Memories of Berlin

Berlin kündigt sich an: als riesiger Lichtfleck taucht die Stadt vorne auf, rasch kommen die ersten Lichtstraßen näher, es funkelt in allen Farben - ein märchenhafter Anblick! Von oben gesehen hat Berlin eine ungemeine Faszination: Die BAC 111 scheint den Lichtersee jetzt zu streifen, so tief sind wir bereits. Da ist die Siegessäule, dort das Brandenburger Tor, die Gedächtniskirche. Gott sei Dank, ich bin wieder in Berlin! Kaum zu fassen!

Die metallische Stimme der Stewardeß tönt durch die Maschine:..."wir werden in einigen Minuten landen, bitte bleiben Sie angeschnallt, bis die Motoren abgestellt sind". Bevor ich es richtig realisiere, rollen wir bereits über die Landepiste dem Flughafengebäude entgegen. Ich atme auf und löse den Gurt. Eine Art Reflexbewegung, ich bin nicht gerne eingeengt. Geht sicher auf meine Kindheit zurück, ich erinnere mich so vage.

Das Taxi bringt mich in kurzer Zeit zum Hotel. Der Schweizerhof ist voller Leute, man kommt gerne hierher, man fühlt sich hier so richtig wohl. Die Schweiz in Berlin, eine ideale Kombination. Ich fühle mich auch immer wie zu Hause, wahrscheinlich hänge ich doch mehr an der Schweiz als ich meine...!

Wir fahren hinauf zum obersten Stock. Wiederum ein Appartement wie im Traum. "Für Spezialgäste," sagt der Boy. Bin ich Spezialgast? Wer weiß, was Gonzales wieder alles erzählt hat, bei ihm ist eben alles möglich. Ich schaue mich nochmals vorsichtig um, nein, es scheint alles normal zu sein.

Der Boy verschwindet wieder. Zufrieden ist er mit mir, das sehe ich ihm an. In solchen Sachen kann ich enorm großzügig sein. Meine Koffer sehen aber auch wirklich seriös aus - nur die Zollbeamten und ich, wissen um ihren Inhalt. Koffer wie viele andere, doch so voller Geheimnisse. Dieses Gefühl macht mich immer glücklich und wenn ich glücklich bin, bin ich eben großzügig; so einfach ist das!

Ich packe aus, ordne meine Garderobe, meine Haare, meine Wäsche. Der Anblick dieser schwarzen Minis erregt mich immer wieder von neuem. Fasziniert betrachte ich jedes Stück. Reizwäsche ist das spezielle Faible von Gonzales, aber nur wenn ich sie trage, sagt er mir immer wieder.

Ein wohliges Bad spült alle Müdigkeit von mir fort. Ich räkle mich im warmen Wasser und ich fühle mich so wohl wie schon lange nicht mehr. Endlich bin ich wieder da; jetzt weiß ich auch, warum ich Berlin so liebe.

Was wird denn heute werden? Wo gehe ich denn an diesem Abend noch hin? Gonzales kommt erst morgen. Geschäfte, hat er gesagt. Ich vertraue ihm, ich weiß, daß es wahr ist. Aber allein bin ich heute abend trotzdem. Und genau so weiß ich, das ich diesen Abend nicht im Hotel verbringen werde. Ich liebe das Leben nun mal und die Männer ganz besonders. Warum auch nicht...das Leben ist viel zu kurz um allein zu bleiben.

Vor dem Spiegel bin ich wieder ganz verliebt, in mich selbst, in die Welt, in alles. Meine Hände gleiten langsam meinem nassen Körper entlang, sanft wölbt sich meine Brust, ein herrliches Gefühl, dieses Streicheln. Es ist, als sprängen Tausende von kleinen Fünkchen über, mir wird fast schwindelig dabei, leise und verträumt schwebe ich davon...

Das Schminken braucht seine Zeit, in dieser Beziehung bin ich recht umständlich. Langsam verwandelt sich mein Gesicht, die Augen werden dunkler, geschickt ziehe ich meine Brauen nach. Nur mit den Wimpern habe ich immer etwas Mühe: Bin ich allein oder geht es den anderen genau so? Was weiß ich, so mitteilsam sind wir nicht in unseren Kreisen. Know-how heißt das im Geschäftsleben, aber bei uns will jede die Schönste sein und es für sich behalten. Eigentlich schade - aber ob ich da viel besser bin? Man hat eben so seine Geheimnisse...! Als die blonden langen Haare mein Gesicht umrahmen, bin ich plötzlich wieder da: Gigi is born, mein zweites Ich lächelt mir jetzt entgegen. Vollends glücklich bin ich endlich wieder mich selbst.

Ich spüre bereits die Blicke, welche mich nachher treffen werden: prüfende, neidische, bewundernde, was weiß ich. Ganz werde ich nie dahinter kommen, aber ich habe mich daran gewöhnt, es ist eben so!

Bei den Männern weiß ich zwar meistens woran ich bin - aber bei den Frauen? Sie werden mir sowieso immer ein Rätsel bleiben. "Das Weib und seine Geheimnisse". Aber was soll ich lange darüber nachdenken, es ist nun mal so und es wird alles seinen Lauf nehmen. Ich finde mich damit ab. Die Welt zu verstehen ist in unserer Situation sowieso doppelt schwer.

Der Taxichauffeur fährt mich zum Cabaret, für welches ich mich endlich entschlossen habe. Überfüllt ist es, ich finde kaum Platz. Ein Fernsehstar soll da sein. Zum privaten Besuch natürlich, aber unterdessen weiß es ja jeder. Soll wahrscheinlich auch der Zweck von allem sein, aber er ist trotzdem sympathisch, russisch ist seine Seele, Wodka sein Zauberwort - die Welt will betrogen sein.

An der Bar begrüßt man mich sehr freundlich. "Süß siehst Du aus," sagt die Bardame, und ich freue mich über dieses Kompliment. Mein Selbstvertrauen hebt sich sogleich um etliches. Denn so sicher wie ich mich gebe, bin ich eigentlich gar nicht. Es braucht eben immer alles seine Zeit.

Das Programm ist wie immer, gut und abwechslungsreich. Eine Sängerin aus Afrika, auch eine junge Striptease-Tänzerin aus dem Alcazar in Paris. Neben mir wird Sekt getrunken. Ob ich auch ein Glas mittrinken möchte? Natürlich will ich, so fängt es immer an. "Pourquoi pas," Sekt könnte ich immer trinken, aber ich werde doch aufpassen müssen, Gonzales nimmt es in der Beziehung eigentlich recht genau; Seitensprünge auf seine Kosten toleriert er nicht. Recht hat er, ich will mich ja auch nur amüsieren. Der andere braucht es ja nicht zu wissen.

Als wir später über den brodelnden Kurfürstendamm fahren, verpackt in einen silberglänzenden Sportwagen, bin ich mir nicht mehr ganz so sicher, ob ich mich nur noch amüsieren will. Dafür sieht mein Begleiter zu gut aus. Es ist alles so selbstverständlich für ihn und, über mich selbst erstaunt, haben wir das Lokal schon bald zusammen verlassen. Ich lasse mich überraschen und zugleich unterdrücke ich mein schlechtes Gewissen. Mit Sekt läßt sich das bei mir relativ leicht machen.

In seiner Wohnung verführt er mich ganz raffiniert. Ich kann nicht anders als darauf hereinfallen. Alle guten Vorsätze sind vergessen. Gonzales ist ja weit weg, sehr weit sogar. Während wir tanzen zieht er mich langsam aus. Seine Hände gleiten dem Reißverschluß entlang und plötzlich liegt mein Kleid zu unseren Füßen. Die leise Musik und seine warmen Lippen lassen mich alles vergessen, Tempelhof, das Hotel, Gonzales und noch viel mehr- nur eines nicht...

Wir verstehen uns ausgezeichnet. Er ist sehr zärtlich und hat Geduld mit mir. Ich habe einen Blick für solche Männer, aber hilft es mir? Seine Hände verweilen auf meinen Brüsten und wandern dann weiter. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl läßt mich erschauern. Ich möchte es weiter genießen, bis zum Schluß auskosten. Aber kann ich das? Nein, ich kann ihn nicht enttäuschen. Er soll nicht wissen, daß zwischen ihm und mir bestimmte Parallelen bestehen.

Erstaunt sieht er mir nach, wie ich seine Wohnung verlasse. Einmal mehr nehme ich mein Geheimnis mit mir fort. Ich bin traurig und doch glücklich in diesen Stunden, in meinem Leben in Berlin. Es werden schöne Erinnerungen bleiben, eben memories of Berlin. Und ich bin froh darum.


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G.K.