatten zwei Warteräume
wie beim Arzt, und dann wurden sie aufgerufen. Das läuft alles ganz bürgerlich und spießig ab." Sie hätte noch einige
Zeit weitermachen können. Aber da wollte sie unbedingt dieses Buch schreiben. "Ich habe mich von dem Geld 1 1/2 Jahre hingesetzt und
geschrieben. Das war schon eine Obsession."
Sich zur Schau stellen, das will sie schon lange nicht mehr. "Man wird von den Männern als Frau gesehen und akzeptiert.
Aber ich bin schon damals noch viel mehr als Sexarbeiterin gewesen. Und das merke ich jetzt auch. Erst einmal habe ich Ingenieur gelernt, dann
habe ich dieses Buch geschrieben, ich habe hunderttausend Interessen, die jetzt alle hervorkommen. Als nächstes will ich ein Fotobuch machen
über lauter schöne Jungs als Frauen. Titel: Sag mir, wo die Frauen sind. Ich finde, davon geht viel positives Denken aus. Ich möchte
mit meiner Kamera dahin gehen und tolle Leute ablichten, weil ich wegkommen will von diesem allseits suggeriertem Krankheitsempfinden, daß
die Leute sagen, Transsexualtität ist eine Krankheit. Das ist ja Schwachsinn. Das ist ja nur ein Konflikt zwischen Kultur und Biologie. Die
Transsexuellen machen sich selber krank, weil sie sich unter diesen Eindeutungskeitszwang setzen. Das muß man gar nicht."
Auch Volkmar Sigusch wünscht sich die Transsexuellen jenseits des "Geschlechtswahns", den er für einen
individuellen Reflex auf den kollektiven Geschlechtswahn der Normalen hält. Sie sollten "zu ihren Transgressionen stehen, d. h. zu ihrer
Weiblichkeit mit männlichem Körper und zu ihrer Männlichkeit mit weiblichem Körper. Dann wechselten sie von der "Würde"
der psychiatrisch-chirurgischen Krankheitseinheit zur "Würde" einer sozialen Minderheit. Das wäre eine Provokation sondergleichen
in einer Gesellschaft, die dem Geschlechtswechsel und den Geschlechtsübergängen keinen institutionellen Ort einräumt, jenseits
der Kliniken und Kanzleien. In einer Gesellschaft, die trotz aller Geschlechtsrollenaufweichungen von der gesellschaftlichen Arbeitsverteilung
bis zum Rechtssystem keinen Zweifel daran läßt, welches Geschlecht das sexus sequerior ist, das zweite."
Kann Johanna Kamermans sich vorstellen, daß sie noch einmal ins Männliche zurückkehrt? Daß sie ein
schwuler Mann wird? "Wenn man, wie ich, zwanzig Jahre als Frau gelebt hat, dann kann man das nicht mehr rückgängig machen, wobei
ich das auch gar nicht will. Weil ich auch sehr viel gewonnen habe durch mein Leben als Frau. Daß ich durch die Erziehung Weggedrücktes
wieder an die Oberfläche bringen konnte, daß ich mich in Frauen hineinversetzen kann. Wobei es so ist, daß ich auch jetzt erst
weiß, was ich damals meiner Frau angetan habe."
Es ist nicht leicht, durchzukommen. Das Altern empfindet Johanna Kamermans manchmal als mühsam, als wäre sie in
den transsexuellen Wechseljahren. Womit verdient sie heute ihr Geld? "Ich bin für einen Film über mich relativ gut entlohnt worden,
weil ich die Idee dazu hatte. Dann habe ich ein bißchen was geerbt und ich kriege auch etwas vom Staat. Das darf aber kein Dauerzustand
sein. Ich mache alles Mögliche. Aber ich gebe zu, die Situation ist kritisch. Ich habe immer noch die Hoffnung, daß ich mit dem Schreiben
eine neue Ebene erreichen kann. Vielleicht gelingt es mir auch filmisch, Fuß zu fassen. Nicht vor der Kamera, sondern dahinter. Ich habe
immer irgend etwas im Tun."
Ich habe viel gelernt von Johanna Kamermans
Hamburg, Anfang 1994
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