Die stillen Tage von Arosa

Es ist warm in der Sonne. Grell blitzt das Licht zurück von den schneebedeckten Hängen. Oben am weißen Grat spielen zarte Wolken mit sich und der Welt. Einmal sind sie da, dann sind sie wieder verschwunden. Stundenlang könnte ich diesem verträumten Spielen zuschauen. Es beruhigt ungemein, und man hat Zeit zum Nachdenken. Wann kommt man schon dazu?

Schon lange war ich nicht mehr in Arosa. Früher, von Chur aus, war ich öfter hier, fast jedes Wochenende. Ich kenne jede Ecke, jeden Winkel, jeden Hang. Überall ging ich hin, immer auf der Suche. Schon damals spürte ich diese Unruhe, war dieses unbestimmte Gefühl in mir. Ich weiß noch gut, wie besänftigend Arosa auf mich wirkte, sobald das Schmalspur-Bähnchen die ersten Häuser erreichte. Und dazu der endlose Schnee, die mächtigen Berge, die lautlos schwebenden Vögel hoch oben am Weißhorn - dort, wo endlich Ruhe war, die Welt vergessen und die Stille von nichts gestört wurde. Ob es jetzt immer noch so ist? Gestern bin ich angekommen. Als Gigi bin zurückgekehrt, Arosa ist wieder da für mich. Eine Einladung, welche ich nicht für möglich hielt, hat mich dorthin zurückgeführt, wo ich so glücklich war. Ob ich dieses Glück nochmals erleben werde...?

In neuen Tschuggen-Hotel hat John mich untergebracht. "Paßt gut zu dir," hat er gesagt, "es wird dir dort gefallen". Bis jetzt stimmt es; ich bin sogar sehr zufrieden. Ein abgeschlossenes Appartement, ganz für mich, und einen netten Etagen-Kellner - fast etwas zu nett, da muß ich mich in acht nehmen. Könnte peinlich werden...!

Es sind Gäste aus aller Welt hier, Engländer, Japaner, Holländer und vor allem Amerikaner. Jetzt weiß ich auch, warum John sich ein Chalet im fernen Arosa leisten kann: hier gibt es genug Landsleute, da müssen seine Geschäfte ja gutgehen.

Ich freue mich jedenfalls darüber, daß es ihm so blendend geht; in meiner Lage braucht man eben sehr viel, und da ist es eben gut, wenn genug da ist. Dieser Gedankengang hat sich noch immer bewährt...

John ist wirklich sehr großzügig; ich durfte meine ganze Garderobe für Arosa auf seine Kosten zusammenstellen. In der Boutique haben sie vielleicht geschaut! Ein schönes Gefühl, sagen zu können: "Senden Sie die Rechnung dorthin!" Es ging ohne weiteres; man scheint John hier in Arosa gut zu kennen, hoffentlich nur im guten Sinne...

Natürlich war die Verkäuferin ziemlich verdattert, als ich alles ausprobierte. "Eine tolle Figur muß ihre Freundin haben, wenn es ihr so gut passen soll wie Ihnen," sagte sie dazu. Ich habe sie in ihrem Glauben gelassen; eine heile Welt soll man nicht zerstören. Ob ich heute abend mal hingehen soll...?

Und nun warte ich also auf John, liege auf einer Terrasse in der heißen Sonne und träume vor mich hin. Gerade hat er angerufen: am späten Abend wird er bei mir sein. Ich werde auf ihn warten; ich kenne ihn doch: er wird ausgehungert nach mir sein. Und ich werde wieder so sein, wie er es von mir gewohnt ist: sexy, wild und zärtlich zugleich. Er wird mir keinen Augenblick Ruhe lassen und immer wieder Besitz von mir ergreifen. Aber er wird dabei zärtlich bleiben, und das ist für mich die Hauptsache. Liebe ohne Zärtlichkeit könnte ich nicht ertragen; Grobheiten machen mich traurig.

Ich male mir schon aus, wie er mich entkleiden wird, Stück für Stück, behutsam und doch zielstrebig. Darin ist er unerreicht; ich wundere mich immer wieder über ihn, über seine Phantasie, seine Geduld. Er wird mich ausziehen bis ich nackt vor ihm stehe, nur noch mit Schmuck und Parfüm bekleidet...

Und dann wird er vor mir knien, mich liebkosen, seine Zunge spielen lassen. Seine Hände werden über meinen Körper gleiten und mich ganz sanft streicheln. Und ich werde dabei immer erregter werden, wenn er ganz leise meine Brust streichelt. Es ist, als ob ich ihn schon jetzt spüre, ganz heiß wird mir plötzlich...

Ich wache aus meinen Träumen auf. Halt! befehle ich mir, hör auf, sonst hast du heute abend keine Lust! Und das merkt er dann und das willst du doch nicht!

Ich zwinge mich, nicht weiter zu träumen. Außerdem macht es allein sowieso keinen Spaß. Und Zeit für den Aprés-Ski ist ja auch. Ganz was Tolles habe ich da gestern gekauft, aus schwarzem Lurex, eng geschnitten und schenkelkurz: wie eine zweite Haut schmiegt es sich an die Formen des Körpers. Und dazu werde ich überkniehohe Nappastiefel tragen: sieht fabelhaft aus.

Nun ja, Aprés-Ski in Arosa ist keine Kaffeestunde bei Kempinski am Kudamm. Hier gibt es doch noch andere Bienen wie dort. Stürzten sich gestern fast alle auf mich, als ich in die Bar kam. Nur, weil ich männlich aussah und Geld zu haben schien. Nachher war ich wieder um einige Erfahrungen reicher. Frauen...!

Aber ich habe sie gleich abblitzen lassen - ich bin doch nicht lesbisch! Ob der Barkeeper sich noch an meine Stimme erinnern wird? Die Mädchen sicher nicht mehr...ist auch besser so.

Ich bin richtig gespannt auf heute abend. Sie werden mich prüfen, abwägen und nachher anfangen zu fragen: "Wo kommst du her, wo wohnst du?" Wird nicht viel anders sein als in Zürich. Aber einladen werde ich mich schon lassen; ich will mich ja amüsieren. Nur darauf anlegen werde ich es nicht. Nicht so wie in Berlin - dafür ist Arosa doch etwas zu klein...

Auf jeden Fall werde ich mir hinterher ein Taxi nehmen, um sie abzuschütteln, diese maskulinen Kletten. So hartnäckig wie gestern abend ich Männer selten gesehen. Ob es die Höhenluft ist oder das Feriengefühl? Frecher als sonst sind sie hier oben auf jeden Fall, und dabei bin ich doch wirklich schon einiges gewohnt!

Jetzt verlangt es mich schon richtig danach, mich umzuziehen. Ich muß mich sogar beeilen, ich brauche ja immer so viel Zeit! Wirst du heute Abend auch so glücklich sein wie damals? Jetzt, da du wieder zurückgekehrt bist, dich als Gigi zurechtfinden mußt? Das frage ich mich schon die ganze Zeit, aber die Antwort werde ich erst wissen, wenn der neue Tag anbrechen wird, wenn ich Johns starke Arme spüren werde und in einer Wolke von Schlaf und Ruhe versinken werde - so, wie mich damals die Stille leise eingefangen hat, hoch oben im Schnee. Niemals werde ich dieses Gefühl der Ruhe vergessen können; die stillen Tage von Arosa werden immer in mir bleiben, ich weiß es schon jetzt ganz sicher...


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G.K.