Schwule Diskriminierung mitten in Berlin
oder
(politischer) Schein und (gesellschaftliche) Wirklichkeit

Es ist Wahlkampfzeit und da kann - so sieht es jedenfalls zur Zeit (scheinbar) aus - auch die sexuelle Orientierung nicht aussen vor bleiben: alle sind engagiert, alle sind politisch: "Akrobat schön!"

Da wirbt in Berlin die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen mit Anzeigen für ihre (wiederentdeckten) parlamentarischen Initiativen, wie die rechtliche Gleichstellung von lesbischen und schwulen Partnerschaften und die finanzielle Absicherung der lesbischen und schwulen Selbsthilfeprojekten.

Und sogar der eher homophobe Spiegel (26/1998) lässt sich zu einem unterhaltenden Artikel über die Hamburger CSD-Querelen herab, wo sogenannte "Berufsschwule" (wunderbar gesagt!) mit ihrem eigenmächtigen, diesjährigen CSD-Slogan "Sichtbar, stark und stolz - für den Wechsel" klar und deutlich für ein rot-grünes Bündnis votiert hatten. Darauf fühlte sich die (Hamburger) CDU prompt angegriffen und gab deshalb solch denkwürdige Sprüche von sich wie "Das ist ein Ausgrenzungsmotto" und "Schwule und Lesben denken politisch genauso vielschichtig wie andere Menschen (sic!) auch".

Die (Westerwelle-) FDP kritisierte diese höchst spiessigen Auseinandersetzungen dann wieder mit dem politischen Votum "Da vertreten Berufsschwule doch nur eine Minderheit innerhalb einer Minderheit" - womit sie mehr als recht hatte. Und die Angesprochenen konterten schliesslich mit der Behauptung "Fortschritte in der Lesben- und Schwulenpolitik seien nur durch einen Regierungswechsel zu erreichen" - womit sie allerdings wieder weniger recht hatten. Denn es wäre fatal zu glauben, dass die (schwul-lesbische) Politik von heute noch etwas mit der Orwellschen Gesellschaft von morgen zu tun haben wird. Die Weichen zu einer wohl "gnadenlosen" Zukunft sind - im Rahmen der unaufhaltsamen Forschungserkenntnisse in Genetik und Molekularbiologie - bereits seit längerer Zeit gestellt worden und das "Titanic-Erlebnis" einer Politisierung der Sexualität wird früher kommen, als man/frau glauben mag, "Berufsschwule" und Wahlen hin oder her. Die Zeiten ändern sich!

Ein wenig wird dies schon deutlich, wenn in einem Artikel in der Berliner Zeitung vom 27.06.98 über die Vorgänge um die Weiterverwendung des sich offen schwul bekennenden Oberleutnants Erich Schmid in der Bundeswehr berichtet wird. Unter der Schlagzeile "Bundeswehr will schwulen Offizier nicht übernehmen. Homosexualität wird bei Outing zum "Eignungsmangel"" heisst es im Bericht: "Der Oberleutnant wurde daraufhin nach Bonn (demnächst also Berlin!) zum Personalgespräch gebeten. Zwei Offiziere teilten ihm mit, dass aufgrund seines "Eignungsmangels" die Bundeswehrkarriere so gut wie beendet sei, da Homosexuelle nur auf Posten ohne direkte Untergebene und ohne Aussenwirkung ( ! ) eingesetzt werden könnten. Die Bundeswehr käme nur ihrer Fürsorgepflicht nach, indem sie ihn (Schmid!) vor Diskriminierung schützen würde". Sehr subtile und "fürsorgliche" Formulierungen sind hier noch verwendet worden....

Weniger subtil und fürsorglich geht es dagegen mitten in Berlin, unweit vom künftigen Regierungsviertel, zu und zwar in der weit über der Stadt sichtbaren Charité, eines der grössten Medizinkomplexe Deutschlands. Denn hier wird dieser vorerwähnte, diffuse "Eignungsmangel" allen homosexuellen und bisexuellen Männer unterstellt, welche sich dort zur Blutspende melden. Klipp und klar heisst es da im unterschriftlichen Charité - Fragebogen zur Spendetauglichkeit von Erstspendern:

"Aufgrund des häufigeren Vorkommens übertragbarer Infektionskrankheiten sind Drogenabhängige, homo- und bisexuelle Männer, ehemalige Strafgefangene und Personen mit häufig wechselnden Intimkontakten dauerhaft von der Blutspende ausgeschlossen". Und in einem (gelben) Infozettel "Was Blutspender über AIDS wissen sollten" (wird während der Blutspende vorgelegt) heisst es (in Verantwortung der Hamaphereseabteilung des Institutes für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie der Charité (Univ.-Prof. Dr. Dr. H. Kiesewetter)):

"Deshalb sollten Angehörige folgender Risikogruppen ( ! ) kein Blut für Transfusionszwecke spenden:
* Männer, die nach 1977 ( ! ) Sexualkontakt mit einem Mann hatten und deren Sexualpartner
* Einwohner von Afrika und Haiti, die nach 1977 nach Deutschland gekommen sind und deren Sexualpartner
* Frauen und Männer, die in den letzten 12 Monaten Sexualkontakte mit Prostituierten, wenig bekannten Partnern oder bisexuellen Personen hatten
* usw."

Durch entsprechendes Ankreuzen kann dann in diesem Infozettel entschieden werden zwischen "Mein Blut soll nicht für Patienten verwendet werden " und "Mein Blut kann für Patienten verwendet werden". Alles (normaler) Alltag in der Charité - man/frau glaubt es kaum.

In einem Artikel in der (konservativen) Berliner Morgenpost vom 29.06.97 mit dem Titel "300'000 wollten Männer in Pink sehen. Ausgelassene Stimmung auf dem
Kudamm - 20. Christopher Street Day" (sehr aufschlussreich: "Männer in Pink") hiess es seitens SVD-Geschäftsführerin Ute Pfeifer: "Wir fordern gleiche Rechte für Homosexuelle, zum Beispiel die Möglichkeit der Eheschliessung, ein Kind zu adoptieren und gleiches Steuerrecht".

Und was ist mit der Möglichkeit der Blutspende mitten in Berlin, direkt vor der künftigen (politischen) Haustür? Um diese schwule Diskriminierung könnten sich die Berliner "Berufsschwulen" doch auch mal kümmern, oder?


Berlin, den 28.06.1998
Johanna Kamermans